„Europa neu denken!“ – nicht mehr und nicht weniger forderten hochkarätige Medienvertreter, Politiker und Wirtschaftsexperten heuer im verschneiten Lech am Arlberg, wie auf neuwal angekündigt. Wie genau das klappen kann, überlegten unter anderem Ex-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf und Ex-EU-Kommissar Franz Fischler. Auf Initiative der Europaparlamentarier Eva Lichtenberger (Grünen), Joe Weidenholzer (SPÖ) und Othmar Karas (ÖVP) gab es erstmals ein Stipendium für Studentinnen und Studenten. Es zeigt sich immer mehr: Alles muss sich ändern, damit Europa bleibt, wie es ist!

Franz Fischler und Kurt Biedenkopf im Gespräch, Foto: APA-Fotoservice/Lechner

„Narzissmus der Nichtigkeiten“ führt zu Konflikten in Osteuropa
Für einen spannenden Auftakt sorgte Schriftsteller Martin Pollak, der seinen Blick vor allem in Richtung Osteuropa lenkte, wo mit dem Zusammenbruch des Kommunismus jahrzehntelang unterdrückte Erinnerungen hochkamen und einen „Narzissmus der Nichtigkeiten“ hervorbrachte. Kleine Unterschiede würden immer stärker hervorgekehrt und sind nun sogar im Stande, Konflikte zwischen den Staaten zu entfachen. Eine gemeinsame Zukunft sei daher nur möglich, wenn auch alle Erinnerungen erzählt werden, und zwar in ganz Europa.

„Ökosysteme statt Egosysteme“ – sonst kommt der Kollaps!
Bernd Kolb, Internetpionier und Gründer des Club of Marrakesh, sah für kommende Generationen Schwarz. Dem Dogma des Kapitalismus und grenzenlosen Wachstum weiter zu folgen, führe unmittelbar in den Kollaps. Für Kolb ist es höchste Zeit, innezuhalten und Gegenstrategien zu finden: „Die Zellen unseres Körpers vollziehen selbstorganisierte Kollaboration statt des Verdrängungswettbewerbs. Wir brauchen Ökosysteme statt Egosystemen.“

Weg vom Wachstumszwang, damit das System stabil bleibt
„Standard“-Chefredakteurin Alexandra Föderl-Schmid schaffte es in der folgenden Diskussion, die unterschiedlichen Zugänge Biedenkopfs, Fischlers und Michael Franks (ehem. Süddeutsche-„Korrespondent“) zur Frage, ob Wohlstand ohne Wachstum möglich sei, zusammenzuführen. Biedenkopf verwies dabei etwa auf Ludwig Erhart, den Vater des deutschen Wirtschaftswunders der 1950er-Jahre, der es ohne Wachstum schaffen musste. „Der Wachstumszwang hat sehr viel mit den politischen Kosten für sozialen Frieden zu tun“, so Biedenkopf, „weil wir nicht denen, die etwas haben, was wegnehmen wollen, damit es denen, die nichts haben, besser geht.“ Fischler sieht Wohlstand ohne Wachstum als Ziel: „Längerfristig ist dieses Modell die Grundvoraussetzung dafür, dass unser System stabil bleibt.“ Frank hält eine Zivilisationsdebatte und die Änderung unserer Lebensweise für unumgänglich: „Wer heute als Unternehmer zufrieden ist, wird geächtet. Wer nicht nach mehr und mehr strebt, ist suspekt. Wir leben in einer kapitalistischen Planwirtschaft, die steten Gewinn verlangt. Zufriedenheit ist einer der größten Werte unserer Gesellschaft, aber in der Wirtschaft gilt sie als schädlich.“

Persönliche Eindrücke vom Mediengipfel
Da neuwal heuer nicht persönlich dabei sein konnte, haben wir Organisatorin Susanne Glass (ARD, Präsidentin des Verbands der Auslandspresse) und Eva Lichtenberger (Grüne, EU-Abgeordnete) um einen kleinen Gipfel-Rückblick gebeten.

Die EU-Abgeordneten Eva Lichtenberger und Othmar Karas

Eva Lichtenberger hätte sich mehr Fokus auf eine neue, nachhaltige Gesellschaft gewünscht: „Heuer war die Krise in Europa im Mittelpunkt der Überlegungen und Debatten. Es wurden auch einige grundsätzlichere Fragen angesprochen, etwa der neue/alte „Hit“ im Politiksprech – das Versprechen von Wachstum und ob eine Gesellschaft, die sich einer ökosozialen Idee verpflichtet fühlt, ohne Wachstum leben kann. Leider wurde das nicht in den Diskurs des nächsten Tages weitergetragen, in dem es dann um die Finanz/Banken/Schuldenkrise in Europa ging. Europa zwischen Spar- und Wachstumszwang war das Thema, das zu einer mittlerweile schon typischen Debatte zwischen den zwei ökonomischen Schulen verkam. Dabei zeichnete sich der Vertreter der Austerity-Schule durch einen erschreckenden Zynismus aus, was sogar bei überzeugten Marktwirtschaftlern zu Kopfschütteln führte.“

Mediengipfel-Gründerin und Veranstalterin Susanne Glass

Susanne Glass zog eine zufriedene Bilanz – bei der Schar hochkarätiger Gäste mit unterschiedlichsten Hintergründen kein Wunder: „Ich fand die Diskussionen noch tiefgehender und teilweise auch kontroverser als im vergangenen Jahr. Wir haben vor allem gesehen, wie unterschiedlich die Einschätzungen und Zugänge der Wirtschafts- und Finanzexperten zur Eurokrise sind. Gleichzeitig fand ich es ermutigend, dass in diesem Jahr alle davon ausgegangen sind, dass doch kleine Schritte zur Lösung der Griechenlandkrise unternommen wurden. Niemand scheint mehr – anders als im vergangenen Jahr – ernsthaft an einen Ausstieg Griechenlands aus dem Euro zu denken!“

In der Krise wird das Große und Ganze diskutiert
Medial wurden die düsteren Szenarien als Folge der Fortführung des Status Quo herausgehoben, etwa im Falter, wo Diskussions-Teilnehmer Joseph Gepp nüchtern festhält: „Wo früher Details von Institutionen debattiert wurde, geht es nun öfter ums Ganze“. Vielleicht wirkt die Stimmung auch deswegen so düster, weil der Druck auch im Mediensektor immer mehr aus dem Ökonomischen kommt, wie auch in Lech wieder überdeutlich belegt wurde. Medienwissenschaftler Matthias Karmasins Studie über die Mediensituation in 14 europäischen Ländern belegt dies klar.

Charles Ritterband (NZZ), Daniel Mayer (Stringer/Producer), Eva Lichtenberger (Grüne), Astrid Zimmermann (Presseclub Concordia) und Medienwissenschaftler Matthias Karmasin, Foto: pro.media kommunikation

Politik muss Medien schützen, wie man an Ungarn sieht
Nur in Ungarn und Italien gibt es noch nennenswerten politischen Druck, wie auch Föderl-Schmid im „Standard“ berichtete. Charles Ritterband spricht laut „Standard“ etwa von „manipulierten Medien“ in Ungarn, andere Korrespondenten deutschsprachiger Medien sehen einen sinkenden Nachrichtenanteil aufgrund des politischen Drucks. Die grüne EU-Abgeordnete Eva Lichtenberger zweifelte auch die Selbstregulierung als geeignetes instrument an, da die EU wie im Beispiel Ungarn „die Zähne nicht ausfahren konnte“. Karmasin sieht auch in Österreich Defizite – speziell bei der Selbstbewerbung von Politikern – und fordert von der Politik, die „Selbstregulation zu regulieren“. Auch Subventionen begrüßt er – zur Sicherstellung „der Infrastruktur der Demokratie“. Die Studie zu Medienfreiheit und Transparenz war auch für Lichtenberger ein Highlight: „Die Basis für einen guten Vorschlag, wie die EU reagieren sollte – statt Regulierung von oben ein Zwang zu effizienten Selbstregulierungen, Redaktionsstatuten etc. – ein sehr interessanter Ansatz!“

Robert Menasse wurde zum Lech-Fan und Fixpunkt, Foto: pro.media kommunikation

Menasse bricht eine Lanze für die Europäische Union
Noch jemand darf seit 2011 beim Mediengipfel nicht fehlen: Robert Menasse. Er hat im September sein neues Buch vorgestellt, „Der Europäische Landbote: Die Wut der Bürger und der Friede Europas oder Warum die geschenkte Demokratie einer erkämpften weichen muss“ (Zsolnay Verlag), von dem er schon im Vorjahr berichtete. Umfassende Recherchen im „bürokratischen Moloch“ Brüssel, wo er extrem freundlich empfangen wurde, haben aus dem „Krisenfan“ einen fast hemmungslosen EU-Anhänger gemacht. Hoffen wir, dass er das noch lange bleiben kann!

Der Mediengipfel 2012 im Video-Rückblick: