Kommt Stalin zurück?

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In Graz erreicht die KPÖ zum zweiten Mal in der jüngeren Vergangenheit 20 % der Stimmen. Als Reaktion steigert sich Christian Ortner in einen Vergleich mit der NSDAP hinein und Christian Rainer findet dass ein entsprechend reflektierender Mensch nicht kommunistisch wählen darf. Wird in Graz schon ein Gulag gebaut? Ein Kommentar von Thomas Knapp.

Kommt Stalin zurück?Nein. Gulag und Völker- oder Massenmord haben in den marxistischen Grundlagen der KPÖ ja auch keine sinnvolle Grundlage. Das ist ein fundamentaler Unterschied der den Vergleich zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus schwachsinnig macht. Der Nationalsozialismus ist eine in seinem Kern und Wesen unmittelbar rassistische Ideologie die von Anfang an auf Massenmord und Krieg ausgelegt ist. Dem gegenüber steht eine Ideologie die zwar das Kollektiv über das Individuum stellt, aber ein solcher Widerspruch zum herrschenden Liberalismus ist noch kein schweres Verbrechen. Man ist damit wahrscheinlich für ein hohes Maß an Unfreiheit anfällig, aber die Verbrechen die ihm Namen des Kommunismus begangen wurden, sind eben nicht in der Ideologie notwendig angelegt.

Christian „Zentralorgan des Neoliberalismus“ Ortner hat noch weitere merkwürdige Argumente und Vergleiche auf Lager. Wie es etwa eine Kritik an der KPÖ ist, dass sich in Ungarn ein besorgniserregender rechtsextremer Antisemitismus breitmacht, etwa. Oder wieso man eine demokratisch gewählte Partei die frei von Verbrechen oder Verbrechern ist, mit gewalttätigen Neonazis die die Demokratie ablehnen oder einer Terrororganisation wie der Hamas vergleichen können soll.

Darf man KPÖ wählen?
Christian Rainer gibt sich in seinem aktuellen Leitartikel schon weniger aufgeregt. Sein Argument dafür dass man die KPÖ nicht wählen dürfe, baut darauf auf, dass eine Distanzierung von den Verbrechen Stalins, „ ohne dass gleich auch der Wortlaut ‚Kommunistische Partei‘ gestrichen werden müsste“, schwerlich möglich sei. Das argumentiert er aber nicht, sondern verkündet er einfach so.

Man kann Rainers Argument zu Testzwecken einfach akzeptieren, wie es der User „Kotzenstoaner“ auf profil.at macht, und einfach der Logik des Arguments folgend etwas anderes für Kommunismus einsetzen. Etwa „Darf ein entsprechend reflektierender Mensch katholisch sein?“. Die Antwort ist natürlich „Nein“. Denn „[d]er Katholizismus ist irreversibel belastet durch eine verbrecherische Realität. Sich von dieser tauglich zu distanzieren erscheint unmöglich angesichts des Gewichts dieser Geschichte.“ Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, Inquisition. Der Kampf gegen jeden wissenschaftlichen und humanistischen Fortschritt. Über viele Jahrhunderte hinweg.

Warum dann nicht die KPÖ?
Natürlich würde dieses Argument kaum jemand bringen. Die meisten Menschen scheinen zu akzeptieren, dass eine grundlegend auf etwas Gutes ausgelegte Idee wie das Christentum sich von einer extrem belasteten Vergangenheit, in der sie für furchtbarste Verbrechen missbraucht wurde, distanzieren kann. Warum dann nicht die KPÖ? Grade wenn man bedenkt, dass sich die KPÖ von den Verbrechen anderer kommunistischer Parteien in der ehemaligen Sowjetunion deutlicher abgrenzt als die ÖVP von ihrer eigenen Geschichte, in der sie die Demokratie in Österreich ausgeschalten, Lager für politische Gegner errichtet und eine faschistoide Diktatur errichtet hat.

Das heißt nicht dass die KPÖ die ideale Partei ist. Aber man kann schon soweit die Fakten akzeptieren, dass sie zB gegenüber China kritischer ist als die meisten konservativen oder liberalen Regierungen. Dafür hat sie ein wesentlich unkritischeres Verhältnis zu Kuba. Und zur EU ist ihre Haltung bedenklich bis gefährlich. Das sind die Idee von BZÖ, FPÖ und Stronach aber auch. Deshalb, lassen wir die Kirche im Dorf und akzeptieren wir die Toleranzwerte der liberalen Demokratie, die zu verteidigen wir behaupten. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es besonders perfide ist eine Partei die einen wesentlichen Anteil am Widerstand gegen Hitler in Österreich hatte, mit dem Nationalsozialismus zu vergleichen.

Nachtrag: Der Kommentar wurde heute früh automatisch veröffentlicht, aber schon gestern Nachmittag geschrieben. Deshalb enhält er keinen Verweis und keinen Bezug auf Michel Reimons Blogpost „Sag Opa, war „Die Presse“ früher auch schon so niveaulos?„, was hiermit nachgeholt sei.

Foto: Andrew Butko/Wikimedia Commons

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Jahrgang 1986, lebt in Graz, bloggt und twittert politisch und schreibt auch sonst gerne.
  • Lieber Thomas Knapp!

    Was die EU betrifft, werden wir uns erst einig werden, wenn sie Geschichte ist.
    Ansonsten. Besten Dank für Deinen solidarischen Artikel.

    Franz Stephan Parteder

  • Oskar Polak

    Hallo,

    prinzipiell geb ich dir Recht, oder wie es der Holub (auf eine andere Partei bezogen) formuliert hat: Jeder Idiot darf sich einen Depp wählen der ihn repräsentiert.

    Dein Vergleich mit der Kriche ist super, und noch besser als du denkst. Denn genau wie die Kirche bezieht man sich auf eine höhere Distanz (Marx) die ja nur alles Gute für alle will(Und die Anhänger sind meist frei von kritischen Gedenaken über die eigene Religion).

    Nichtbedacht wird dabei, das genau wie im nationalen auch der internationale Sozialismus von einem Ende der Geschichte schwafelt. Der Kommunismus ist ohne Revolution, Massenenteignung und Unterdrückung nicht einmal teoretisch denkbar.

    MfG Oskar Polak

  • Erwin Schotzger

    Der immer wieder zum Besten gegebene Irrglaube, dass der Kommunismus auf einer „guten Idee“ oder eine „Befreiungsidee“ oder sonst irgendwie mit Aufklärung und Humanismus vereinbaren Idee beruhen würde, ist FALSCH – und basiert auf der über 100 Jahre langen Vereinnahmung von Marx durch den Kommunismus bzw. dessen Verteufelung auf der anderen Seite der großen ideologischen Auseinandersetzung des 20. Jahrhunderts. Marx ist aber NICHT gleich Kommunismus!

    Kommunismus ist (ganz genau wie der Nationalsozialismus – und diese „Gleichsetzung“ bzw. Vergleichbarkeit wurde bereits 1986/87 im Historikerstreit bewiesen – sie stellt auch in keiner Weise die Singularität des Holocaust in Frage!) eine totalitäre Ideologie, die von Anfang an auf die Revision von Aufklärung und Humanismus zielte.

    Die „gute Idee“ ist ein Feigenblatt – von Hannah Arendt eine „ideologische Prämisse“ genannt: Wer einmal akzeptiert, dass diese Utopie (die Befreiung des Proletariats bzw. die „klassenlose Gesellschaft“ im Fall der Kommunisten) ein sinnvolles, wünschenswertes, … was auch immer … Ziel der Politik ist, der akzeptiert im Sinne einer totalitären Ideologie auch alle Mittel, die auf dem Weg dahin zu setzen sind! Nur dazu dient die „gute Idee“ – und der Kommunismus hat von Anfang an, in Theorie und Praxis, weltweit, genau nach diesem ideologischen Prinzip gehandelt.

    Kommunismus ist also gegen individuelle Menschen- und Bürgerrechte gerichtet, gegen Demokratie … gegen Humanismus … schon von der Idee, von der Theorie und erst recht von der Praxis her!

    Es gibt in Westeuropa eine romantische Verklärung des Kommunismus als „humanistische Befreiungsbewegung“ in direkter Linie mit der Aufklärung bzw. der Französischen Revolution (daher auch besonders bei französischen Linken verbreitet) … diese Sichtweise ist historisch nachweisbar falsch … das Gegenteil ist der Fall (Kommunismus und Faschismus/Nationalsozialismus sind moderne, totalitäre Ideologien, die gegen Aufklärung, Humanismus und individuelle Bürgerrechte gerichtet sind) … in diesem Zusammenhang empfehle ich das hervorragende Buch des Historikers François Furet „Das Ende der Illusion“ oder auch eine Recherche zum Historikerstreit in Deutschland (1986/87) oder auch zahlreiche historische Arbeiten zu Kommunismus und Totalitarismus (insbesondere die Vergleichbarkeit mit dem Nationalsozialismus) der vergangenen 20 Jahre.

    Umso mehr ist es naiv und kontraproduktiv, dass demokratische Politiker auf das Label „Kommunismus“ aus nostalgischen Gründen bestehen (wie im Fall der KPÖ) …

    … abgesehen von dieser Nostalgie bzw. romantisch-verklärten Sicht auf den Kommunismus haben aber die Grazer „Kommunisten“ wenig mit „echten“ Kommunisten gemeinsam. Diese Nostalgie kann vielmehr als selbst auferlegtes Handicap gesehen werden, als eine Art Selbstbeschädigung oder Negativ-Marketing aus nostalgischen oder grundsätzlichen Gründen.

    SCHADE! Denn eine linke Alternative oder neue Linkspartei, für die linke Politik nicht nur Lippenbekenntnisse sind und die den Rechtsliberalismus und Rechtsextremismus der vergangenen 30 Jahre wieder ein wenig ausgleicht, wäre längst überfällig – in Österreich und in Europa! Unter dem Label des Kommunismus wird eine „linke Alternative“ jedenfalls ein skurriles, lokales Phänomen bleiben. Nochmal: Schade!

  • Hans Asenbaum

    Lieber Erwin Schotzger,

    du hast zwar deine These, dass der Kommunismus mit dem Faschismus als Totalitarismus gleichzusetzen sei, mehrmals und wortreich wiederholt, bist aber jedes Argument und jeden Hinweis dies zu belegen schuldig geblieben.

    Die kommunistische Ideologie ist tatsächlich im Kern eine zutiefst emanzipatorische und in vielerlei Hinsicht viel konsequenter in dem demokratischen Prinzip der gleichen Freiheit aller als der Liberalismus. Diese emanzipatorischen Ideen lassen sich leicht in der Ideengeschichte des Sozialismus zurückverfolgen. Der Frühsozialist Charles Fourier (1772-1837) beispielsweise vertrat die Vision eines genossenschaftlichen Gemeinwesens, in dem sich alle die Arbeit entsprechend ihrer Interessen und Leidenschaften aufteilen. Die Arbeit wird so kreativ, befriedigend, erfüllend und befreiend. Jeder Zwang wird überwunden. Marx wurde von Fourier stark beeinflusst. Sein Grundgedanke besteht darin, dass das Individuum von unterdrückender Lohnarbeit und Ausbeutung befreit wird. Arbeit wird zur kreativen Selbstverwirklichung. Die darauf basierende sozialistische Utopie, die den Marxismus und den Kommunismus ganz allgemein prägte, beruht auf dem Gedanken der demokratischen Selbstverwaltung. Dies zeigt sich in teils real umgesetzten Beispielen wie der Pariser Kommune von 1971, diversen basisdemokratischen Experimenten um 1968, in der Unibrennt-Bewegung, den israelischen Kibbuzim und in diversen Selbstverwaltungsprojekten in Lateinamerika heute. Nicht alle dieser Beispiele haben sich als sozialistisch deklariert, sie gehen aber alle auf diese Denktradition zurück. Der Grundgedanke besteht darin, dass sich Menschen selbst organisieren und ihre Angelegenheiten selbst, direktdemorkatisch verwalten. Der Gedanke der Demokratie ist mit jenem des Sozialismus/Kommunismus viel enger verwoben als mit jenem des Liberalismus/Kapitalismus. All diese kleinen sozialistischen Selbstverwaltungsprojekte spiegeln die Idee des Kommunismus – trotz ihrer Unzulänglichkeiten, die sich hier auch aufzählen ließen – viel klarer wider als die missglückten großen Projekte. Der „real existierende Sozialismus“ bzw. Staatssozialismus beruhte auf brutaler Repression und hat nur ansatzweise etwas mit den Ideen Fouriers, Marx und andern kommunistischen DenkerInnen gemein.

    Die von dir angesprochene Totalitarismustheorie kann eines gut fassen: und zwar den repressiven Charakter von Faschismus und STAATSSOZIALISMUS. Dies darf aber nicht mit dem eigentlichen, klassischen, theoretischen Sozialismus/Kommunismus verwechselt werden. Und das ist der große Fehler, der meist aus totalitarismustheoretischer Perspektive gemacht wird.

    • Oskar Polak

      „Dies darf aber nicht mit dem eigentlichen, klassischen, theoretischen Sozialismus/Kommunismus verwechselt werden. Und das ist der große Fehler, der meist aus totalitarismustheoretischer Perspektive gemacht wird.“

      Ich weiß du nimmst mir das jetzt sicherlich übel, aber diesen rhetorischen Trick kann ich mit jedem totalitären System machen, auch mit der (zurecht verbotenen) Nazi Ideologoie. Da sich jede Faser in meinem Körper wiederstrebt etwas positives darüber zu tippen lass ich es aber.

      Faktum im Kommunismus bleibt aber die Herrschaft des Proletariats (Oder real von Apparatschiks die sich für Arbeiter halten)und der zwangsläufig Blutige weg dahin. Der Weg der frühen Sozialdemokraten (Sozialismus das Ziel- Demokratie der Weg) wurde von Kommunisten daher immer abgelehnt. (Wer hat uns verraten- Sozialdemokraten) Bei Marx ist das Ende der Geschichte, nur durch eine Revolution zu erreichen, und (so Engels) weiter je mehr Opfer es früher gibt um diese Revolution zu erreichen desto weniger Opfer wird es gesamt geben.

      Die von dir angesprochene Utopie ist ein typisches Merkmal von Faschistischen Ideologien/Religionen. Es werden mit einem ungewissen Versprechen für die Zukunft (Gott will es, oder bei Marx es ist Wissenschaftlich erwiesen) aktuelle Greueltaten und Ungerechtigkeiten gerechtfertigt.

      Solange sich eine Partei auf eine solche Ideologie beruft (Unabhängig von ihren Real Gottseidank gänzlich anderen Tätigkeiten) muss es auch eine Debatte darüber geben. Stellt euch doch nur mal vor eine Partei würde sich auf den nationalen Sozialismus des Briten Karl Pearson beziehen. Zu recht würde es Diskussionen über die Legitimität geben.

      Was ich persönlich schade finde, in den Diskussionen derzeit geht es nie um die Unsumme an Falschen Prognosen und Schlussfolgerungen eines Karl Marx.

      MfG Oskar Polak

    • Erwin Schotzger

      Lieber Hans Asenbaum!

      Ich kenne diese Repliken auf Kommentare, die immer wieder die selben (sorry) stupiden Behauptungen aufstellen, die ganz einfach widerlegbar sind … und die dann mit dem (nochmal sorry) blöden Stehsatz kommen, dass doch keine Argumente und Beweise geliefert wurden. Das liest sich so schön in Blog-Beiträgen …

      … nur habe ich oben in meinem Beitrag ziemlich genau die Argumentation dargelegt … die Beweise genannt … und sofern du der Recherche und des Lesens mächtig bist, kannst du ausgehend von den genannten Angaben (François Furet “Das Ende der Illusion”, Hannah Arendt „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“, Stéphane Courtois, Historikerstreit 1986/87, … ) die Genesis des Kommunismus als anti-liberale und anti-humanistische Bewegung und Ideologie nachlesen und recherchieren. Wie gesagt habe ich dies auch oben schon ermöglicht … oder willst du eine ausführliche Literaturliste? 🙂

      Im Gegenteil finde ich keinerlei Fakten in deinem Beitrag … vielmehr ist darin erneut die bornierte Gleichsetzung von Marx, Sozialismus und Kommunismus zu erkennen (mit Verweisen auf Frühsozialisten etc.). Auch der Verweis auf die Pariser Kommune bestätigt, dass offenbar das von mir im ersten Beitrag gesagte gar nicht aufgenommen wurde … oder du es schlicht nicht wolltest.

      Die Totalitarismusforschung beschäftigt sich keineswegs nur mit dem (von dir und typischer Weise von allen Anhängern eines romantisch-verklärten Kommunismusbildes gerne genannten) STAATSSOZIALISMUS (oder dem real existierenden … oder wie auch immer … es müsste übrigens Staatskommunismus heißen, der Kommunismus hat den Sozialismus vereinnahmt … genau bei dieser Unfähigkeit der Unterscheidung liegt offenbar auch das Problem!).

      Die Totalitarismusforschung und zahlreiche Historiker (siehe Bsp. oben) haben (gerade auch nach dem Öffnen der Archive nach dem Ende der Sowjetunion – aber auch ideengeschichtlich, etc.) eindrucksvoll nachgewiesen, dass es sich beim Kommunismus von Anfang an um eine totalitäre Ideologie gehandelt hat (das alleine schließt eine „emanzipatorische“ Befreiungsbewegung aus!!!! Oder irgendetwas, was mit Demokratie, Liberalismus und Bürger-/Menschenrechten zusammengeht!!!) … dass da nichts schief gegangen ist, sondern z.B. auch die Bolschewiki von Anfang – wie die Nationalsozialisten – nach dieser Ideologie gehandelt haben. Und auch alle Kommunisten weltweit danach gehandelt haben.

      Sicher sehr interessant wäre es für dich vielleicht das Ergebnis des HISTORIKERSTREITS zu recherchieren. Und wie gesagt kann ich nur das hervorragende Buch des wohl gemerkt „linken“ französischen Historikers Francois FURET (siehe oben) empfehlen (der das sehr ideengeschichtlich, aber auch mit historischer Beweisführung aufgearbeitet hat) … weniger kann ich in deinem Fall das „Schwarzbuch Kommunismus“ von Courtois empfehlen, weil er eben eher die Opfer des „Staatskommunismus“ dokumentiert, aber auch nachweist, dass Terror und Vernichtung von Minderheiten und allen, die sich der Partei/Bewegung/Ideologie entgegenstellen, von Anfang an Teil der Strategie dieser „emanzipatorischen“ Bewegung war!

      Und alles was du ja letztendlich sagen willst, ist doch:
      Das Ziel heiligt alle Mittel … der Kommunismus hat eine so schön „emanzipatorische“ Utopie … also Terror sowie das (grundsätzlich und de facto) Abschaffen von individuellen Bürger- und Menschenrechten in der Gegenwart seien dadurch gerechtfertigt – um vielleicht eine wunderbare Utopie in weiter, weiter Ferne zu erreichen!

      DAS ist genau die „ideologische Prämisse“ (ARENDT) … so sind alle Anhänger totalitärer Ideologien argumentativ eingefangen worden …

      Tja, leider kann ich hier jetzt kein Seminar draus machen, aber da waren jetzt echt alle ARGUMENTE UND HINWEISE mit dem HOLZHAMMER drinnen … nachlesen, recherchieren und möglicherweise lange falsch gelernte Informationen aktualisieren musst du schon selber …

      … wünsche viel Ausdauer dabei!

  • Hans Asenbaum

    Also, zunächst finde ich auch, dass es eine Diskussion geben soll und die führen wir ja auch gerade und auch in der KPÖ wird und wurde sie meines Wissens geführt.

    Ich stimme auch, wie bereits im vorigen Kommentar angesprochen zu, dass sich Übereinstimmungen zwischen Faschismus und STAATSSOZIALISMUS finden lassen. Die von dir, Oskar, angesprochenen Heilsversprechungen wurden auch im Staatssozialismus gemacht, der sich dafür der emanzipatorischen Ideen Marx, Fouriers und anderer SozialistInnen bediente. Diese Ideen wurden so teils verfälscht. Doch bei diesen Heilsverprechungen gibt es einen zentralen, fundamentalen Unterschied zwischen Faschismus und Sozialismus: Ersterer versprach das Glück einer konstruierten rassischen Gruppe, der Arier. Dieses Glück wurde von dem Unglück, also dem Leid und Tod anderer Bevölkerungsgruppen (JüdInnen, Homosexuelle, Behinderte, Roma und Sinti usw.) abhängig gemacht. In der kommunistischen Heilsversprechung soll das gleiche Glück ALLEN zukommen. Natürlich war hier zunächst nur vom Proletariat die Rede, dessen Diktatur aber dezidiert in den vor staatssozialistischen Theorien als Übergangslösung konzipiert wurde. Das Ziel, also die eigentliche Heilsversprechung, bestand ja in der KLASSENLOSEN Gesellschaft, in der alle gleich und frei sind.

    Wie gesagt wurde die ursprüngliche kommunistische Idee missbraucht und verzerrt. Die vorübergehende „Diktatur des Proletariats“ wurde zur permanenten Diktatur eines kleinen Machtzirkels. Trotzdem darf die ursprüngliche Idee des Kommunismus nicht aus den Augen verloren werden. Insofern verstehe ich die KPÖ, wenn sie den Namen behalten will. Ob dies strategisch klug ist, ist eine andere Frage.

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  • Hans Asenbaum

    Zunächst Mal: Ich verstehe, dass dieses Thema starke Emotionen hervorruft, würde mir aber eine sachliche Diskussion wünschen. Wenn man versucht den eigenen Argumenten mit Untergriffen Nachdruck zu verleihen, zeugt das ja nur davon, dass man ihnen selbst nicht sehr viel zutraut. Gerade über das Medium Internet scheint es schwer zu sein miteinander respektvoll umzugehen und man schreibt schnell etwas, das man im persönlichen Kontakt anders formuliert hätte. Ich diskutiere gerne mit, wenn es um die Sache geht.

    In deinem zweiten Beitrag, hast du tatsächlich ein wichtiges inhaltliches Argument vorgebracht, auf das ich gleich eingehen werden. Aber im großen Ganzen beschränkst du dich darauf auf Quellen zu verweisen. Die sind sicherlich interessant. Aber es ist einer inhaltlichen Diskussion nicht dienlich nur auf Quellen zu verweisen und ihre Inhalte kaum zu erwähnen. Selbst wenn ich mir jetzt diese Quellen anschaffe und sie lese haben ja die anderen Leute, die die Diskussion verfolgen, nichts davon.

    Ich möchte also selbst drei Argumente gegen meine eigene These des emanzipatorischen Sozialismus vorbringen, um diese so zu relativieren.

    1) Als erstes komme ich darauf zurück, was Erwin Schotzger als einziges mir ersichtliches konkretes Argument vorgebracht hat. Bei vielen kommunistischen und sozialistischen Theorien ist der Gedanke der gewalttätigen Revolution zentral. Hierin sehe auch ich ein wesentliches Problem. Meiner persönlichen Einschätzung nach kann das „Reich der Freiheit“ nicht Gewalt zum Ausgangspunkt haben. Die Idee der Revolution wird in neueren sozialistischen/kommunistischen Überlegungen aber relativiert und eher als Umbruchszeit gedacht. Der Begriff Revolution soll demnach eher eine grundlegende Umgestaltung des Systems ausdrücken, und ist so nicht notwendigerweise mit Gewalt verbunden.

    2) Ein zweites Argument, um Erwins These vom grundlegend repressiven Charakter des Kommunismus, zu belegen findet sich in der in meinem vorigen Kommentar bereits angesprochenen Idee der „Diktatur des Proletariats“. Es lässt sich also nachweisen, dass Repression bereits beim, aus Erwins Perspektive, utopisch verklärten Marx angelegt war. Auch hier stimme ich bedingt zu. Tatsächlich sahen KommunistInnen des 19. Jahrhunderts die einzige Möglichkeit den ausbeuterischen Kapitalismus zu überwinden darin, die AusbeuterInnen für eine vorübergehende Zeit zu unterdrücken. Die Idee bestand im Wesentlichen darin, sie ihrer ökonomischen Ressourcen (Kapital) und ihrer politischen Partizipationsrechte zu entledigen. Dies schien deshalb legitim, weil dadurch eine egalitäre Verteilung von Ressourcen ermöglicht werden sollte. Das Ziel der klassenlosen Gesellschaft erscheint als Vision der idealen Demokratie, in der alle gleich mitbestimmen können. Ich wiederhole aber meine Skepsis aus 2) und bezweifle, dass diese Vision durch Zwang erreicht werden kann, weil dies nun Mal ein Paradoxon darstellt. Im Übrigen bleibt anzumerken, dass nicht alle sozialistischen TheoretikerInnen für eine Revolution plädierten, sondern, wie beispielsweise Fourier, einen friedlichen Übergang anstrebten.

    3) Noch ein letztes Argument in Erwins Sinne sei hier erwähnt. Obgleich ich meine, dass sozialistischen/kommunistischen Theorien ein emanzipatorischer, demokratischer Gedanke immanent ist, haben sie sich meist auf ökonomische und soziale Rechte konzentriert und Partizipationsrechte vernachlässigt. Der Kerngedanke der Demokratie – die Idee der gleichen Freiheit aller – wird vor allem vom Besitz des Kapitals abhängig gemacht. Nur wenn dieses der Gemeinschaft gehört, so die meisten Theorien, kann die sozialistische Vision erreicht werden. Dem ist, aus meiner Perspektive, auch grundlegend zuzustimmen, der Fokus muss aber wesentlich erweitert werden. Ökonomische und soziale Rechte müssen um Partizipationsrechte ergänzt werden. Dann ist das kapitalistische Problem nicht damit gelöst, dass das Kapital theoretisch allen GEHÖRT, sondern erst darin, dass alle tatsächlich im Gleichen Maß darüber BESTIMMEN können – was natürlich für sämtliche gesellschaftliche Fragen gilt.

    Skepsis und Ablehnung gegenüber dem Kommunismus/Sozialismus ist vor dem Hintergrund der Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit aus meiner Sicht sehr gut verständlich. Ich fände es aber schade, wenn all die wertvollen Ideen VOR dem Staatsozialismus und auch alle emanzipatorischen Ideen während und nach diesem auf Grund dieser Skepsis von Anfang an als diskreditiert gelten. Ich denke eine offene Auseinandersetzungen lohnt sich.

    • Oskar Polak

      Servus Hans Asenbaum,

      ich werde mich kurz fassen um nicht durch zuviel bla bla vom wesentlichen, also einer theoretischen diskussion über kommunistische theorie abzulenken.

      1.) Du schreibst neuere kommunistische Theorien sollen ohne den Gewaltaspekt auskommen, aber wie soll mit denjenigen umgegangen werden, die nicht ihr Privateigentum freiwillig hergeben wollen, oder mit denen die aus Bequemlichkeit nichts zum Gemeinwohl beitragen?

      2.) Die kommunistische Theorie ist voller inhaltlicher Fehler, ich führe hier nur einen an zwecks übersichtlichkeit: „Das einzige Produktionsmittel von Wert ist Arbeit.“ Gerade durch umweltverschmutzung überbevölkerung und technisierung wurde das produktionsmittel arbeit auf einen der hinteren ränge verdrängt.

      Ich hoffe die diskussion bleibt weiter sachlich und spannend. MfG Oskar

  • Erwin Schotzger

    Allerliebster Hans Asenbaum!

    Es ist schön, dass du Meinungen austauschen willst … absolut legitim … nur Meinungen sollten schon auch auf Wissen über das, worüber man spricht beruhen, und man sollte auch wissen, was der Thema ist über das man diskutiert … bzw. eventuell, wenn man das in so allgemeinem Umfeld macht, auch Begrifflichkeiten.

    Daher: Was meinen ursprünglichen Blog-Kommentar betrifft, so war das eigentlich eine Reaktion auf den untragbaren, nachweisbar falschen und für einen „linken“ Politiker, der gerne „linke“ Politik mehrheitsfähig machen will (was ich sehr gut finde!), bedauernswert undifferenzierten Absatz über den Kommunismus in Michel Reimons Blog (wohlgemerkt finde ich die Verteidigung von Elke Kahr gegen Ortner absolut gerechtfertigt und ok!):

    „Aber doch ist der Kommunismus keine Sekunde mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen. Der Kommunismus ist eine kollektivistische Ideologie, die hochgradig diktaturanfällig ist – aber weder Diktatur noch Massenmord sind Ziel und Zweck der Ideologie. Wer Marx oder seine Vorgänger liest, wird keinen Wunsch nach der Vernichtung von Menschen erkennen, sondern das Ziel ihrer Befreiung.“

    Diese Aussagen sind sowas von falsch, dass sie einfach Widerspruch bedürfen.
    Soviel dazu … um diese leidige Diskussion irgendwann zu beenden.

    Abschließend zu deinen „Einwänden“:
    – Das hier ist ein Blog, kein Seminar … ich habe wie ich finde zieeemlich ausführlich argumentiert und auf Quellen dieser Behauptungen verwiesen. Was man von dir nicht behaupten kann!

    – Die „gewalttätige Revolution“ ist NICHT das wesentliche Element, das ich meinte … sondern die „totalitäre Ideologie“ an sich, die die Gegenwart einer utopischen Zukunft opfert und jedes Mittel in Kauf nimmt, um dieses Ziel zu erreichen. Die gewalttätige Revolution ist ein kleiner (nicht unwesentlicher) Teil davon, viel wichtiger aber der tägliche Terror, Gewalt als Teil der Politik, die Vernichtung abweichender Meinungen, etc. … Hannah Arendt würde ich da empfehlen. Die ideologische Prämisse habe ich glaube ich oben bereits erklärt.

    – die westlichen Spielarten des Kommunismus sind meist verklärte, romantische Sichtweisen auf den Kommunismus und abgesehen von den radikaleren, gewaltbereiten Strömungen wohl eher „Sozialisten“ oder Marxisten“ … die in Zeiten des Kalten Krieges zudem auch instrumentalisiert wurden.

    – wie ich ausgeführt habe ist der Kommunismus als Gegenbewegung zur Demokratie, zur Aufklärung, zum Humanismus entstanden, kann also gar keinen emanzipatorischen, demokratischen Gedanke haben. Dieser wurde vielmehr später hineininterpretiert.

    UND VOR ALLEM: Kommunismus ist eine totalitäre Ideologie, Sozialismus und Marx hingegen sind dies nicht … sie sind vom Kommunismus vereinnahmt worden, aber sie sind nicht ident!!! Diese Undifferenziertheit scheint der Kern des Problems zu sein“

    Ich verstehe diese undifferenzierte Verteidigung des Kommunismus wirklich nicht … noch dazu werden dadurch Marx und der Sozialismus/ Sozialdemokratie durch das “In einen Topf werfen” schlecht gemacht und linke Alternativen, die in der europäischen Politik dringen notwendig wären, von vornherein desavouiert. Unter dem Label des Kommunismus ist keine alternative Linkspolitik möglich, die sich auch ernst nehmen will, die nicht eine lokales Phänomen bleiben und die mehrheitsfähig sein will.