FPÖ und ÖVP sorgen mit befremdlichen Positionen zur Aufklärung von Schulkindern über Sexualität und geschlechtliche Identitäten für Aufregung. Alle berichten über die Empörung von ÖVP, FPÖ und BZÖ und die herbeifantasierte Bedrohung der herbeifantasierten „Kernfamilie“. Und das zufällig an dem Tag, an dem die ÖVP wieder einmal den Ausbau der Ganztagsbetreuung verzögert.

Screenshot aus der Broschüre "Ganz schön intim" ©Christine Aebi

Eine ziemlich merkwürdige Empörung rollt durchs Land. Die FPÖ steht offen dazu, dass sie Menschen ja nach ihrer sexuellen Orientierung oder Identität unterschiedlich wertvoll findet. Oder wie soll man die Aufregung darüber, dass „“lesbisch“, „schwul“, „hetero“ und „trans“ als vollkommen gleichwertig dargestellt“ werden sonst verstehen?
Aber dort weiß man anscheinend ohnehin nicht wovon man spricht, wie etwa die Behauptung „Natürlich gewachsene Familien zwischen Mann und Frau werden in dem Druckwerk diskreditiert“ belegt. Einerseits wird eine Mann/Frau-Beziehung in der Broschüre nirgends abgewertet oder kritisiert, sondern ganz normal dargestellt. Andererseits ist die Verwendung von „natürlich gewachsen“ so dermaßen falsch dass es mir alle Haare aufstellt. Wenn damit „in der Natur vorkommend“ gemeint sein sollte, dann kann man hier nicht so zwischen natürlichen Phänomenen wie z.B. Hetero- oder Homosexualität unterscheiden. Das Wort das Rosenkranz und seine Kollegen suchen ist wohl eher „gottgegeben“ und dann steht es ihnen frei das zu glauben, aber in einer entwickelten Demokratie hat dank Religionsfreiheit der Staat darauf nur insofern Rücksicht zu nehmen, als er ihnen diesen Glauben nicht zu verbieten hat, aber er braucht ihn keinesfalls in der Schulbildung berücksichtigen, wo man sich doch lieber an Fakten halten und das Zusammenleben von Menschen und das Selbstwertgefühl der Kinder fördern sollte (alle Zitate aus Rosenkranz Anfrage an BM Schmied (PDF)).

Und die ÖVP?
Bis jetzt haben wir aber nur einen skurrilen Rülpser vom rechten Rand des rechten Randes. Doch dabei bleibt es nicht. ÖVP-Bildungssprecher Werner Amon ortet eine „Diskreditierung der sogenannten ‚Kernfamilie'“ (u.a. Der Standard berichtet). Nun ist es, zumindest für mich, auffällig womit sich der ÖVP-Bildungsprecher just an jenem Tag beschäftigt, an dem der Ausbau der Ganztagsbetreuung in Schulen wieder nicht durch den Ministerrat kam, da die ÖVP das Thema plötzlich mit anderen verknüpfte.

Es ist längst klar dass eine (richtig gemachte) Ganztagsschule Vorteile für die Schüler hat (zB bessere Noten) und, wie auch die Gesamtschule, von einer Mehrheit im Land gewünscht wird. Mit ihrer rückwärtsgewandten Bildungspolitik gibt es für die ÖVP hier nichts zu gewinnen, ihr hängt, vor allem Dank Fritz Neugebauer, ohnehin schon das Blockierer-Image nach.

Doch wenn man ganz davon ablenkt, am besten mit Sex, denn da springen die Medien sicher auf, dann könnte man da gut wegkommen. Wenn man dann noch ein Thema hat, bei dem man die erzkatholischen und reaktionären Teile der eigenen Basis zufriedenstellen und in Vorbereitung auf das Wahljahr 2013 in Bewegung setzen kann, ist alles klar. Oder?

Update: Die Anfrage von Werner Amon wurde bereits am 20.11. gestellt (Danke für den Hinweis, @lisaigner), womit sich mir die Frage stellt wieso die APA daraus heute eine Geschichte macht. Eine mediale Strategie der ÖVP dürfte es jedenfalls nicht gewesen sein, mein Fehler.

Bild: Screenshot aus der Broschüre „Ganz schön intim“, ©Christine Aebi

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Jahrgang 1986, lebt in Graz, bloggt und twittert politisch und schreibt auch sonst gerne.