Er bezeichnet sich selbst als Erfinder des „NLP-Design“, das grundlegende Elemente der Neurolinguistischen Programmierung (siehe Infobox) auf die Werbung, konkret Plakat- und Filmdesign, umlegt. Neuwal hat Michael Winter getroffen und mit ihm über NLP-designte FPÖ-Kamapagnen, den Einsatz in der aktuellen politischen Kommunikation und die Gefahr einer Massenhypnose bei Bewegtbildern gesprochen.

Neuwal: Woher kommt NLP ursprünglich?

Winter: Für NLP wurden also die in den 70er-Jahren effizientesten therapeutischen Methoden aus der Hypnosetherapie, der Systemtherapie und der Gestalttherapie mit den jeweiligen Vordenkern aufgearbeitet. Drei Viertel des NLP entsprechen genau diesen Therapieformen – es ist eine Fusionstherapie. In den 80ern entstand eine wirkliche Methode daraus. NLP hat sich rasant in die verschiedensten Branchen weiterverbreitet, als Beratungs-, Kommunikations- und Verkaufstechnik. Gleichzeitig ist es nach Europa gekommen.

Neuwal: Kann man zurückverfolgen wann die erste politische Kampagne von NLP beeinflusst wurde?

Der erste Zusammenhang von NLP und Werbung bin ich.“

Winter: Der erste Zusammenhang mit einer Anwendung in der Werbung bin ich höchstpersönlich. Ich hatte 1991 in der Ausbildung einen Kontakter der Werbeagentur Puttner Bates. Ich bin über Gespräche auf die Idee gekommen, dass man das Know-how über die Augenbewegungen einsetzen könnte, um den Informationsfluss von einem Werbeträger zum Konsumenten zu erleichtern.

„Ich habe genau vorhergesagt, welche Werbungen funktionieren und welche nicht – das war der Beginn von NLP-Design.“

Wir haben dann eine Weile später mit dem Inhaber der Werbeagentur ein Gespräch geführt, in dem ich aufgrund meines Wissens angegeben habe, dass ich voraussagen kann, ob eine Werbekampagne funktioniert oder nicht. Das ist für die Werbeindustrie sehr wichtig, weil das dort so funktioniert, dass ein Großkunde zum Beispiel sagt: Wir haben da jetzt 250.000 Euro Etat, um die müssen die Werbeagenturen rittern. Aus diesem Grund hat mir der Chef dieser Werbeagentur damals die „Cannes-Rolle“ vorgelegt scherzhaft gesagt. Das waren Plakate, Spots, alles mögliche. Ich habe ihm danach genau gesagt, welche funktionieren und welche nicht – und es hat alles gestimmt. Das war der Beginn von NLP-Design.

„Meine Erkenntnisse sind überall explodiert, wo ich sie vorgetragen habe.“

Dann ist eines nach dem anderen gekommen. Als Erstes war ich Gastvortragender auf der Wirtschaftsuniversität, beim Werbelehrgang. Das war Anfang der 90er, ich war damals noch nicht mal Mitte Zwanzig. Dann flog ich nach New York zur Mutter-Agentur, verbrachte dort mit der Vizedirektorin einen ganzen Nachmittag. Ich saß mit selbstgemalten Grafiken im Chrysler Building, legte in schlechtem Englisch meine Erkenntnisse dar – und die sind überall explodiert, wo ich sie hingetragen habe!

„Ich habe die Notbremse gezogen, wollte nicht, dass mein Projekt für Manipulation verwendet würde. Es war mir aber klar, dass das kommen muss.“

Als nächstes war schon eine Firmengründung im Laufen, da hätte mich jemand aus der Werbebranche unterstützt, wir hätten eine Consulting-Firma gemacht. Ich habe dann irgendwann einmal die Notbremse gezogen, das muss so 1992, 1993 gewesen sein. Ich wollte nicht in die Gefahr geraten, dass mein Projekt, je weiter es sich ausbreitet auch in der Branche, für Manipulation verwendet würde oder ähnliches. Es war mir aber vollkommen klar, dass das kommen muss, habe das auch weiter entwickelt bis hin zu Bewegtbildern, aber nicht kommerziell ausgewertet.

„Sie sind gegen ihn, weil er für uns ist“ Quelle: Demokratiezentrum, Plakatdokumentation Kunisch
Neuwal: Wann wurde es politisch?

„Haiders Plakat enthielt sogenannte Worthülsen und eine hypnotische Formulierung.“

Dann kam 1995 der Nationalratswahlkampf, da hat es einen Slogan gegeben, der mich aufhorchen lassen hat: „Sie sind gegen ihn, weil er für euch ist“. Das war ein Slogan der FPÖ für Haider. Wenn man den genau anschaut, ist er 1:1 wie eine hypnotische Induktion nach Milton-Erickson. Mir ist das sofort aufgefallen – er enthält sogenannte Worthülsen.

Die erste Worthülse ist das „Sie“. „Sie“ sind gegen ihn. „Sie“ sagt nicht, wer es ist. „Sie“ lässt sich anwenden auf die politischen Gegner, alle Leute, die man nicht mag, im Prinzip auch auf die Ausländer oder die Roten. Das ist das Problem dabei: Wer auch immer es ist in der Welt der Konsumenten, der das Plakat sieht: Die schreiben „Sie“ hin, aber jeder sieht andere und es funktioniert für alle. „Gegen ihn sein“ ist auch eine Worthülse, sagt nicht genau, was das für Konsequenzen mit sich bringt. „Gegen ihn sein“ kann heißen, sie wollen ihn umbringen. Es kann sein, sie wollen ihn in der Wahl schlagen. Es kann sein, sie wollen ihm was wegnehmen. Es kann sein, sie mögen ihn persönlich nicht. Es kann 100 verschiedene Bedeutungen haben, die alle unterschiedlich schwerwiegend sind. Und der Betrachter kann sich wieder aussuchen, welche gemeint sein könnte. Wenn man das „weil“ genau untersucht in diesem Satz, ist es komplett unangebracht. Es bedeutet nämlich, dass sie ihn deswegen ablehnen, weil er fürs Volk wäre. Das würde ja bedeuten, die anderen sind gegen das Volk. Dieses „weil“, wenn man es mit klarem Verstand betrachtet, ist völlig daneben. Da es aber eine hypnotische Formulierung ist, merkt es niemand. Es ist eine so genannte Kausalverknüpfung.

Neuwal: Das war das erste Mal, dass Ihnen im politischen Kontext der Einsatz dieser Methoden aufgefallen ist?

„Die FPÖ-Plakate zur Nationalratswahl 1999 waren Bilderbuchbeispiele für NLP-Design.“

Winter: Genau. In diesem einen Satz sind noch zumindest zwei weitere Techniken, wahrscheinlich sogar drei, aber das lassen wir jetzt einmal. Jedes einzelne Wort ist zumindest übereinstimmend mit dem, was in der Hypnose gemacht wird. Da bin ich wachsam geworden. Ein paar Jahre lang ist wieder nichts Offensichtliches passiert. Dann kam der Wahlkampf zur Jahrtausendwende, die Nationalratswahl 1999. Ich weiß noch genau, ich bin über die Franzensbrücke in Wien gegangen und sehe ein FPÖ-Plakat und denke mir: Puh, das ist gut gemacht. Dann habe ich es mir genauer angeschaut – und finde alles, was ich acht Jahre vorher entwickelt und gelehrt habe. Es war einfach ein Bilderbuchbeispiel für NLP-Design!

Neuwal: Das war aber nicht veröffentlicht damals…?

„Mir war nicht klar, wie das sein konnte, ich weiß es bis heute nicht.“

Winter: Naja, ich habe es einige Male an der Wirtschaftsuniversität erzählt als Gastlektor im regulären Werbelehrgang, ich habe einige Kunden bedient gehabt und ich habe es in New York bei der Mutteragentur hinterlassen. Eigentlich war es nicht so, dass das öffentlich bekannt war.Mir war nicht ganz klar, wie das sein konnte. Ich habe mir dann gedacht, die werden irgendwie auch draufgekommen sein. Aber es hätte im Grunde auch sein können, dass derselbe Werber 1991 im Werbelehrgang gesessen ist, das weiß ich bis heute nicht. Hat sich nie geklärt.

„Alle Plakate ware so optimiert, das konnte kein Zufall sein.“

Ich habe aber dann die anderen Plakate aus der Kampagne der auch angeschaut, und bei jedem bin ich hellhöriger geworden. Jedes war exakt übereinstimmend mit den Aussagen aus meiner Methode. Das war die Kampagne im Herbst 1999, die habe ich auch noch vorliegen – alle Plakate von damals. Nachdem alle Plakate so optimiert waren, war ich absolut sicher. Das konnte kein Zufall sein.

„Haider wird drübergeankert über den verstorbenen Ehemann, Sohn oder sonst etwas – alleine die Überlegung hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht!“

Dann hat es eines gegeben, das über den ethischen Rahmen eindeutig hinausgeschossen ist. Es muss nämlich nach NLP-Design ein Kandidat immer rechts auf das Werbemittel, rechts oben ist die Zukunft und rechts unten ist das Gefühl. Und da war Haider plötzlich links drauf – komisch, vielleicht war doch nur alles Zufall? Dann habe ich mir das näher angeschaut und habe gesehen, er ist mit einer älteren Frau in einer Umarmung gewesen. Die ältere Frau ist rechts am Plakat, das heißt sie ist die Person, mit der man sich identifiziert. Und dann habe ich assoziiert: Na klar, das heißt da wird eigentlich Haider drübergeankert über den verstorbenen Ehemann, Sohn oder sonst etwas, er will in die Intimität und Vergangenheit! Alleine die Überlegung hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht.

Neuwal: Haben Sie die FPÖ jemals konfrontiert mit diesen Dingen?

Winter: Nein. Zum einen war es während dem Wahlkampf. Ich wollte auf die Überlegung hin, dass das vielleicht doch ein Irrtum ist, nicht unfair eingreifen. Aber ich hatte zufällig im Frühling danach ein Interview mit dem Horizont über diese Methode. Da ist dann dringestanden, dass das bereits beim Wahlkampf in einer fragwürdigen Weise verwendet worden sein könnte. Zwei, drei Tage später ruft mich die „Presse“ an und fragt mich: Wie haben Sie das gemeint? Dann habe ich mit der Presse ein längeres Interview gehabt, ein mehrstündiges Gespräch, das wurde nicht aufgezeichnet, und „Die Presse“ hat aus dieser Geschichte einen riesigen Sensationsartikel gemacht, Anfang 2000 war das. Da ist dann gestanden: „Psychotricks und Hypnose. Wie die FPÖ ihre Wähler akquiriert“ oder so ähnlich.

„Die Überlegung, dass man Millionen von Menschen mit manipulativer Information füllen kann, war für mich ein Horrorszenario.“

Der Artikel war teilweise missverständlich, er ist auch teilweise von dem abweichend gewesen, was ich gesagt habe. Es ist zum Beispiel nicht rausgekommen bei dem Artikel, was der Unterschied zwischen Gebrauch und Missbrauch von NLP ist. Da hat eigentlich der heutige gemischte Ruf von NLP darin gewurzelt. Ich habe das durchaus aus einer Überlegung heraus gemacht. Ich wusste natürlich, wenn ich das bringe, kann es sein, dass NLP danach in den Keller geht. Es kann im Prinzip sogar sein, dass ich danach arbeitslos bin. Aber die Überlegung, dass man Millionen von Menschen mit manipulativer Information füllen kann, ohne dass es jemand mitkriegt, die war für mich ein Horrorszenario.

„Meine Methode sollte nicht in so einer Weise eingesetzt werden.“

Durch diesen Paukenschlag ist NLP so bekannt geworden, dass mich eine Woche später das „profil“ angerufen hat, die haben einen fünfseitigen Artikel gebracht, da wurde ich zu meinem Entsetzen sogar hochstilisiert zu einem Gegner Haiders, obwohl ich das nie politisch gemeint hatte. Ich bin politisch wirklich völlig neutral. Es ging mir nur darum, dass bitte nicht meine Methode in so einer Weise eingesetzt wird.

Neuwal: Wie sieht denn das heute aus? Haider ist ja auch schon eine Weile her… Es gibt ja immer die Aussage, dass in allen Parteien NLP eingesetzt wird…

Winter: Es ist mir gelungen, die politische Szenerie durch diese Aktion zur Jahrtausendwende halbwegs sauber zu halten. Ich glaube, dass aktuell zwar NLP-Design eingesetzt wird, aber in einer gemäßigteren Weise. Das war akzeptabel, da hat sich etwas getan seit der Jahrtausendwende. Ich glaube, dass Massenmanipulation im politischen Bereich mit NLP derzeit nicht oder nur wenig passiert, und mit mir auch der Walter Ötsch, der zweite NLP-Trainer, der sich darauf spezialisiert hat. Er hat ein Buch geschrieben über Demagogie – „Haider Light“.

„In der FPÖ-Akademie gibt es eine NLP-Ausbildung. Die Grünen haben einen Hass auf NLP. SPÖ-Politiker lassen sich coachen – halte ich für gut und richtig!“

Ich bin kein Partei-Insider. Ich gehe davon aus, dass in der FPÖ-Akademie sehr wohl eine NLP-Ausbildung gibt. Ich weiß auch, dass es speziell bei den Grünen einen Hass auf NLP hat. Ich habe persönlich den Liberalen geholfen, als Ausgleich. Einige SPÖ-Politiker haben sich ausbilden lassen, um Paroli bieten zu können – halte ich für sehr gut und richtig! Schüssels Frau ist eine Systemtherapeutin, das heißt, die hat ein Naheverhältnis zu den NLP-Inhalten, ich glaube aber nicht, dass das in irgendeiner Form angewendet wurde.

Neuwal: Die Neubesetzung von Begriffen, etwa wenn Korruption mit der eigenen Partei in Zusammenhang gebracht wird, dass man dann beginnt, diese Wörter, Begriffe, Situationen neu zu besetzen?

„Es ist viel leichter, anzugreifen als zu verteidigen. Man macht sich gar nicht mehr die Mühe, zu argumentieren.“

Winter: Es gibt eine Regel, die aus dem NLP kommt: Es ist viel leichter, eine Verknüpfung zwischen zwei begriffen herzustellen, als sie aufzulösen. Diese Regel wird leider in der Politik mittlerweile beherzigt. Es ist zum Beispiel viel leichter, anzugreifen als zu verteidigen.

Neuwal: So wie der Begriff „Gutmensch“ verknüpft wurde mit Dingen, die ihn zu einem Unbegriff machen.

Winter: Genau. Eine Grundregel aus der Beratung, die in der Politik eigentlich überhaupt nichts zu suchen hat, aber Standard ist, Tagesordnung. Wenn einem Politiker vorgeworfen wird, er ist korrupt, macht er sich gar nicht mehr die Mühe, dagegen zu argumentieren. Er sagt dann einfach: „Sie sind auch korrupt“.

Neuwal: Das Ergebnis ist: Jeder ist korrupt. Das war im Korruptionsausschuss das Mittel, das Hochegger angewandt hat: Er hat einfach alle angepatzt, damit war jeder korrupt, und die Korruption ist ein mehr oder weniger akzeptierter oder nicht so schlimmer Wert.

Winter: Genau. Grundsätzlich muss ich sagen, ist die Politik heute nicht mehr so dramatisch missbräuchlich, was das NLP betrifft, wie sie es vor 10 Jahre war. Wo ich es aber immer öfter bemerke, ist in Kinofilmen. Dazu muss man wissen: Denkvorgänge sind untrennbar mit Augenbewegungen verknüpft. Das kann ich bei jedem jederzeit zeigen, auch bei mir selbst, das ist einfach so. Die Hypnose macht sich das seit Urzeiten zu Nutze, indem ein Pendel verwendet. Diese Augenbewegungen gibt es auch in der REM-Phase, so sagt man in der Psychologie zur Traumphase, die Rapid-Eye-Movement-Phase. In der regulären Psychologie kann das nicht erklärt werden, da gibt’s nur im NLP diese Erklärung.

Der Gedanke war jetzt der, dass man die Augenbewegungen – und da sind die Positionen ganz klaren Denkinhalten zugeordnet – aufs Werbeplakat umlegt. Wenn man einen Denkinhalt links oben bringt, der in ein erinnertes Bild führt, würde die Kampagne viel besser funktionieren, weil es die Leute genau so abholt, wie sie sich verhalten müssen. Bei einem Kinofilm ist es beispielsweise so, dass die Vorgänge auf der Leinwand Augenbewegungen mit sich bringen, weil die Leinwand sehr groß ist. Der Effekt, den man damit erzielt, geht sogar über das hinaus, was in der Hypnose gebräuchlich ist. Denn das Hypnosependel behindert die Augenbewegungen nur. Ein solcher Vorgang, ein Eye Modding, holt die Augenbewegungen ab und verwendet sie.

Neuwal: Was bewirkt das dann? Werden einfach Bilder erzeugt, die man dann mitnimmt aus diesem Film?

„Wenn man Eye Modding für Product Placement oder politische Botschaften verwendet, wird es blöd. Meines Erachtens passiert das schon.“

Winter: Es bewirkt zum einen, dass die Trance, die im Kino sowieso immer entsteht, tiefer wird. Das verlangt der Kinozuschauer auch. Es muss sich angefühlt haben wie eine halbe Stunde, so spannend muss es gewesen sein, sonst ist man nicht zufrieden. Mit dieser Methode kann man die Trance vertiefen, das heißt, man kann einen Film viel mitreißender und spannender gestalten und auch in sich schlüssiger wirken lassen. Blöd wird’s auch, wenn man das zum Beispiel mit einem Product Placement verbindet, oder wenn man in einem Kinofilm politische Botschaften unterbringt, etwa eine amerikanische Flagge. Soweit ich das beurteilen kann, passiert das schon.

Neuwal: Ikonographie im Film, die gibt’s ja schon ewig. Was ist jetzt das Neue, wo NLP hineinspielt?

„Mit diesem Nachbrenner ist Manipulation Tür und Tor geöffnet!“

Winter: Das Symbol hat für sich genommen schon eine gewisse Macht. Wenn man das Symbol mit einem überstarken hypnotischen Effekt versieht, wirkt es noch viel mächtiger, wir haben eine Art Nachbrenner. Damit ist natürlich einer Manipulation Tür und Tor geöffnet!

Neuwal: Gibt es ein aktuelles Beispiel dafür?

„Echte Massenmanipulation ist eigentlich heute die Gefahr.“

Winter: Ich werde mich jetzt einer Aussage enthalten, aber ich sage Ihnen eine Technik und Sie können selbst überprüfen, ob es das gibt: Das Verschmelzen von Ankern. Wir würden gerne alle Europäer darauf einschwören, dass sie an Europa glauben. Also fördern wir einen Kinofilm – unter der Voraussetzung, dass man zuerst ein Regal sieht, wo lauter Pokale drin sind. Das muss rechts oben sein am Bildschirm. Innerhalb von 30 Sekunden muss dann auch eine europäische Flagge rechts oben zu sehen, damit der Zuseher den Eindruck hat, die Europäische Union hat schon viel zusammengebracht und wird noch viel zusammenbringen. Der dadurch entstehende Effekt wäre aus meiner Sicht höchst wahrscheinlich hypnotisch. Das wäre eigentlich sehr einfach umzusetzen. Wenn man das dann einigen Millionen Zusehern serviert im Rahmen eines großen Blockbusters, dann hätte man echte Massenmanipulation vollbracht. Das ist eigentlich heute die Gefahr.

Neuwal: Wenn wir schon bei Kinofilmen sind: Clint Eastwood hat im Präsidentschaftswahlkampf mit einem leeren Stuhl gesprochen. Ihre Interpretation?

„Ich glaube, dass die Eastwood-Rede NLP-designt war, mit dieser seltsam hypnotischen Wirkung.“

Winter: Es gibt die Überlegung, dass das auch NLP-designt war, weil aus Sicht der Zuschauer Clint Eastwood links im Bild und der Stuhl rechts war. Außerdem war die Bühne erhöht und der Stuhl ist genau so gestanden, dass er für viele Zuschauer rechts oben war im Bild, bzw. war dort nichts, weil Obama dort nicht gesessen ist. Wäre er dort gesessen, wäre er die Zukunft gewesen. Das ist nach NLP-Design das visuelle Konstruieren, also der Bereich, in dem man sich am besten ein Bild vorstellen kann. Ich persönlich glaube, dass sie NLP-designt war, mit dieser seltsam hypnotischen Wirkung, dass man sich sehr gut daran erinnert.

„Haiders Taferl im ORF kennen die Leute heute noch!“

Ich verweise auf das Taferl, das Haider gebracht hat im ORF – vor einem Vierteljahrhundert! Er hat nämlich Sprechen auf Sehen gewechselt – das Repräsentationssystem, wie man im NLP sagt. Das wissen die Leute heute noch!

Neuwal: Wie sieht es mit der Kommerzialisierung aus? NLP liegt nach wie vor voll im Trend, für alle Bereiche des Lebens.

„Die Kommerzialisierung ist momentan das größte Problem beim NLP.“

Winter: Die Kommerzialisierung ist momentan das größte Problem beim NLP, ein größeres Problem als der Missbrauch davon. Ein heutiger NLP-Trainer lässt sich fallweise in Massenveranstaltungen anmoderieren wie Boxer. Man wird auch ein paar Kundentechniken lernen können, aber das hat mit dem NLP, für das ich stehe, überhaupt nichts zu tun.

Neuwal: Wie kann man das Bewusstsein der Menschen schärfen? Wie kann man verhindern, dass diese recht gefährlichen Methoden unbemerkt eingesetzt werden?

„Man muss aufhören, die Stigmatisierung von NLP zu betreiben.“

Winter: Das Wichtigste aus meiner Sicht ist: Man muss aufhören, die Stigmatisierung von NLP zu betreiben. Solang die Öffentlichkeit in der Meinung gehalten wird, dass NLP irgendwie grundsätzlich das Gleiche ist wie NLP-Missbrauch, wird sie sich NLP nicht zuwenden und nicht verstehen, worum es dabei geht. Das Einzige, was einen vor so etwas bewahren kann, ist Wissen.

Neuwal: Jetzt existiert nun aber die schwer aufhebbare Verknüpfung der Begriffe NLP und – womit müsste man NLP verbinden?

Winter: NLP ist dazu da, Menschen zu helfen, dass sie ihre Ziele erreichen. Das muss sich herumsprechen. Ein Nebeneffekt ist, dass man in den ersten zwei bis drei Tagen, an denen man NLP lernt, da reicht ein Basis-Seminar, auch die Sache mit den Augenbewegungen lernt und sich ein Grundwissen erwirbt, um sich gegen Manipulation zu schützen.

Neuwal: Das müsste in die Schulen, wenn ich Sie richtig verstehe?

„NLP würde schon an die Schulen gehören!“

Winter: Eigentlich müsste NLP schon an der Schule verwendet werden, damit die Schüler mehr Selbstbewusstsein haben. Sie würden einer frühen Einwirkung durch Medien und Parteien und diesem ganzen Hickhack schon von allem Anfang an leichter widerstehen können. So betrachtet würde NLP schon an die Schulen gehören.

Neuwal: Danke für das Gespräch.

Michael Winter ist Teil des neben „Kutschera Communication“ und ÖTZ-NLP drittältesten Instituts, des Team Winter. Er ist diplomierter Lebens- und Sozialberater, Management Coach, Supervisor, NLP- und Hypnose-Trainer und schamanischer Lehrer. Winter ist laut eigenen Angaben Erfinder der neurolinguistischen Werbe- und Filmberatung und des von ihm benannten NLP-Design. Er ist Co-Autor des Buches „NLP und Werbung“.

Neurolinguistische Programmierung (kurz NLP) bezeichnet eine nicht unumstrittene Sammlung von Kommunikationstechniken und Mustern zur Analyse von Wahrnehmung. Das eigene Verhalten soll durch Analyse und „Programmieren“ von neuen Reaktionen verändert werden. Das Ziel ist eine „erfolgsorientierte Kommunikation“. NLP gilt als unwissenschaftlich, da sich einige Konzepte der NLP nicht nachweisen lassen und andere in der Wirksamkeit empirisch widerlegt sind. Quelle: Wikipedia.

Augenbewegungen haben laut NLP-Lehre mit inneren Vorgängen zu tun und sind untrennbar mit dem Denken verbunden. Links ist die Vergangenheit, von unten nach oben der innere Dialog (Abschätzen), das auditive und das visuelle Erinnern. Rechts ist die Zukunft, von unten nach oben Gefühlsinhalte, auditives und visuelles Konstruieren. Wissenschaftliche Studien haben die Wirksamkeit dieses Ansatzes widerlegt (Quelle: Wikipedia).