„Kein anderer Weg kann uns aus den Krisen herausführen als das Erstarken eines neuen moralischen Verantwortungsbewusstseins.“ Schon der Buchrücken verspricht eine spannende Lektüre. Horst-Eberhard Richter schuf dabei zugleich ein überzeugendes Handbuch wie auch eine spannende Biografie.

Horst-Eberhard Richter (* 1923,† 2011) war Psychoanalytiker, Psychosomatiker und Sozialphilosoph, Friedensaktivist und Autor. Er gilt für viele als Vater der deutschen Friedensbewegung. Er erhielt für sein Engagement zahlreiche Ehrungen, darunter den Theodor-Heuss-Preis 1980, den Gandhi-Luther King-Ikeda Award des Morehouse College, Atlanta, USA (2003) und die Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft 2008. Das Bundesverdienstkreuz hat Richter dreimal mit der Begründung abgelehnt, dass „zu viele Altnazis“ es erhalten hätten.

Weitere Werke: u.a. „Eltern, Kind und Neurose“ (1962), „Der Gotteskomplex“ (1979), „Alle redeten vom Frieden. Versuch einer paradoxen Intervention“ (1984), „Die hohe Kunst der Korruption. Erkenntnisse eines Politik-Beraters“ (1989), „Wer nicht leiden will, muss hassen. Zur Epidemie der Gewalt (1993), „Ist eine andere Welt möglich? Für eine solidarische Globalisierung“ (2003)

Die Titel der Nachrufe sind bezeichnend für die Bedeutung des im Dezember 2011 verstorbenen Mannes: Der Therapeut der Republik (taz), Ingeneur der Seele, Vordenker des Friedens (Süddeutsche), Der Versöhner (Tagesspiegel), Der Ermutiger ist tot (Frankfurter Rundschau), Der Therapeut der Nation (FAZ) und Abschied vom Seelendeuter der Republik (Zeit)

Krisenbücher wohin man sieht. Während die Welt offenbar am Abgrund zu stehen scheint, freuen sich die Verlage. Ob Stephan Schulmeisters „New Deal für Europa„, Christian Felbers „Retten wir den Euro!„, Fred Luks „Irgendwas ist immer„, Heiner Geißlers „Sapere Aude“ oder Heiner Flassbecks „Zehn Mythen der Krise“ – das sind nur einige aus unserer neuwal-eigenen Bibliothek. Man kann auch Horst-Eberhard Richters Buch aus dem Jahr 2010 dazu zählen, doch Moral in Zeiten der Krise ist in Wahrheit viel mehr: Richter hat auf 187 Seiten, neben Gedanken zur aktuellen Situation auch ein bisschen sein Lebenswerk verarbeitet. Und lässt dabei auch die deutsche Geschichte, das gespaltene Land nach dem Zweiten Weltkrieg, die Gefahr des Kalten Krieges und aktuellere Entwicklungen Revue passieren.

Die Welt ist nicht gespalten. Wir sind es, die sie spalten, weil wir mit uns selbst uneins sind.

Richters Buch ist in vier Teile aufgegliedert: „Die Innenwelt des Politischen“, „Politik und psychische Krankheit“, „Von Ost nach West“ und „Sich selbst in anderen wiedererkennen“. Am Anfang fehlt oft der Zusammenhang, was seine Erzählungen mit der heutigen Krise zu tun haben sollen, doch schon bald erkennt man, dass all seine Erlebnisse, alle mitunter furchtbaren Erfahrungen ihn zu einem weltoffenen Menschen gemacht haben. Er kam als Achtzehnjähriger an die Front in Russland, kam nach vier Jahren Gefangenschaft zurück nach Deutschland und erfuhr dort, dass russische Besatzungssoldaten seine Eltern nach Kriegsende erstochen hatten. Er hatte nichts mehr, keine Unterkunft, keine Familie mehr und schafft es doch irgendwie, wieder auf die Beine zu kommen. Doch er sah ind en Russen keinen Feind, nutzte nicht die Verfehlungen Einzelner um eine Masse zu hassen. Deshalb bewegen auch seine Worte in der Einleitung sehr: „Es ist ein historischer Moment, da die westliche Gemeinschaft keinen Weltfeind zum Besiegen mehr vor Augen hat, keinen Saddam Hussein, dem man die Verantwortung für den 11. September und die Bedrohung mit Massenvernichtungswaffen andichten konnte. Doch unsere Gesellschaft verdrängt die Herausforderungen der Zukunft. Es bedarf eines gemeinsamen geistigen Wandels, der von innen kommt.“ Wie wahr, wie wahr. Wobei man befürchten muss, das Rechtspopulisten wie Strache weiter versuchen werden, den Islam als neuen Weltfeind zu etablieren.

Das Handeln des ehemaligen deutschen Bundeskanzler Willy Brandt bezeichnet er als Politik der „Compassion“, was auf Deutsch „Politik des Mitleids“ oder des „Politik des Mitgefühls“ bedeuten würde. Richter hat aber wahrscheinlich absichtlich nicht die deutsche Bedeutung verwendet, um beide Begriffe zusammenzufassen. Dabei erklärt er, ähnlich wie Hessel in seinem aktuellen Buch „An die Empörten dieser Erde„, dass Mitgefühl von unglaublicher Wichtigkeit sei.

Als er zu den Verfehlungen der vergangenen Jahrzehnte kommt, zur Krise, zu den egoistischen Menschen an der Börse, zu den Spekulanten und Bankern, fragt er sich, warum nur so wenige für ihre Taten vor Gericht kamen. Warum nur wenige wirklich Folgen für ihre Handlungen spürten und zeigt dabei auf, dass oftmals einfach keine Gesetze da waren. All diese verstörenden und gestörten Handlungen waren im Bereich des Legalen:

Aber warum waren keine da? Aus Versehen, hieß es. Doch es war keine Panne, vielmehr Ausdruck einer uneingestandenen allgemeinen Verantwortungslosigkeit. Wie aber ist diese zustande gekommen? Offenbar durch einen Verlust an Wertebewusstsein.

Dieses Wertebewusstsein fehlt nicht nur bei den Menschen am Finanzmarkt. Sondern mitunter auch in der Politik. Korruption, ein Untier im politischen Machtgefüge, in Österreich aktueller denn je, ist ebenso Schuld an dieser Krise. Ein moralisches Empfinden der Menschen fehlt, ein Gefühl für ihre Arbeit ist abhanden gekommen. Dass man mit persönlicher Bereicherung mitunter auch tiefgreifende Probleme für andere erzeugt, bleibt korrupten Menschen oft verborgen. Richter kann sich psychische Korruption sogar als Krankheit vorstellen, als das große „Verkümmern“.

So kann man doch auch psychische Korruption als Krankheit erklären, nämlich als Verkümmern der großen menschlichen Kraft des Mitfühlens, der sozialen Sensibilität. Schopenhauer nannte das Mitleid als Fundament für Gerechtigkeit und Menschenliebe.

Horst-Eberhard Richter hat mit Moral in Zeiten der Krise ein interessantes Werk über jahrzehntelange Verfehlungen geschrieben und gezeigt, wie auch schon in früheren Zeiten der Nachkriegswelt Lösungen dazu gefunden wurden. Und er nimmt den Leser dabei mit auf eine Reise durch Deutschlands Geschichte, führt einen zur Friedensbewegung, nach Russland und in die USA, manchmal lässt er Weggefährten sprechen. Und erst beim Recherchieren für diese Rezension erfuhr ich, dass er im vergangenen Jahr verstorben war. Somit ist „Moral in Zeiten der Krise“ nicht nur ein gelungenes (wenn auch etwas anderes) „Krisenbuch“ sondern beinahe so etwas, wie Richters Autobiografie.

Horst-Eberhard Richter
„Moral in Zeiten der Krise“

191 Seiten

Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46231-7
Euro 12,40

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