“Freiheit”: Der Begriff hat es in sich. Dass darunter unterschiedliche Wahrnehmungen und Beobachtungen fallen, scheint klar zu sein. Im Buch “Halbe Freiheit” beschreibt Robert Misik den Umstand, wie dieser Begriff wahrgenommen, von unterschiedlichen politischen Richtungen beobachtet und durchaus bedroht wird.

(CC) Wolfgang H. Wögerer, Wien
(CC) Wolfgang H. Wögerer, Wien

Robert Misik wurde 1966 in Wien geboren und ist ein österreichischer Journalist und politischer Schriftsteller. Er schreibt regelmäßig für die in Deutschland erscheinende taz sowie für die in Österreich erscheinenden Zeitschriften profil und Falter, des Weiteren betreibt er auf der Homepage der Tageszeitung Der Standard einen Videoblog. Eines seiner Hauptthemen ist die Auseinandersetzung mit der Globalisierung und ihren Folgen. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Tätigkeit ist die Auseinandersetzung mit der Konsumkultur und der Zunahme kultureller Aspekte in der Warenproduktion. Besonders engagiert sich Misik in theoretischen und politischen Debatten. (Quelle: Wikipedia)

Während die geschichtliche Entwicklung rund um den Begriff knackig beschrieben wird, werden gleichzeitig Sichtweisen von Journalisten oder Autoren beschrieben und interpretiert. Zunächst aus der Sicht Neoliberaler und Neokonservativer, um diesen anschließend den progressiven Freiheitsbegriff entgegenzustellen und um letztlich für eine zeitgenössische Freiheitsbewegung einzutreten.

Es erscheint mir wie auf einer Waage, auf dem ich versuche, die Interpretation sichtbar zu machen: So richtig ausgeglichen scheint mir der Freiheitsbegriff nicht. Mal ist die Positionierung und Definition mehr auf der “linken”, mal mehr auf der “rechten” Seite. Wie ein politischer Spielball, der zwischen Liberal-Konservativen und Linken sowie progressiven Kräfte in ihrer Begrifflich- und Wertigkeit hin- und hergespielt wird. Wie ein Ball, dem allerdings die veränderische und kreative Kraft in Form von Luft ausgegangen ist; der irgendwann mal aus der Hand gefallen und heute scheinbar in der linken Ecke unter ein Sofa gerollt und dort liegen geblieben ist: “Denn, für die allergrößte Mehrheit moderner Progressiver ist Wirtschaftsfreiheit ebenso wie Wahl-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit ein Freiheitsrecht”, so Misik, der hier auf prinzipiell nicht vorhandene Meinungsverschiedenheiten zwischen modernen Progressiven und liberalen Konservativen aufmerksam macht.

Gleich zu Beginn des Buches geht Misik auf das Buch des deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck (“Freiheit. Ein Pläydoyer.”) ein. Es hilt sich monatelang auf Platz eins der Sachbuch-Bestsellerlisten und stimmte vor allem Neoliberale und Konservative äußerst positiv: “Weil er so schön das Lied der Freiheit singt, das sich so praktisch als Hintergrundsound zur Sozialstaatszerstörung summen lässt.”

Freiheit ist eben nicht Freiheit und nichts ist, wie es scheint.

“Dieses Freiheitspatos des Liberal-Konservatismus zielt primär darauf ab, die Linken und progressiven Kräfte als Beführworter von Gängelung und Unfreiheit zu denunzieren und alle Versuche, mehr Gleichheit und Gerechtigkeit zu realisieren, als Wege in die Knechtschaft zu verteufeln”, beschreibt Misik die unterschiedlichen Betrachtungsweisen und Interpretationen. So seien Konservative nie die großen Vorkämpfer der Freiheit gewesen und hätten, wenn jemand zu laut “Freiheit” gesagt hat, nach der Polizei gerufen.

Die “Halbe Freiheit” beschreibt den derzeitigen Umstand der Wirtschaftsfreiheit und seinen Auswirkungen: Und zwar, wenn die individuelle Freiheit der Bürger mit der Wirtschaftsfreiheit, den Geschäftsinteressen der Unternehmen, in Konflikt gerät. Und, wodurch die Freiheit in unserer Region überhaupt bedroht wird: Durch autoritäre Regimes? Zensurbehörden? Wird hier nicht gegen „abgenudelte Gespenster von gestern“ gekämpft? Ist es nicht viel mehr so, dass die entscheidenden Freiheiten und Rechte im Zuge der letzten 150 Jahre gerade von Progressiven und Linken gegen konservativen Widerstand erstritten wurden?

Freiheit sei nicht nur “negative Freiheit” in Form von Abwesenheit von Zwang, Zensur oder Reglementierungen sonder auch “postive Freiheit”. Einer Freiheit, die von Voraussetzungen lebt, ohne die sie nicht gedeihen kann, die vorallem bei “Unterpriviligierten” wenig Chancen hat: Bildung, Chancengleichheit, Förderung, Mindestmaß an sozialer Sicherheit

Konservative würden die Freiheit hochhalten, wogegen Linke und Progressive doch nur an Gleichheit interessiert seien; dass das Gravitätszentrum der Freiheit die “Wirtschaftsfreiheit” sei, während die Linken hier nichts als “Reglementierung” und unternehmerfeindliche “Umverteilung” im Kopf hätten, so Misik.

Freiheit, so Misik, heißt nicht kommandiert zu werden. Es heißt, dass jeder gleich viel Wert ist, jeder seine Stimme erheben kann und die Sicherheit, wenn man bei Versuchen, sich auszuprobieren, nicht ins Bodenlose zu fallen droht. Es gilt, seinen eigenen Weg finden und gehen zu können.

Die halbe Freiheit gibt’s ja schon – die ganze Freiheit wartet noch auf ihre Verwirklichung.

Robert Misik
„Halbe Freiheit“
Warum Freiheit und Gleichheit zusammengehören.

64 Seiten

Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3518062845
EUR 5,99

Informationen zum Buch auf www.misik.at

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