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Zumindest im Buchhandel scheint eine Krise nicht realistisch: dass wir irgendwann einmal mit (Anti-)Krisenbüchern unterversorgt sein werden. Mit Kapitalismus als Spektakel von Markus Metz und Georg Seeßlen erscheint ein weiteres Mal eine Schrift, die alles verurteilt und es schon immer besser wusste.

Markus Metz, geboren 1958, Studium der Publizistik, Politik und Theaterwissenschaft an der FU; freier Journalist und Autor, lebt in München. Georg Seeßlen, geboren 1948, Studium der Malerei an der Kunsthochschule München; freier Autor und Journalist, lebt in Kaufbeuren.

Die beiden Journalisten und Autoren haben einen Schuldigen gefunden: die Medien. Natürlich sei der „Kasinokapitalismus“ das Grundübel, die „Blödmaschinen“ (BILD-Zeitung und andere Medien) sind aber der Grund, warum sich bis heute nichts verändere. Durch „Econotainment“ führe man den Menschen vor Augen, wie wichtig der Finanzmarkt für uns alle ist. Durch das Unwissen, was zu diesem Thema herrscht, arbeiten selbst qualitativ anspruchsvollere Medien dagegen an und versuchen aufzuklären … nein, sie springen laut Metz und Seeßlen auf den Zug auf.

In seiner Medialisierung hat der Finanzkapitalismus tatsächlich ein neues Gesicht bekommen. Er grinst anzüglich und macht genau das, was das Wort Leerverkauf meint: Es verkauft etwas, was es nicht hat. Es verkauft uns unsere eigene Gier, in der wir zwischen einer Börse und einer Lotterieannahmestelle nur noch unscharf unterscheiden, und es verkauft uns unsere eigene Angst. Dieser Finanzkapitalismus, das wissen wir, richtet die Welt zugrunde.

Während „Beruhigt euch!“ versucht, den Menschen klar zu machen, nicht alles zu glauben, was so manche Medien schreiben, sieht es „Kapitalismus als Spektakel“ anders. Hier haben die Menschen schon versagt, in Wahrheit haben sie gar keine andere Möglichkeit. Denn so unwahr auch so manche Meldungen auch sind, durch ihre ständige Wiederholung, durch die Masse der falsch berichtenden Medien (von RTL bis ARD von Bild bis FAZ) werden sie zur Wahrheit für diese Krise.

Schuld dafür geben sie der Arbeitgeber-Organisation „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft„. Dort finden sich laut Metz und Seeßlen „Journalisten, Ökonomen, Demoskopen, SPD-Mitglieder, ein ehemaliger Sprecher der Bündnis-Gründen; sie finanziert eine Journalistenschule von RTL, stellt an deutschen Schulen Unterrichtsmaterial zur Verfügung und kreiert Slogans wie „Sozial ist, was Arbeit schafft“, die von CDU und FDP gleichermaßen in ihre Wahlkampfstrategie eingearbeitet wurden.“ Das ist der interessanteste Aspekt des Buches. Gibt es ein Gesamtversagen der Medien? Ist der Wunsch nach unabhängiger Berichterstattung ein utopischer Traum? Ist diese Krise viel weniger eine der Finanzwelt sondern vielmehr eine der Medien, von der sie sich lange nicht mehr erholen wird? Man weiß es nicht. Selbst die beiden Autoren sind sich nicht sicher. Benutzen Worte wie „Postdemokratie“ und „Neoliberalismus“ ohne ihre eigenen Definition anzuführen und machen so den gleichen Fehler, wie sie den Medien vorwerfen: polemisch in den Wald schreiben, ohne zu informieren.

Die postdemokratische Herrschaft macht dieses Spiel nur zu gern mit, denn bei der Komplexitätsreduzierung der Dramen und Schurken wie Ratingagenturen oder Hedgefonds verschwimmt die eigene Schuld, die eigene Schwäche und die eigene Korruption.

Ehrlich? Ich habe mich wahrlich durch dieses Buch gequält. Metz und Seeßlen beginnen mit einem Rundumschlag gegen Red Bull (das neoliberale Gesicht der eigentlich ach so aufgeklärten Jugend), werfen den Medien und den Menschen die mediale Heiligsprechung Steve Jobs vor, bevor sie wirklich auf die Krise zu sprechen kommen. Einerseits erklären sie einfache Umstände in teils schwer verständlicher Sprache und zudem scheinen sie es zu lieben, neue Worte zu erfinden und sie im Anschluss so häufig wie möglich zu benutzen. Dass der Kapitalisms zum Spektakel verkommen sei, kann man sich nach dem Buch bedingt vorstellen, das Buch selbst war aber absolut enttäuschend. Und so wird die Revolte (wie sie im letzten Absatz gewünscht wird) wohl nicht stattfinden, und wenn, dann definitiv nicht wegen Markus Metz und Georg Seeßlen.

Kapitalismus als SpektakelMarkus Metz, Georg Seeßlen
Kapitalismus als Spektakel

Taschenbuch
89 Seiten

ISBN 978-3-518-06256-2
€ 6,20

 

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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