Was muss man über die Geschichte der Türkei wissen? Dass „wir“ sie 1683 kurz vor Wien „gestoppt“ haben?  Der Geschichtsunterricht lässt zumindest sehr vieles aus … und so fällt es noch schwerer die nationalistischen Bewegungen der Migranten zu verstehen. Die Volkshilfe Flüchtlings-& MigrantInnenbetreuung OÖ versucht mit einem neuen Buch zu informieren.

„Grauer Wolf im Schafspelz“ ist ein hochinteressantes Werk, das wieder einmal eines aufzeigt: man weiß viel zu wenig. Die ersten drei Kapitel befassen sich mit der Geschichte der Türkei: vom osmanischen Reich, bis hin zum Ersten Weltkrieg, der Ära Atatürk. Zu Beginn wird die Verbindung der Türkei mit Nazideutschland während des Zweiten Weltkrieges im ersten Kapitel beleuchtet, der Aufstieg der türkischen Nationalisten und Faschisten durch mehrere Militärputsche und dem Entstehen der MHP mit all ihren politischen Morden im zweiten sowie dem Faschismus zur Jahrtausendwende bis heute im dritten Kapitel. Und im Gegensatz zur FPÖ (der verhetzende „Comic“ „Sagen aus Wien“ ist noch immer auf der Seite von Heinz-Christian Strache zu finden) könnte man sich einmal ernsthaft mit der Geschichte der drittgrößten MigrantInnengruppe auseinander setzen. Kemal Bozay, Thomas Rammerstorfer, Thomas Schmidinger und Christian Schörkhuber haben einen spannenden Überblick über die Grauen Wölfe in Deutschland, in Österreich und in der Türkei selbst geschaffen und wollen damit aufzeigen, dass Faschismus ein Verbrechen ist, egal von welcher Seite sie auch kommen mag.

Doch: Wer sind die Grauen Wölfe? So werden Mitglieder der rechtsextremen türkischen Partei der Nationalistischen Bewegung („Milliyetçi Hareket Partisi“, MHP), die 1961 von Alparslan Türkeş gegründet wurde. In den 1960er-Jahren wurden Jugendliche paramilitärisch ausgebildet und ideologisch indoktriniert, 1969 sollen bereits 100.00 Graue Wölfe ausgebildet worden sein. Vor allem während der Regierung der Nationalen Front kam es zu politischen Morden, Terroraktionen sowie Massakern (5000 Tote). Unter den heutigen Grauen Wölfen muss man sich natürlich etwas anderes vorstellen, doch die Feinde sind diesselben: Als Feindbilder sehen die Grauen Wölfe Kurden und die kurdische Untergrundorganisation PKK, welche auf einschlägigen Webseiten als „Babymörder“ bezeichnet wird. Als Feindbilder sind vor allem Juden,Christen, Armenier, Griechen, Kommunisten, Zionisten, Freimaurer, der Vatikan und die Vereinigten Staaten zu nennen. (Quelle: Wikipedia)

Dieses Gemisch ist ein guter Nährboden für RechtspopulistInnen, egal ob es sich dabei um die deutsche NDP, den belgischen Flams Belang, die FPÖ in Österreich oder um nationalistische Strömungen in der Türkei handelt.

Ihre Zeichen sind drei Halbmonde und ein heulender Wolf (mit dem Kopf zum Himmel gerichtet), ihr Gruß ähnlich dem Hitlergruß. Mittel- und Ringfinger sowie der Daumen bilden die Schnauze des Wolfs, Zeige- und kleiner Finger die Ohren des symbolischen Wolfes. Und wie auch deutschnationale Gruppierungen genießen sie die gewonnenen Freiheiten der sozialen Netzwerke. So können sie sich vernetzen, posten antisemitische, homophobe oder rassistische Karikaturen, Rap-Videos oder ihr dubioses Gedankengut und brauchen sich oftmals keine Sorgen zu machen.

In Deutschland arbeiten Graue Wölfe mit Neonazis zusammen, zweisprachige Flyer mit den Worten „Deutscher, sei stolz Deutscher zu sein! Türke, sei stolz Türke zu sein! Gemeinsam gegen Rassenmischung und Multikultur“ sind im Buch selbst abgedruckt. Die Zusammenarbeit deutscher und türkischer Faschisten hat ja seit dem Zweiten Weltkrieg beinahe so etwas wie eine Tradition. Und während man in Deutschland bereits auf die Gefahr der Grauen Wölfe aufmerksam geworden ist, fehlen in Österreich bisher umfangreiche Reaktionen. „Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland“ (ADÜTDF) nennt sich jener Verein, der bereits Ende der 70er-Jahre in Deutschland gegründet wurde. In Österreich findet man den Dachverband türkischer Faschisten in dem Verband „Avusturya Türk Federasyon“ (Österreichische Türkische Federation); Mitgliedsvereine findet man in ganz Österreich, neben Wien auch in St. Pölten, Salzburg, Innsbruck, Wörgl, Graz, etc. Zusätzlich gibt es noch Mitgliedsvereine der „Avusturya Nizam-i Alem Federasyonu“ – im Gegensatz zur Österreichisch Türkische Federation kein österreichischer Ableger der MHP-Partei, sondern der noch radikaleren BBP (Büyük Birlik Partisi), der Partei der Großen Einheit.

Laut einer Wertestudie von 2008 stiegen in keinem europäischen Land die antiislamischen Ressentiments so sehr an wie in Österreich – und das trotz Ermangelung jeglicher terroristischer Aktivitäten. Untrennbar verbunden mit den Ressentiments gegen MuslimInnen war die Hetz gegen türkische MigrantInnen in Österreich, vielfach verbunden mit Panikmache vor einem türkischen EU-Beitritt.

Ich warte schon darauf, bis die FPÖ dieses Buch als Grundlage hernimmt, um „die Türken“ als integrationsunwillig, nationalistisch, antisemitisch und was weiß ich darzustellen. Doch genau dazu dient dieses Buch am Wenigsten: hier werden keine weiteren Vorurteile geschürt, keine Verallgemeinerungen gewagt, sondern gezielt informiert. „Grauer Wolf im Schafspelz“ soll nicht aufzeigen, dass die Migranten aus der Türkei furchtbar sind, sondern dass verstörendes Gedankengut rund um Rasse und Religion wohl überall leider noch einen Platz hat. Und genauso schlimm, wie der Rechtsextremismus in Österreich und Deutschland ist, genauso schlimm ist er in der Türkei. Und zugleich ist es auch wichtig, der Jugend mit Migrationshintergrund aufzuzeigen, welchen falschen Dogmen sie zu folgen scheinen. Ein interessantes, spannendes und aufrüttelndes Buch, dass ich mir in die Hand eines jeden Politikers wünschen würde.

Hg. Volkshilfe Flüchtlings- & MigrantInnenbetreuung Oberösterreich
Grauer Wolf im Schafspelz
Rechtsextremismus in der Einwanderungsgesellschaft

Buchverlag Franz Steinmaßl, Grünbach 2012
Hardcover, 95 Seiten
ISBN: 978-3-902427-84-7
Preis: EUR 19,50

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