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In österreichischen Medien wurde nur spärlich darüber berichtet, während andere Erdteile vom „LIBOR-Skandal“ regelrecht erschüttert wurden. Was ist dieses LIBOR? Wäre ohne ihm die Finanzkrise schon beinahe überstanden? Und wer sind jetzt nun die Bösen? neuwal klärt auf.

Was ist LIBOR?

Abb 1: Der Verlauf des LIBOR-Zinssatzes von 2002 bis 2012

Die Abkürzung LIBOR steht für „London Interbank Offered Rate„, also ein Zinssatz, den Londoner Banken für Interbankengeschäfte (also Geld-, Devisen- und Wertpapiertransfers) täglich festlegen. Um 11 Uhr wird er durch 12 (The Guardian schreibt von 16) ausgewählte Banken der British Banker’s Association festgelegt und gilt als Referenzzinsatz für eine große Anzahl an Finanzmarktgeschäften. Vereinfacht gesagt, legen die Banken selbst fest, zu welchem Zinssatz sie Geld an etwaige andere Banken anbieten oder annehmen. In einer Analyse des tagesanzeiger.ch wird er gut beschrieben:

Der Libor ist ein wichtiger, unabhängiger Massstab. Er dient als Referenzpunkt für Hypotheken, verschiedene Derivate etc. Insgesamt sind derzeit weltweit Finanzprodukte im Wert von mehr als 500 Billionen Dollar auf der Basis des Libor im Umlauf. Quelle: tagesanzeiger.ch

Abb 2: Der Verlauf des EURIBOR-Zinssatzes von 1999 bis 2012

Ähnliches ist auch der EURIBOR („Euro Interbank Offered Rate), eingeführt 1999, als der Euro erstmals als Buchgeld eingesetzt wurde.

Beide Zinssätze wurden in der frühen Vergangenheit manipuliert. Die Manipulationen des EURIBOR wurden Ende 2011 bekannt, der sogenannte „LIBOR-Skandal“ schließlich im Juni 2012.

Was ist der LIBOR-Skandal?

Abb 3: Eine (wenn auch eindeutig einseitige) Infografik, welche den LIBOR-Skandal erklärt.

Durch die Veröffentlichung von internen Mails (hier zwei PDFs: 1, 2) wurde im Juni 2012 bekannt, dass es Absprachen unter den – den LIBOR-Zinssatz festlegenden – Banken gegeben haben soll (die Mails zeigen Kontakte zwischen Royal Bank of Scotland und Barclays). So soll der LIBOR-Zinssatz nicht nach operativ nachvollziehbaren, neutralen Gründen festgelegt worden sein, sondern in einer solchen Form, dass die Banken ihre Verluste zum Teil verschleiern konnten und die Banken so liquider dastanden als sie es waren. Dadurch verschlimmerte sich die Lage für Zinssätze vieler anderer Finanzprodukte (wie Darlehen und Hypotheken), die durch LIBOR festgelegt wurden.

Das Problem ist die im Vergleich zur Preisbildung in der normalen Wirtschaft mangelnde Transparenz. Die Umfrage zur Ermittlung des Libor ist vertraulich. Ob die gemeldeten Daten stimmen, ist nur schwer nachzuprüfen. So könnten die Banken den Satz in ihrem Sinn beeinflussen. Eigentlich sollen die Mitarbeiter, die die Sätze nach London melden, völlig neutral die Daten abliefern. Wie offen sich Händler der Bank mit diesen Mitarbeitern austauschten und absprachen, verdeutlichen die von der britischen Finanzaufsicht veröffentlichten internen Mails bei Barclays. (Handelsblatt)

Welche Banken sind in den LIBOR-Skandal verwickelt?

Die britische Bank Barclays wurde als erste Bank aufgedeckt. Weitere involvierte Banken: Royal Bank of Scotland, Citigroup, HSBC, Royal Bank of Canada, UBS, die Deutsche Bank, die französischen Großbanken Société Générale und Crédit Agricole, J.P. Morgan,  Mitsubishi-UFJ, Credit Suisse und Lloyds. (Es ist sehr schwierig, eine Liste aller involvierten Banken zu erstellen, da sich immer wieder neue Vorwürfe zu weiteren Banken auftun.) Die Frage ist auch, ob Regierende und Regulatoren in den Skandal verwickelt sind. So soll zum Beispiel die Federal Reserve Bank of New York davon gewusst und die British Banker’s Associaton um Aufklärung gebeten haben.  Diese kam jedoch nicht. (via USA Today)

Wie konnte eine so wichtige Größe so leicht manipulierbar werden? (Frage von @thalertom)

Das ist schwierig zu beantworten. Es fehlte an vielem: einerseits handelt sich bei LIBOR ja nicht um den Zinssatz, den die Banken wirklich anwenden, sondern eher um einen Erwartungs-Zinssatz. „Wie hoch würde ich Geld verzinsen, wenn eine andere Bank etwas von uns brauchen würde?“ Das hat jene Banken, die für die Erstellung des Zinssatzes zuständig waren, dazu verleitet, diesen LIBOR-Zinssatz zu manipulieren. Durch überhöhte oder zu niedrige Werte konnte so die eigene Bank finanziell besser dargestellt werden. Andererseits, und das ist fordert man zumindest seit der Finanzkrise 2008 von vielen Seiten: Es fehlt an Regulatoren. Niemand hat die Banken wirklich überprüft, eher durch Zufall wurde dieser Skandal nun aufgedeckt. (Laut Wikipedia bzw. Financial Times sollen die Manipulationen bereits seit 1991 stattfinden.) Und ein weiteres Problem ist, dass der LIBOR anfangs nicht als diese Größe gedacht war, zu der er bis heute geworden ist.

Update: Wurde der Zinssatz nur nach oben oder auch nach unten manipuliert? Um wieviele Punkte gehts da? (Frage von Christian Sterzl)

Bei der Recherche und bei Umfragen auf Twitter (vielen Dank @Duncrow und @marcoschreuder) stießen wir auf beides: in diesem Artikel auf Rolling Stone wird davon berichtet, dass Barclays einen zu hohen Wert eingereicht haben solle. Der Reuters-Artikel von 2011 redet davon, dass er nach unten manipuliert wurde. Die NZZ hat es auch gut zusammengefasst … es wurde sowohl nach oben als auch nach unten manipuliert.

Um wieviele Punkte es dabei geht, konnte ich schwer herausfinden. Auf TF-Market-Advisors haben sie aber herausgearbeitet, welche Ausschläge bei den Zinswerten es seit 2007 gab, also wie groß so manche Abweichungen mancher Banken zum Durchschnitt waren.

Update: Die Trennung von Privatkundengeschäft und Investmentbanking ist auch im Zusammenhang mit der Finanzkrise bereits als Lösung von verschiedenen Problemen erkannt worden. Das ist schon eine Zeit lang her – gibt es hier schon in irgend einem Land Fortschritte? (Frage von Andreas Ostheimer)

Zu den USA und Großbritannien (und Deutschland):

Nach der Lehman-Pleite trat der frühere US-Notenbankchef Paul Volcker vehement dafür ein, das Trennbankensystem wieder einzuführen. Die US-Regierung schien ihm zunächst zu folgen, doch nun kommt sie nicht recht voran, auch weil die Bankenlobby intervenierte.

Zuletzt machten sich auch die britischen Regulierer für eine Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken stark. Im Prozess der Gesetzgebung kam allerdings wieder nur ein weicher Kompromiss heraus: Die Bereiche können weiter unter dem Dach einer Bank angesiedelt sein, nur Personen und Kapital sollen getrennt werden, außerdem haben die Institute dafür bis 2019 Zeit. – Süddeutsche.de, Oktober 2011

Bei kurzer Recherche konnte ich einzig und allein das krisengebeutelte Island als fortschrittlich herausfiltern:

Die eingeleiteten Reformen, einschließlich der Trennung in Geschäfts- und Investmentbanken, sollen eine neue Krise gleichen Ausmaßes verhindern und werden von der isländischen Politik als gutes Beispiel für ganz Europa empfohlen. Handelsblatt, August 2012

Wer wurde schon verurteilt?

Barclays musste bereits 453 Millionen Dollar (370 Millionen Euro) Strafe bezahlen. Gegen die in der vorhergegangenen Antwort aufgezählten Banken scheint bereits ermittelt zu werden und auch der politische Druck auf so manche Bank scheint zu steigen. Robert Diamond, Chef von Barclays, ist bereits zurückgetreten, auch in der RBS gab es Entlassungen rund um den LIBOR-Skandal. Einige der Banken wollen eine gemeinsame Strafe (und somit nicht einzeln verurteilt werden). Zudem sollen manche Banken als Kronzeugen (wenn sie also bei der Aufklärung des Skandals tatkräftig mithelfen) Straffreiheit erhalten.

Und jetzt?

Dem bereits angeschlagenen Image der Banken hat dieser Skandal (von unglaublichem großem Ausmaß) definitiv nicht gut getan. Aber nun scheint auch die Politik einzusehen, den Investmentbanken genauer auf die Finger zu schauen. Das Motto „Too big to fail“ (also dass große Banken für den Nationalstaat von zu großer Wichtigkeit seien) scheint, so schreibt derStandard.at, ein Ablaufdatum zu haben. Das würde bedeuten, dass Banken in zwei Teile zwangsaufgesplittet werden müssten: ins Privatkundengeschäft (also das, mit dem wir tagtäglich zu tun haben) und dem Investmentbanking (Aktienhandel, Derivate, Options, Futures, Swaps). Letzterer könnte dann ruhig pleite gehen und müsste nicht mehr vom Staat gestützt werden, da das Privatkundengeschäft ja zur Sicherheit ausgelagert wurde.

Und während die einen (etwa die EU-Kommission) über einheitliche Strafen für Zinsabsprachen diskutieren (ein Kommentar auf taz.de), überlegen andere (Kanada, Großbritannien, USA) die komplette Abschaffung des LIBOR (und des EURIBOR). Wie die Finanzgeschäfte weltweit dann funktionieren würden (oder nach welchen Werten sie sich richten würden), ist aber schwer herauszufinden.

Noch Fragen?

Am Besten einfach hier als Kommentar posten. Wir versuchen dann, die Fragen zu beantworten und werden den Artikel gegebenenfalls erweitern und updaten.

Pressestimmen und Links:

Bildquellen:

Titelbild: Barclays by Nussbox / Flickr / AttributionNoncommercialShare Alike Some rights reserved
Abb 1: Ben776 bearbeitete Daten von Cortal Consors / Wikipedia
Abb 2: PLauppert / Wikipedia
Abb 3: infographic from AccountingDegree.net

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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  • Christian Sterzl

    Wurde der Zinssatz nur nach oben oder auch nach unten manipuliert? Um wieviele Punkte gehts da?

  • Dominik Leitner

    Ich habe bei meiner Recherche beides gefunden: in diesem Artikel auf Rolling Stone wird davon berichtet, dass Barclays einen zu hohen Wert eingereicht haben solle. Der Reuters-Artikel von 2011 redet davon, dass er nach unten manipuliert wurde. Die NZZ hat es auch gut zusammengefasst … es wurde sowohl nach oben als auch nach unten manipuliert.

    Um wieviele Punkte es dabei geht, konnte ich schwer herausfinden. Auf TF-Market-Advisors haben sie aber herausgearbeitet, welche Ausschläge es seit 2007 gab.

  • Die Trennung von Privatkundengeschäft und Investmentbanking ist auch im Zusammenhang mit der Finanzkrise bereits als Lösung von verschiedenen Problemen erkannt worden. Das ist schon eine Zeit lang her – gibt es hier schon in irgend einem Land Fortschritte?

  • Dominik Leitner

    Zu den USA und Großbritannien (und Deutschland):

    Nach der Lehman-Pleite trat der frühere US-Notenbankchef Paul Volcker vehement dafür ein, das Trennbankensystem wieder einzuführen. Die US-Regierung schien ihm zunächst zu folgen, doch nun kommt sie nicht recht voran, auch weil die Bankenlobby intervenierte.

    Zuletzt machten sich auch die britischen Regulierer für eine Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken stark. Im Prozess der Gesetzgebung kam allerdings wieder nur ein weicher Kompromiss heraus: Die Bereiche können weiter unter dem Dach einer Bank angesiedelt sein, nur Personen und Kapital sollen getrennt werden, außerdem haben die Institute dafür bis 2019 Zeit. – Süddeutsche.de, Oktober 2011

    Bei kurzer Recherche konnte ich einzig und allein das krisengebeutelte Island als fortschrittlich herausfiltern:

    Die eingeleiteten Reformen, einschließlich der Trennung in Geschäfts- und Investmentbanken, sollen eine neue Krise gleichen Ausmaßes verhindern und werden von der isländischen Politik als gutes Beispiel für ganz Europa empfohlen. Handelsblatt, August 2012

  • roland andritschke

    was ich nicht ganz verstehe ist die tatsache,das die banken ihr geld für 0,25 % bei
    der bundesbank bekommen.Natürlich können die banken dann nicht mehr ihre verluste/gewinne vertuschen,da der zinssatz ja bekannt ist.
    Aber wenn banken einen bilanzbetrug machen können/konnten wo stehen wir dann
    überhaupt im system – am ende?!

    r.a.