Der Aufstieg von China und anderen Schwellenländern ist praktisch nicht mehr aufzuhalten. Doch wie soll Europa mit dieser Entwicklung umgehen? Der deutsche Politikwissenschafter Eberhard Sandschneider sieht das aktuelle Verhalten europäischer SpitzenpolitikerInnen kritisch und fordert zum Umdenken auf. Eine Buchrezension von Martin Schmidler.


 Eberhard Sandschneider
ist ein deutscher Politikwissenschafter. Seine Forschung konzentriert sich auf China, transatlantische Beziehungen und deutsche Außenpolitik. Er lehrt an der Freien Universität Berlin und leitet das Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP).  Foto: kasonline – Creative Commons-Lizenz (BY-NC-SA 2.0)

Sandschneider beginnt sein Werk mit einer historischen Bestandsaufnahme und stellt fest, dass sich viele Träume, die nach dem Mauerfall geschmiedet wurden, nicht bewahrheitet haben; vor allem eine weltweite Durchsetzung von Demokratie und marktwirschaftlichem System habe nicht stattgefunden. Im darauffolgenden Kapitel erläutert er dann, wie problematisch die psychologische Komponente bei großen Veränderungen ist. Zu beobachten sei oftmals eine „Torheit der Regierenden“, da in der Vergangenheit bewährte Verhaltensmuster auch weiterhin angewendet werden. Gleichzeitig sehen sich EntscheidungsträgerInnen einer immer größeren Informationsfülle ausgeliefert und öffentliche Debatten würden von Buchautoren mit schwarz-weiß-Weltbildern vereinnahmt (als Beispiele nennt er u.a. Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“ und Francis Fukuyamas „Ende der Geschichte“).

Ebenfalls hinderlich für eine veränderte Realität internationaler Beziehungen ist laut dem Autor das Phänomen der „Gebetsmühlenpolitik“. Rhetorische Phrasen würden so oft wiederholt, dass sie unsere Diskussionen über wichtige Themen vollkommen vereinnahmen und die Entstehung praktikabler Lösungen behindern. So würden westliche Politiker beispielsweise noch immer nicht akzeptieren, dass der „Krieg gegen den Terror“ klar verloren wurde.

„Wenn Krisen zum Dauerzustand werden, hören sie eigentlich auf, ‚Krisen‘ zu sein. Und wenn sie ständig herbeigeredet oder heraufbeschworen werden, dienen sie vor allem denjenigen, die von ihnen leben und an ihnen verdienen – und sie deswegen umso inbrünstiger herbeireden.“

Nach einem kurzen Systemvergleich zwischen Demokratie und Diktatur geht der Autor wieder speziell auf Europa ein. Er fordert einerseits eine stärkere Anerkennung bisheriger Leistungen der Europäischen Union, andererseits sieht er manche Debatten auch als unnötig an (z.B. jene über eine gemeinsame europäische Identität). Im letzten Kapitel fasst Sandschneider schließlich viele seiner vorherigen Punkte zusammen und legt dar, wie der titelgebende „erfolgreiche Abstieg“ aussehen kann. Die grundlegende Überlegung dabei: Eine breitere Streuung von Macht auf internationaler Ebene kann künftig nicht verhindert werden und sollte daher akzeptiert werden. Gleichzeitig müsse Europa auf pragmatische Art und Weise versuchen vom Aufstieg anderer Länder zu profitieren. Länder, deren Politik den Wertvorstellungen der Europäer zuwiderläuft, sollten dabei nicht automatisch zu Feindbildern abgestempelt werden. Auch solle der Fokus der EU nicht auf ein Übermaß an strategischen Partnerschaften gesetzt werden; Sandschneider fordert hier vor allem eine Emanzipation von den Vereinigten Staaten.

„Flexible Anpassung und „resilience“ (Elastizität) sind sehr viel mehr gefragt als Finalitäten, über die ohnehin nicht einmal in der Theorie Einvernehmen zu erzielen ist.“

Den Spiegel, den der Autor den EuropäerInnen und vor allem den verantwortlichen politischen Kräften vorhält ist ein kühler und realistischer. Europa wird sich verändern müssen und es wird von außen verändert werden, das steht auch meiner Ansicht nach außer Frage. Dass diese Transformation jedoch automatisch zu einem Untergangsszenario führt, wie Skeptiker behaupten, wird von Eberhard Sandschneider bestritten. Darüber hinaus zeigt er auf, welche bisherigen Leistungen Europa bereits vollbracht hat und wie wir auf diesen aufbauen können, um auch künftig in Frieden und Wohlstand leben zu können. Das Buch besitzt allerdings auch Schwächen und fragwürdige Ideen. So werden wirtschaftliche Akteure völlig ausgeblendet – gerade in internationalen Beziehungen ein gewichtiger Faktor. Das selbe trifft auch auf die aktuelle Wirtschafts-, Finanz- und Eurokrise zu. Dass das Buch bereits Mitte 2011 publiziert wurde sollte eigentlich kaum eine Rolle spielen.

Auch die Position zur Thematik der Menschenrechte ist etwas zweifelhaft. So überlegt der Autor an einer Stelle „.. ob eine ehrliche Außenpolitik nicht auf Entwicklungshilfe – auch wenn sie gerne als Entwicklungszusammenarbeit schöngeredet wird – verzichten sollte und sie stattdessen durch eine konsequente Interessenpolitik ersetzt [werden sollte].“ (S. 177). Wie diese Interessenspolitik konkret aussehen könnte lässt der Autor offen.

Positiv ist allerdings anzumerken, dass Sandschneider auf theoretische Konstrukte genauso wie auf schwulstige akademische Begrifflichkeiten verzichtet, was die Lesbarkeit ungemein erhöht. Fazit: Leichte Lektüre, die eine pragmatischere Denkweise für die Zukunft der europäischen Union fordert, dabei allerdings einige Aspekte auslässt.

Eberhard Sandschneider
Der erfolgreiche Abstieg Europas

Hanser, München 2011
177 Seiten
ISBN: 978-3446423527
Preis: EUR 19,90

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Politikwissenschaftsstudent an der Universität Wien. Nachrichtenjunkie und Musiker.