Das Urteil des Kölner Landesgerichtes, das religiös motivierte Beschneidung von Kleinkindern verbietet, hat eine umfangreiche Diskussion entfacht. Ob es nun zum Wohle des Kindes verboten wird oder zum Wohle der Religion weiter erlaubt bleibt, geht dabei aber meist unter. Vielmehr greift man zu radikalen Worten und verfehlt so die Möglichkeit, mal ernsthaft darüber zu sprechen. Ein Kommentar von Dominik Leitner.

Es scheint, als hätte das Urteil des Landesgerichts Köln ein Tabu gebrochen: darf ein Staat in die Traditionen der Kirche eingreifen? Befürworter des Verbots begründen ihre Meinung oftmals damit, dass hier an Kleinkindern etwas „verstümmelt“ wird, ohne dass sie sich dagegen wehren könnten. Das Wohl des Kindes soll hier im Vordergrund zu stehen. Gegner des Verbots, Vertreter der Muslimen und Juden in Deutschland und auch Österreich sehen sich aber in ihrer traditionellen Glaubensausübung beschränkt, sind erzürnt und sprechen dem Urteil ihre Sinnhaftigkeit ab … zum Wohle des Glaubens, natürlich.

Was mir aber sauer aufstößt, sind solche Wortmeldungen wie jene von Ariel Muzicant, Ehrenpräsident der Isrealitischen Kultusgemeinde, die man bei der Kleinen Zeitung nachlesen kann. Er vergleicht das Beschneidungsverbot mit der Shoah. Für Unwissende: Shoah ist hebräisch und bedeutet „das Unheil“ oder „die Katastrophe“ und wird synonym zum Begriff „Holocaust“ benutzt, um die in der NS-Zeit stattfindenden systematischen Vernichtung der europäischen Juden zu beschreiben. Er meint zwar, dass die Shoah diesmal mit „geistigen Mitteln“ passiere, aber wieder einmal passiert genau das, was ich schon viele Male zuvor gesehen habe: Jegliche Diskussion um die Ausübung des jüdischen Glaubens wird automatisch als Antisemitismus angesehen; Jeder Mensch, der hier einzig und allein zum Wohle des Kindes über die religiös motivierte Beschneidung diskutieren möchte, wird gleichgesetzt mit Nationalsozialisten, die Millionen von Menschen auf brutalste Art und Weise hingerichtet haben. Auch der Gemeinderabbiner der Isrealitischen Kultusgemeinde Wien, Schlomo Hofmeister, meinte in einem profil-Interview, dass man das Beschneidungsverbot im antiken Rom (es galt die Todesstrafe bei Verstoß), die NS-Zeit und somit auch das Urteil des Kölner Landesgerichts überstehen werde. Auch aus islamischen Kreisen kommt Kritik, aber bei weitem nicht so massiv und mit einer solchen Wortwahl wie bei den jüdischen Gläubigen, wobei das Wort „Islamhass“ auch inflationär benutzt wird.

Ist es wirklich so, dass man über den jüdischen Glauben nicht diskutieren darf? Ist das Judentum genauso wie der Staat Israel ein Tabu, das man nicht kritisieren darf? Es bedarf ganz eindeutig einer tiefgreifenden Diskussion über die Auslegung der Religionsfreiheit. Aber so wird sie leider zum jetzigen Zeitpunkt nicht stattfinden können.

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