Für Kärntens Politiker gilt die Unschuldsvermutung, für Kärntens Wähler darf sie aber bei der nächsten Wahl nicht mehr gelten. Zu viel ist schon passiert, und das Schlimmste: man soll diese „Kärntner Verhältnisse“ auch schon in Teilen Rest-Österreichs gesichtet haben. Ein Kommentar von Dominik Leitner.

Im Land der heruntergefallenen Sonne gibt es dieser Tage wieder ein politisches Erdbeben. Aber was sage ich: Seit Jahren schon hat unser südlichstes Bundesland nicht mehr zu beben aufgehört. Tagein, tagaus werden neue Ungeheurlichkeiten bekannt, Politiker verurteilt, Geständnisse abgelegt und Politiker einvernommen. Was früher wie die grünen Landschaften Kärntens aussahen, offenbart sich heute als Sumpf aus Korruption, Veruntreuung und illegale Parteienfinanzierung. Das Verstörende daran? Jene Politiker, die unter Verdacht stehen, sind seit Jahren im Amt und so wie es aussieht, würden sie auch bei der nächsten Wahl wieder die Mehrheit der Mandate erlangen. Und wieder würden die acht anderen Bundesländer überrascht sein und nicht verstehen, was da unten passiert. Doch die Wahrheit ist viel brutaler.

Jene „Kärntner Verhältnisse“ – das Spiel mit der Macht, die vollkommen fehlende Einsicht jeglicher Schuld, der Verdacht einer Polit-/Medienkampagne – greifen um sich. Werner Amon und Karlheinz Kopf sehen in den Ermittlungen gegen Ersteren eine Rache der Staatsanwaltschaft. Werner Faymann und Josef Ostermayer sind sich – in Sachen ÖBB-Inserate – keiner Schuld bewusst und Heinz-Christian Strache ist sowieso das größte aller Opfer. Und deshalb hilft es nichts, wenn man Verhaltenskodizes erstellt und man dann trotzdem zu feige ist, an Kärntens ÖVP-Mann Martinz ein Exempel zu statuieren.

Das ist vielleicht das größte Problem: Das man zwar um die Skandälchen in der eigenen Partei Bescheid weiß, aber zu feige ist, wirklich hart durchzugreifen. Würde die VP bei Verdachtsfällen in der eigenen Partei genauso hart durchgreifen wie bei Asylfällen, sie würde innerhalb kürzester Zeit wieder zu einer Partei der Seligen werden. Dass bei der SPÖ vielleicht der Fisch beim Kopf zu stinken begonnen hat und ganz einfach der Falsche an der Spitze sitzt, macht es für sie viel, viel schwieriger. Und Strache? Dem wäre eventuell ein Sommercamp empfohlen, welches ihm hilft, wieder etwas zwischen Realität und Fanatismus zu unterscheiden.

Josef Winkler, Schriftsteller und Gewinner des Georg-Büchner-Preises 2008, ruft in einem Interview mit derStandard zum „zivilen Ungehorsam“ auf. Franz Miklautz (hier im Gespräch mit neuwal) hat auf derStandard einen Leserkommentar veröffentlicht mit dem Titel „Kärnten: Aus diesem Land geistig längst ausgewandert„. Es ist erschreckend, wie die Politik das Bild, was man über einen Teil Österreichs hat, verändert. Wenn wir aber nicht aufpassen, müssen wir das Bild ganz Österreichs neu aufsetzen … und das wäre, ähnlich dem Bildnis des Dorian Gray – nur von vorübergehender Schönheit.

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