Der bekannte deutsche Aufdecker und Enthüller verschiedenster gesellschaftlicher und politischer Missstände, Günter Wallraff, war am Donnerstag, 12. Juli 2012,  zu Gast in der ÖGB Zentrale Wien – unverkleidet.

Ich war das erste Mal in der ÖGB Zentrale. Sie liegt einigermaßen abgelegen nördlich vom Prater an der Donau, wirkt groß und ist im Stil moderner Büroarchitektur erbaut. Der Veranstaltungssaal war mit ungefähr 100 Zuhörern halbwegs gut gefüllt. Es dürfte sich dabei fast ausschließlich um Angestellte der ÖGB oder mindestens gewerkschaftsnahe Personen gehandelt haben, es gab Fruchtsäfte.

Günter Wallraff – sein Vater war zuerst Arbeiter, dann Angestellter, die Mutter stammte aus bürgerlichen Verhältnissen – besuchte ein Gymnasium und absolvierte eine Buchhändlerlehre. Dann, im Alter von 21 Jahren, begann er 1963 seinen gesellschaftlichen Abstieg. Nicht in sie hineingeboren, wechselte Wallraf – zumindest zeitweise – freiwillig in die Unterschicht. Im Laufe seiner zahlreichen verdeckten Ermittlungen war der hauptberufliche Gesellschaftskritiker, oder gab vor zu sein: am liebsten Lohnsklave, ob Schwerarbeiter, Fließbandarbeiter, türkischer Gastarbeiter oder Angestellter, außerdem Alkoholiker, Obdachloser und Schwarzafrikaner. Aber auch – in gehobenerer Position – Napalm erzeugender Industrieller, Redakteur bei der Bildzeitung und Ministerialrat. Das liest sich spannend, ist aber nur ein Auszug. Er schrieb Bücher, Artikel und machte Dokumentationen. Im Zuge dieser bis heute andauernden „Karriere“ am Rand der Gesellschaft, wie auch der Medienbranche, traf er nicht wenige berühmte Persönlichkeiten und wurde ständig von Klägern und gerichtlichen Prozessen begleitet.

Wallraff ist ein eigenartiger Mann. Er wirkt intelligent, selbstdiszipliniert und so sehr er seine Anliegen ernst nimmt, doch nicht humorlos. Vor allem Leute der Mittel- und der gebildeten Schicht müssen ihn vielleicht oft gegen ihren Willen bewundern. Er erscheint als selbstloser Kämpfer der Entrechteten, Ausgbeuteten und Marginalisierten. Und er kritisiert politische Tatsachen nicht mittels akademischer Theorien oder sozialistischer Ideologien, sondern durch simple und nicht unabenteurliche Aufdeckungen. Darüber hinaus fasziniert mich Wallraff einfach deshalb, weil er gesellschaftliche Grenzen überschreitet, sich in die Milieus sozialer Brennpunkte begiebt und dabei auch noch ständig – im Dienst des Journalismus oder fast schon der Feldforschung – unzählige Menschen vorsetzlich betrogen hat und betrügt.

Günter Wallraffs Auftritt stellte nur die erste Hälfte einer Veranstaltung für mehr Kontrolle der Unternehmen durch den Staat dar. Wallraffs Berichte und Erzählungen fand ich unterhaltsam und spannend, die zweite Hälfte (Franz Fiala), sowie die Diskussion am Ende der Veranstaltung weniger, ich bin vorzeitig aufgebrochen. Den gut gekleideten Hörern im ÖGB-Saal gegenüber brauchte sich Wallraff nicht zu verstellen. Er kam unverkleidet: als kritischer Journalist mit starkem Hang zur Soziologie einerseits, zu linken Bewegungen andererseits.

Im Zuge seiner letzten Undercover-Recherche hat Wallraff versucht, die schauderhaften Arbeitsbedingungen in der Branche der Paketzusteller publik zu machen. Er ist mit diesem Thema gerade auf Medientour und hat auch beim ÖGB aus seinem Artikel, der in der Zeit erschienen ist, vorgelesen.

Armee der Unsichtbaren
Pakete ausliefern ist ein Knochenjob und pro Stunde gibt es oft weniger als fünf Euro. Günter Wallraff hat erlebt, wie Fahrer ausgebeutet werden.
» Artikel in zeit.de (31.05.2012)

Bild: de.wikipedia.org, CC

The following two tabs change content below.

Michael Kaefer

Neueste Artikel von Michael Kaefer (alle ansehen)