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Hängen wir mit unseren politischen Einordnungen in einem Gedankenbild der Französischen Revolution fest? Besteht eventuell Rechts und Links in der Politik gar nicht mehr? Und sind sich Linke und Rechte nicht allzu oft viel zu ähnlich? Norberto Bobbio hat sich in seinem Buch „Destra e Sinistria“ 1994 ausführlich damit auseinandergesetzt und all das hat bis heute nicht an Aktualität verloren.

Norberto Bobbio, geboren 1909, lehrte über vier Jahrzehnte politische und Rechtsphilosophie an der Turiner Universität. Er war liberaler Sozialist und als „das unbestechliche Gewissen der Nation“ eine der bedeutendsten Figuren im politischen Leben Italiens. Er starb 2004 in Turin. 1935 war Norberto Bobbio wegen seiner Mitgliedschaft in der antifaschistischen Gruppe Giustizia e Libertà (Gerechtigkeit und Freiheit) für kurze Zeit verhaftet. 1942 trat Bobbio der damals illegalen Partito d’Azione bei, die als Aktionspartei aus der Giustizia e Libertà.

Wer dem selbsternannten liberalen Sozialisten Bobbio unterstellen will, dass er hier ein Werk pro links und somit contra rechts verfasst hat, irrt gewaltig. Trotz seiner eigenen politischen Einstellung hat er es geschafft, „Gründe und Bedeutungen einer politischen Unterscheidung“ (so der Untertitel des Buches) zu beschreiben ohne sie dabei zu bewerten. Ihm gelingt es in einer (fast) wissenschaftlichen Form, einen wunderbaren Überblick zu bieten.

Schon aus diesen beiden Zitaten wird überdeutlich, daß das, was einen Linksextremisten mit einem Rechtsextremisten verbindet, die Antidemokratie ist (ein Haß, wenn nicht gar Liebe). […] Die Extreme berühren sich.

Das komplette Buch befasst sich mit der Dyade (griech. für: Zweiheit, Verbundenheit) Links-Rechts: Bobbio zerlegt den Dyadengedanken, vergleicht es mit ähnlichen Wortpaaren, blickt von allen Seiten darauf und zitiert dafür allzu oft Wissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen und Autoren verschiedenster politischer Einstellungen. So erklärt er auch, dass, noch bevor es zu einem exemplarischen Wortbild in der politischen Sprache wurde, es im christlich-religiösen Glauben eine festgeschriebene Bedeutung der Worte gab. Die Guten saßen rechts, die Bösen links des Vaters, links ist also biblisch gesehen als negativ angesehen.

Norberto Bobbio beleuchtet die Gemäßigten und die Extremisten auf beiden Seiten, untersucht die Unterschiede und erkennt dabei häufig auch große Gemeinsamkeiten. Warum er dieses Buch geschrieben hat? Damals, nur wenige Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion, wurde die Linke totgesagt, mit Schlagzeilen wie „What is left?“, „Die Linke gibt es nicht mehr“ oder „Der Todeskampf der Linken“. Und wie die Geschichte gezeigt hat, verschwand „die Linke“ nicht von der politischen Landkarte, und folgt man Bobbios Gedankengängen, wird sie wohl auch noch ewig bestehen. Sollte die Linke verschwinden, würde automatisch auch die Rechte verschwinden und umgekehrt.

Aber genau dieser Gegensatz zwischen diesen subtilen Entscheidungs-möglichkeiten hilft meiner Ansicht nach ausgezeichnet, die beiden sich gegenüberstehenden Lager zu kennzeichnen, die wir uns seit langem angewöhnt haben, rechts und links zu nennen: auf der einen Seite diejenigen die der Meinung sind, die Menschen seien eher gleich als ungleich, auf der anderen Seite diejenigen, die glauben, daß wir eher ungleich als gleich seien.

Norberto Bobbio hat mit „Rechts und Links – Gründe und Bedeutung einer politischen Unterscheidung“ ein Standardwerk veröffentlicht, dass zum Verständnis des komplexen Themas Politik eindeutig hilfreich beiträgt. Vorwissen in diesem Bereich ist aber leider, aufgrund der doch sehr wissenschaftlichen Sprache, die Bobbio gewählt hat, dringend zu empfehlen – ansonsten fällt es oft schwer, seinen Gedanken und Zitaten in die richtige Richtung zu folgen. Doch alles in allem ist es ein sehr empfehlenswertes Buch, das heute mehr denn je (weil stets von Rechtsruck in Europa die Sprache ist) aktuell ist.

Norberto Bobbio

Rechts und Links
Gründe und Bedeutungen der politischen Unterscheidung

Taschenbuch
94 Seiten
ISBN: 978-3-8031-2311-4
€ 10.20

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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  • Christian Sterzl

    Ist das ein Zitat aus dem Buch? „auf der einen Seite diejenigen die der Meinung sind, die Menschen seien eher gleich als ungleich, auf der anderen Seite diejenigen, die glauben, daß wir eher ungleich als gleich seien.“
    Wer ist mit der einen Seite gemeint und
    wer mit der anderen? Wenn du meinst die Linke meint dass alle Menschen gleich sind so hast du Recht, aber die Rechte meint nicht ungleich sondern unterschiedlich oder individuell. Du verkehrst dies natürlich ins negative und schaffst es nicht, nicht zu werten. Die einen sehen es eben negativ wenn alle gleich sind. Man wünscht sich Chancengleichheit aber nicht dog

  • Dominik Leitner

    Um deinen Vorwurf gleich vorweg zu entkräften: Ja, es ist ein Zitat aus dem Buch.