Ein Rundgang auf dem Gelände des nach 6 erfolgreichen Jahren 2011 zuletzt veranstalteten alternativen Festivals "Bock ma's"

neuwal war bei der hochsommerlichen Premiere des oberösterreichischen Dokumentarfilms „Freiräumen. Die Politik des Do-it-yourself“ in der voll besetzten Schikaneder-Sauna. Die brodelnde Hitze im Saal tat der Stimmung der zahlreichen, großteils an der Entstehung des Films beteiligten Publikums keinen Abbruch. Ein Film über Kunst gegen Kommerz, die Kraft alternativer Lebensentwürfe und die verführerischen Sirenen der Utopien.

Ein Rundgang auf dem Gelände des nach 6 erfolgreichen Jahren 2011 zuletzt veranstalteten alternativen Festivals "Bock ma's"

Der neue Film des Kunstschaffenden Andreas Kurz handelt von der Selbstermächtigung, vom engangierten Kampf junger Menschen für mehr Freiräume, den kleinen Erfolgen und vielen Ernüchterungen beherzter Idealisten, aus dem man sich vieles mitnehmen kann.

offizieller Trailer „freiräumen“ from Mario Hengster on Vimeo.

Kampf um die (Klein)Stadt

Die Dokumentation wirft Schlaglichter auf scheinbar regionale Besonderheiten, die sich bestens zur Illustration landläufiger Strukturprobleme eignen: Die Austrocknung kleinerer Stadtzentren, die Verdrängung von Kultur und Freiraum durch überbordenden Kommerz oder den (oft utopistischen, aber ehrlichen) Kampf junger Menschen für ihre Interessen.

Anders gibt es nicht

Mit Staunen sieht man, wie lokale Politiker Andersdenkende ignorieren, Diskursen aus den Weg gehen und die inhaltliche Vielfalt derer, die sie eigentlich vertreten sollen, einfach abstreiten. Statt zu jammern und anzuklagen werden einige mehr oder weniger erfolgreiche Projekte präsentiert, die geholfen haben, Gräben zu überwinden.

Vom „Augustin“ bis zur „Krone“

Zweieinhalb Jahre dauerte die Produktion des rund zur Hälfte aus Videomaterial des alternativen Musik- und Kulturfestivals „Bock ma’s“ bestehenden Filmes, der bereits in der „Kronen Zeitung“ und im „Augustin“, aber auch auf „OE1“ (Radio- und Online-Beitrag) und „FM4“ äußerst positiv rezensiert wurde.

Förderungen? Leider nein.

Ohne ehrenamtliche Mitarbeit und die technischen Einrichtungen des Kameramanns und Produzenten Mario Hengster hätte „Freiräumen“ etwa 70.000 Euro Budget benötigt. Förderungen gab es dafür keine: Bund und Land war der Regisseur nicht ausgebildet genug, das Thema zu wenig aktuell… oder vielleicht einfach politisch zu ungemütlich?

Wir haben bei Regisseur Andreas Kurz, den neuwal-Redakteur Stefan Egger seit der gemeinsamen Schulzeit in Vöcklabruck kennt, nachgefragt.

Andreas Kurz, Regisseur der oberösterreichischen Doku "Freiräumen. Die Politik des Do-it-yourself"

Stefan Egger/neuwal.com: Wie ist es zu dem Thema gekommen? Deine bisherigen Filme waren eher nicht aus dem dokumentarischen Bereich.

„Die Situation in Vöcklabruck steht als Modell für viele andere Städte“

Andreas Kurz: Das Ganze ist so gekommen, dass Mario, der Kameramann schon seit Jahren am „Bock ma’s“ Festival gefilmt hat, weil er ein großer Fan davon war. Im letzten Jahr, als klar war, dass das „Bock ma’s“ beendet wird, hat er jemand gesucht, der ein bisschen einen Plan reinbringt und die Dreharbeiten so gestaltet, dass man auch konkret etwas machen kann mit dem Material. Ich habe ursprünglich auch abgesagt – ein Festival-Homevideo hätte mich nicht interessiert. Wir hatten das Glück, dass, als wir das Material gesichtet haben, einiges in Vöcklabruck passiert ist – eine neue Initiative in Bezug auf das Kunst- und Kulturhaus. Es hat sich herauskristallisiert, dass das eine beispielhafte Anordnung ist in Vöcklabruck mit dem Shoppingcenter Varena und dem Asylerstaufnahmezentrum Talham, die als Modell für viele andere Städte und unsere Gesellschaft stehen und gut erzählbar werden.

Flüchtlingshelferin Ute Bock am "Bock ma's" Festival
Flüchtlingshelferin Ute Bock am „Bock ma’s“ Festival
neuwal: Die Absiedlung von Einrichtungen aus dem Zentrum?

„Es ist nichts mehr im Zentrum, alles draußen“

Andreas Kurz: Ich weiß nicht genau, warum es passiert, aber es ist ganz eine komische Entwicklung – das Zentrum auszuräumen von kulturellen und strukturellen Möglichkeiten. Es ist nichts mehr im Zentrum, alles draußen, nur noch mit Auto zugänglich, öffentlich ganz schlecht angebunden. Das ist nicht etwas, das für Vöcklabruck speziell ist, sondern eine allgemeine Tendenz, die in ganz vielen Bereichen Mitteleuropas zu sehen ist.

neuwal: Die Message, die ich verstanden habe, ist: Man kann sich selber engagieren und ermächtigen und nicht nur sagen, na gut, jetzt stirbt halt das Zentrum. Wie reagieren die Leute generell, sind die resigniert oder sagen die „Zünden wir was an“?

Andreas Kurz: Das ist ganz interessant. Prinzipiell ist die Meinung schon, es ist gut, etwas zu tun, aber ich selber? Es wird schon goutiert, dass es die Initiative gibt – aber das zu übertragen auf das eigene Leben oder das eigene Aktiv-Sein passiert sehr sehr selten. Was die politischen Sachen betrifft, wird es auch in Vöcklabruck interessant werden bei der Premiere… Ich glaube, dass die Bürger von Vöcklabruck sagen werden: „Für die jungen Leute ist eh genug da“. Die werden sehr resistent sein gegen diesen Aufforderungscharakter, den ich im Film schon sehe und der mir wichtig ist, aber auch gegenüber der Empörung, die manche empfinden, wenn sie den Film sehen, dass junge Leute etwas machen wollen und mit ganz dämlichen Argumentationen daran gehindert oder nicht einmal gehindert werden…

neuwal: …weil etwa der Kultursprecher ja nicht einmal anerkennt, dass es diese alternative Szene und diese Wünsche gibt?

„Mit der Ablehnung von Begriffen wird die Sache an sich abgelehnt“

Andreas Kurz: Das ist ganz interessant, weil mit der Ablehnung von Begriffen die Sachen an sich abgelehnt werden. Es wird einfach etwas umformuliert und damit ist es aus der Welt. Was natürlich nicht der Fall ist…

neuwal: Trotzdem ist das Kunst- und Kulturzentrum im ehemaligen Krankenhaus, der sogenannten Hatschek-Stiftung, entstanden. Warum?

„Durch das Engagement ist öffentlicher Druck entstanden. Die Stadt musste handeln.“

Andreas Kurz: Durch das Engagement ist öffentlicher Druck entstanden, es gab die Demo in Vöcklabruck. Vor allem haben sich die Leute, die dieses Kulturzentrum haben wollten, selbst organisiert und haben im Rahmen einer Baustellenaktion das Geld, das für die Minimaladaption notwendig war, selbst aufgestellt. Das war immer das Hauptargument der Gemeinde: Wir haben kein Geld. Ich denke, das war mehr ein pragmatischer Grund als ein politischer Schwenk.

neuwal: Das passt ja alles ganz gut zur derzeitigen Politikverdrossenheit…?

„Es gibt weniger eine Politikverdrossenheit als eine Politikerverdrossenheit“

Andreas Kurz: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es weniger eine Politikverdrossenheit ist als eine Politikerverdrossenheit. Viele junge Leute sind schon an Politik interessiert, dass es zum Teil auf einem nicht sehr differenzierten Niveau stattfindet. Man sieht das an vielen Protestbewegungen, die teilweise enormen Zulauf haben. Irgendwo dagegen zu sein ist die einfachste Form der Politik, ohne irgend eine Art von alternativer Lösung anzubieten zu haben.

„Wenn ich keine Meinung habe, kann ich nicht belangt werden“

Aber prinzipiell ist das Interesse und das Verständnis, das hat etwas mit meinem Leben zu tun, schon da – im Gegensatz zu Ungarn etwa, wo Leute diese persönliche Verbindung nicht empfinden oder leugnen aus Sicherheitsgründen. Wenn ich keine Meinung habe, kann ich für keine Meinung belangt werden.

neuwal.com: Hier könnte man, aber man tut es nicht?

„Man ist von der Parteipolitik einfach angekotzt“

Andreas Kurz: Ja. Weil man von dieser Art der Politik, der Parteipolitik, einfach angekotzt ist. Weil es für viele Menschen eh keinen Unterschied mehr macht, wen man jetzt wählt. Zum Teil ist das ja auch nachvollziehbar. Ich glaube, dass das am Land schon oft, diese Landesväter, die dann ewig auf ihren Posten sitzen. Vielleicht ist das in solchen Bereichen auch okay, wenn es nicht zu einer solchen Erstarrung kommt. Vöcklabruck ist an der Grenze wahrscheinlich mit 12.000 Einwohnern – zu klein für ein Dorf, wo es eh wurscht ist, aber zu groß, dass man wirklich etwas etabliert.

„Der Kulturreferent hat meine Fragen nicht verstanden“

Darüber wollte ich auch mit dem Kulturreferenten reden, aber er hat einfach die dahingehenden Fragen nicht verstanden. Wie man als Politiker mit dem Dilemma umgeht, dass man eigentlich auch Bevölkerungsgruppen oder Interessengruppen vertreten soll, die eine andere politische Meinung vertreten als man selbst. Aber die Frage hat er überhaupt nicht verstanden, nach dem Motto: „Es gibt niemand, der da gegenüber steht und gegen unsere Art von Politik ist“. Womit wir wieder beim Thema sind: Man lehnt die Gegnerschaft ab und erkennt nicht, dass das vielleicht auch etwas Produktives haben kann, ein Diskurs ist.

neuwal: Ihr bedankt euch im Film explizit nicht bei diversen Förderstellen. Warum gab es keine Unterstützungen?

„Der Film wurde aus politischen Gründen nicht gefördert“

Andreas Kurz: Warum wir die Förderungen tatsächlich nicht bekommen haben, ist mir auch nicht ganz klar, die Begründungen sehen schon danach aus, als wären es politische Gründe gewesen, es ist Landeshauptmann Pühringer drinnen, nicht unbedingt als leuchtende Heldenfigur. Die Begründung des Land OÖ, ich hätte keine Filmschule gemacht, deswegen wäre ich nicht kompetent, einen Film zu machen. Andere Projekte sind ja auch gefördert worden, auch vom Land OÖ. Von einer anderen Förderstelle ist mir auch gesagt worden, das Thema sei nicht aktuell genug…

neuwal: Wie hat sich der Film finanziert?

Andreas Kurz: Der Film ist nicht wirklich finanzaufwendig. Die technische Ausstattung war vorhanden. Doch hätten wir alle Mitarbeiter bezahlt, würden die Produktionskosten 70.000 Euro betragen.

neuwal: Wie ist das mit der Ausstrahlung – kostet das etwas im Schikaneder? Wo und wie kann man „Freiräumen“ sehen?

„Es ist keine Bejubelung der Alternativszene“

Andreas Kurz: Die Premiere im Schikaneder war relativ leicht, sie haben dann vorgeschlagen, ihn ins reguläre Programm aufzunehmen. Wir haben am 20. Juli Premiere in Vöcklabruck, in Graz am 26. Juli – dann läuft er ab 27. Juli im Kino Lenzing. Ich bemühe mich jetzt darum, einen Verleih zu finden, den Film in Programmkinos zu bringen und auch auf Festivals – ich gehe davon aus, dass er auf der Diagonale laufen wird. Wenn man das im konservativeren Rahmen etwa des Open Air Kino Vöcklabruck zeigt, bewirkt das schon etwas, da es ja keine Bejubelung der Alternativszene ist. Es mir schon ein Anliegen, das Festival nicht nur als uneingeschränkt positives Beispiel darzustellen, sondern es genau so kritisch zu hinterfragen und denselben Maßstab anzulegen wie an die Kulturpolitik in Vöcklabruck.

neuwal: Geht’s irgendwie weiter nach dem Film? Hat es im Team den Wunsch bestärkt, aktiv zu bleiben oder zu werden? Oder war’s spannend und jetzt bewegst du dich auf neue Dinge zu?

Andreas Kurz: Beides. Stärker ist Zweiteres. Aber das Ganze hat in mir einiges verändert. Ich bin ja mit einer eher ablehnenden Haltung auf dieses Festival zugegangen, habe dann aber im Zuge der Dreharbeiten und Gespräche gemerkt, dass bei vielen Leuten eine persönlich und emotional verwurzelte Haltung existiert. Das hat mich… begeistert ist vielleicht zuviel gesagt, aber doch mich auch wieder politisiert. Insofern bleibt da schon etwas da und setzt sich fort. Wir haben jetzt ein nächstes Projekt, wo es wieder um gesellschaftliche Dinge geht, aber eher im Sinne von Kulturalismus und Regionalismus als Ersatz für Rassismus.

neuwal: Spannend – wieder ein sehr politisches Thema. Vielen Dank für das Interview!

Andreas Kurz: Sehr gerne.

Weitere Informationen zu „Freiräumen. Die Politik des Do-it-yourself“ von Andreas Kurz und Mario Hengster findet sich auf freiraeumen.at, alle Spieltermine hier. Das „Bock Ma’s“ Benefizfestival zu Gunsten des Flüchtlingsprojektes von Ute Bock ist eine Initiative des Kulturvereins Sozialforum Freiwerk.