Bei „Freiheit“ vom deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck geht es nicht um tagespolitische oder wirtschaftliche Themen. Es geht schlicht um Wertewelten, die in Freiheit, Verantwortung und Toleranz als Kapitel unterteilt werden: Drei Wesensmerkmalen, die zugleich Grundlage einer globalen Leitkultur sein können. Gauck geht es darum, was wir als Mensch, als Bürger tun können, um aktiv politische Veränderung mitgestalten zu können und um letztlich auch Glück und Zufriedenheit empfinden zu können.

Dr. h.c. Joachim Gauck wurde 1940 in Rostock geboren und lebt derzeit in Berlin. Er ist seit März 2012 der elfte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland. Gauck hat in der DDR evangelische Theologie studiert und hat als Pastor gewirkt. von 1990 bis 2000 war er Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes. Seit 2003 ist Gauck Vorsitzender des Vereins “Gegen Vergessen – Für Demokratie”. Gauck gehört keiner Partei an.

Nachdem ich Heiner Geißler’s Buch “Sapere Aude” gelesen habe, stand das Plädoyer „Freiheit“ vom deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck als nächstes Buch auf meiner politischen Bücherliste.

Spannend, so finde ich, ist der Lebenslauf von Joachim Gauck, der sich von anderen, bestehenden Politikern bzw. Bundespräsidenten unterscheidet: Gauck war 1989 Bürgerrechtler beim Mauerfall, 1990 Abgeordneter in der Volkskammer der DDR. Er trat für das Bündnis 90 an, einem Zusammenschluss unterschiedlicher Bürgerbewegungen und Oppositionsgruppen in der DDR, der während der Zeit der Wende entstand. Als studierter Theologe war Gauck als evangelisch-lutherischer Pastor und Kirchenfunktionär tätig. Im März 2012 wurde er mit großer Mehrheit zum deutschen Bundespräsidenten gewählt. Selbst nennt er sich, so lese ich in Wikipedia, einen “linken, liberalen Konservativen”, der große Zustimmung aus allen politischen Lagern genießt.

Und diese Kombination macht es spannend: Kirche, Staat und Bürgerbewegung. Links-liberale-konservative Opposition, Wertewelten und ein Fokus auf politische Veränderung. Und das ist auch das, was diese Rede auszeichnet und für mich, als kirchenkritischen Menschen, besonders und gleichzeitig gewöhnungsbedürftig macht: Diese religiöse Prägung, das Spannungsfeld “Trennung Kirche und Staat” und der Fokus auf Wertewelten mit christlicher Prägung. Auf der anderen Seite finde ich mich allerdings in diesen Werten durch aus wieder, die starke christliche Prägung stimmt mich nachdenklich.

„Freiheit“ ist eigentlich ein Plädoyer, denn dieser Text geht auf eine Rede zurück, die Gauck anlässlich des Neujahresempfangs 2011 der Evangelischen Akademie Tutzing gehalten hat.

Gauck stellt sich die Frage, was der Begriff „Freiheit“ wohl für deutsche Bürger bedeutet. Es geht ihm in erster Linie um die Wertschätzung des Freiheitsbegriffs, der in den letzten Jahren in Deutschland so selbstverständlich geworden ist. In einem Schwenk zur DDR-Zeit stellt er den Begriff des “DDR-Bürgers” in Frage, kommt auf den Begriff des “DDR-Bewohners” und letztlich zum “Insassen”, der keinerlei Möglichkeiten hatte, Bürgerreicht auszuüben. Diese wurden lediglich in Sehnsüchten oder Gedankenwelten gelebt. Gauck fragt:

„Denn wo erleben wir heute eine gelassene Freude darüber, dass Selbstbestimmung in unserem politischen Raum möglich ist?“

Gauck geht es darum, die eigene Verantwortung zu leben. Er beschreibt seine Hoffnung, wie er seine eigene Verantwortung gefunden und wie er gelernt hat, sie zu leben. Wiederholt kommt die starke religiöse Wertsetzung sehr stark zum Ausdruck, die bis in “Tiefen seiner Seelen” greift: Neben Friedrich Schiller, dem dt. Volkslied “Die Gedanken sind frei” wird die Genesis (“Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zu Gottes Bilde schuf er ihn”, 1 Mos/Gen 1,27) zitiert. Letztlich schreibt Gauck, dass er Verantwortung aus seinem Glauben herleitet: “Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde mit der wunderbaren Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen.”

Er beschreibt die Transformation vom Bürger zum “ermächtigten Bürger” (und verwendet bewußt den deutschen Begriff zu „Empowered“), der gelernt hat, Verantwortung zu übernehmen und wie dieser, ermutigt und motiviert, überhaupt als Bürger zu existieren begannen und dabei nicht nur zu sich selbst gekommen sind, sondern auch Glück empfunden haben. Und zwar für eigene Vorstellungen: “Es ist wichtig zu begreifen, dass wir der Toleranz nicht dienen, wenn wir unser Profil verwässern, sondern indem wir uns umgekehrt unserer eigenen Werte wieder vergewissern.” In einer Gleichgültigkeit sieht er einen anderen Namen für Verantwortungslosigkeit.

  • Menschrenrechte universell, unveräußerlich und unteilbar, ein gemeinsames Gut der Menschheit.
  • Europa ist trotz mancher uns auch ängstigenden Krisen der Kontinent, nach dem sich die Menschen sehnen, zu dem sie fliehen wollen und den sie nicht erreichen.
  • Demokratie ist nicht vollkommen, aber ein lernfähiges System, das Vorbildcharakter hat.
  • Freilich möchte ich, dass wir den kapitalistischen Wirtschaftssystemen so kritisch gegenübertreten wie den verschiedenen politischen Richtungen.
  • Es soll und muss debattiert werden, ob konservative, liberale oder linke Vorstellungen einer sozialen Marktwirtschaft eher gerecht werden oder bessere Lösungen für künftige Krisen anbieten.
  • Eines ist klar: Wir sind nicht allein und nicht primär durch unsere Rollen im Wirtschaftsleben bestimmt. Entscheidend ist die Teilhabe an der Macht, die uns zu Bürgern oder zu Nichtbürgern macht.

“Ich wünschte mir, dass sich unsere Gesellschaft tolerant, wertebewusst und vor allen Dingen in Liebe zur Freiheit entwickelt und nicht vergisst, dass die Freiheit der Erwachsenen Verantwortung heißt”, so Gauck.

Joachim Gauck

Freiheit
Ein Plädoyer

Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, eBook, Hörbuch
64 Seiten, 10.0 x 15.5 cm
ISBN: 978-3-466-37032-0
€ 10.30

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Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen, sieben Jahre selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Journalismus und Medien Strategien, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.