Frank Stronach entdeckte kürzlich sein Interesse an der heimischen Politszene. Der austro-kanadische Milliardär und Unternehmer war gestern Abend in der Zeit im Bild 2 zu Gast und sorgte für einiges an Unterhaltung und Diskussionsstoff. Eine Analyse von Martin Schmidler.

Stronach in der ZiB2

Gleich zu Beginn ignorierte Stronach die Struktur eines Interviews gleich einmal völlig und brach in einen emotionalen Monolog aus:

Schön, hier zu sein. Es ist ein bisschen enttäuschend, wenn ich da zuschaue.Diese Bemerkungen. Zum Beispiel: “Wutbürger”: Der Stronach ist ein Wutbürger. Wo ich immer schon, täglich, gesagt habe, dass wir Mutbürger und keine Wutbürger brauchen. Wutbürger ist sehr zerstörend.

Lou Lorenz-Dittelbacher versuchte dazwischen zwar ihre Fragen zu stellen, aber einem steuerzahlenden Herrn Stronach verbietet man nicht so einfach die Redefreiheit:

Ich bin ein Steuerzahler und ich verlange, ich habe das Recht, mich hier auszudrücken…

Nachdem Stronach es die ersten Minuten also konsequent vermieden hatte, eine Frage auch nur zuzulassen, stellt er dann den ORF in populistischer Manier auch gleich als „Part des Systems“ dar:

Der ORF ist ein Part des System, wo verhindert wird, dass die Menschen die Wahrheit erfahren.

Ob die Illuminaten oder die Bilderberger dahinter stecken führte Stronach leider nicht mehr weiter aus. Immerhin schaffte Lorenz-Dittelbacher endlich die zentrale Frage zu stellen – gründet Stronach eine eigene Partei?

Nocheinmal. Ich mache mir Sorgen über Österreich. Ich komme noch einmal zurück: Was soll daraus vorkommen? Also, das sind alles Schuldenmacher. Alle Länder. Das System funktioniert nicht. Eigentlich ist das ja eine Insolvenz-Verschleppung. In der Privatwirtschaft gibt es darauf Gefängnisstrafen. Wir wissen genau, dass diese Länder die Schulden nicht mehr zurückbezahlen können. Wir wissen, diese Länder sind in Insolvenz.

Abgesehen davon, dass Stronach schon wieder ein nicht näher definiertes „System“ erwähnt, macht er den klassischen Fehler, seine Erfahrung aus der Betriebswirtschaft auf eine Volkswirtschaft umzulegen. Nachdem Lou Lorenz-Dittelbacher noch einige Male nachfragt kommt Stronach endlich zum Punkt der Parteigründung:

Nocheinmal: Das ist nicht unbedingt nötig. Ich möchte nur einmal den österreichischen Bürgern die Wahrheit erzählen, wie das wirklich alles funktioniert. Ich bin sehr unabhängig. Ich kann sagen, dass ich immer versuche kultiviert und konstruktiv zu sein. Ich bin von niemandem abhängig. Und wenn man manchmal sagt, der Stronach will sich die Politik kaufen… Ich nehme mein eigenes Geld, um die Wahrheit zu erklären. Die Politiker nehmen das Geld der Bürger, um die Macht zu erhalten und um die Stimmen der Bürger zu kaufen.

Zum Glück ist Stronach herabgestiegen um uns „die Wahrheit“ zu überbringen. Leider wissen wir nicht welche Wahrheit, aber immerhin erklärt der künftige Retter der Nation seine politische Werthaltung:

Ich habe immer gesagt: Wenn sich die richtigen Leute finden, die einen guten Charakter haben und die beschließen eine Partei zu machen und sie würden meine Werte übernehmen, die auf Wahrheit, Transparenz und Fairness aufgebaut sind, das würde ich unterstützen. Geldlich und auch mit Zeit. Zeit ist sehr wichtig. Ich brauche von niemanden etwas. Ich habe ein gewisses Alter. Ich brauche keine Auszeichnung, ich brauche keinen Titel. Ich möchte Österreich dienen. Der Unterschied zu Politiker: Sie wollen verdienen. Ich will Österreich dienen.

Wahrheit, Transparenz und Fairness also. Hielte Herr Stronach tatsächlich etwas auf Transparenz würde er den österreichischen Bürgerinnen und Bürgern sicher auch erklären, weshalb er seine Milliarden steuerschonend im Ausland geparkt hat. Auf eine mögliche Unterstützung des BZÖ angesprochen antwortet Stronach anschließend:

Man macht immer so Mutmaßungen. Warum fragt man nicht, als ob das, wie… Ich habe mich ein paar Mal mit dem Sepp Bucher getroffen. Ein netter Bursch. Angenehmer Bursch. Aber, zu mir sind sehr viele Leute gekommen, die gesagt haben: “Frank,mach was Neues”.

Warum man was nicht fragt wäre interessant gewesen, aber Stronach sprachstolpert weiter und bezeichnet den Endvierziger BZÖ-Chef Josef Bucher als „Bursch“ (Stronach selbst feiert seinen 80er übrigens im September). Auf seine europapolitische Haltung angesprochen wird Stronach inhaltlich endlich etwas konkreter.

Es wird immer solche Lügen verbreitet. Also Unwahrheiten. Ich habe immer gesagt, dass ich für ein starkes Europa bin. Was wollen die Leute in Europa? Die Leute in Europa erstens wollen Frieden haben. Weil ältere Leute sind sehr schwere Kriege durchgegangen. Frieden ist sehr wichtig. Und Sie wollen auch freien Menschen-, Güter- und Kapitalverkehr. Das kann man ja alles machen. Aber für mich ist es unverständlich. Die Griechen waren tausende von Jahren ein eigenständiges Land. Zu manchen Zeiten waren sie auch kulturell so weit fortgeschritten. Jetzt sagt man, ihr müsst mehr produktiv sein. Dann hat man Milliarden gegeben. Die Banken haben alles abgeschöpft und die Griechen stehen jetzt da im Regen. Und so geht es weiter und weiter und weiter. Wir müssen verstehen. Wir müssen einmal verstehen. Wir sind weit weg von der Realwirtschaft gegangen. Wir sind in eine Finanzwirtschaft übergegangen, wo nur Papiere hin- und hergeschoben werden. Und das wird schwere Konsequenzen für die Bevölkerung haben.

Wer genau über ihn „Lügen“ verbreite erklärt Stronach zwar nicht, dafür zählt er die Säulen des derzeitigen Europa-Fundaments auf. Stronach versäumt dabei aber, eine wirkliche Vision zu präsentieren. Aktuelle Ideen – gemeinsame Fiskalunion, gemeinsame Bankenaufsicht oder überhaupt die „Vereinigten Staaten von Europa“ – werden von Stronach nicht erwähnt.

Dass Griechenland „tausende von Jahren“ eigenständig waren stimmt nicht wirklich. Ebenso schräg, dass Stronach die Konsequenzen einer wachsenden Finanzwirtschaft in der Zukunft sieht – hängt die Krise von 2008 für ihn damit also nicht zusammen?

Während Stronach nichts gegen die Europäische Union einzuwenden hat fordert er eine Rückkehr zum Schilling.

Frank Stronach: Aber die Währung ist das ökonomische Spiegelbild einer Nation. Und die Währung kurbelt auch Konkurrenz an.

Lou Lorenz-Dittelbacher: Das heißt, Österreich soll wieder zurück zum Schilling kommen?

Stronach: Von meiner Seite aus sollte Österreich zurück zum Schiling kommen. Nur durch eigene Währung der einzelnen Länder können wir Wohlstand schaffen.
Lorenz-Dittelbacher: Aber eine Rückkehr Österreichs zum Schilling hätte, wie Wirtschaftsforscher sagen, massive Konsequenzen: Anstieg der Arbeitslosigkeit, Rückgang des Wirtschaftswachstums.
Stronach: Wer sind die Wirtschaftsforscher? Die haben noch nie, die haben noch nie, die haben noch nie Löhne bezahlt. Die sind lauter, wir nennen sie in Ding hier, “Bulls without Balls”.

Wiederum glaubt Stronach seine (ohne Frage umfassenden) Erfahrungen aus der Betriebswirtschaft auf eine Volkswirtschaft umlegen zu können. Sein Urteil über Wirtschaftsforscher fällt pauschal und polemisch aus, von Wissenschaft scheint Stronach wenig zu halten. Schlussendlich bestätigt er nochmals, dass eine Entscheidung über die Unterstützung bzw. Gründung einer Partei bis zum Herbst getroffen wird. Stronach schließt, wie er begonnen hat – sendungsbewusst und monologartig.

Schade, dass wir so wenig Zeit haben. Ich bin jederzeit bereit, der österreichischen Bevölkerung die Wahrheit zu übermitteln. Danke.

So unterhaltsam und unprofessionell Frank Stronach stellenweise zwar auftrat, seine Chancen auf einen Einzug in das österreichische Parlament stehen alles andere als schlecht. Maßgeblich dafür verantwortlich sind mehrere Dinge:

  • Stronach hat einiges an Geld. Er kann, umgangssprachlich ausgedrückt, das gesamte Land mit Werbung zupflastern und hat trotzdem keinen persönlichen Nachteil dadurch.
  • Die Unterstützung des Boulevard ist wahrscheinlich. Stronach scheint für „Krone“ und Co. als der Retter zu gelten, als der er sich darstellt. Wie schon bei Hans-Peter Martin könnte die „Krone“ auch bei Stronach doppelseitige Interviews und Jubelberichte bis zum Umfallen liefern.
  • Die aktuellen politischen Optionen sind bekanntlich nicht sehr beliebt. Stronach könnte vor allem bei Protestwählern punkten, denen Strache zu extrem und die Piraten zu unprofessionell auftreten.
Ebenso abstrus wie der Auftritt Stronachs sind auch manche Reaktionen darauf. So attestiert Michael Fleischhacker in der Presse den Kritikern Stronachs:
Würde jemand diese Exponenten der intellektuellen Elite so behandeln, wie sie das mit Frank Stronach oder Dietrich Mateschitz tun, wäre ihr Urteil klar: ein typischer Fall von Kleinbürgerspießertum. Das Außergewöhnliche wird als Normabweichung identifiziert und mit allen verfügbaren Mitteln aufs eigene Mittelmaß heruntergeschrieben.
Dabei geht es bei Stronach viel weniger um sein etwas unbeholfenes Auftreten, das von den meisten WählerInnen wohl eher als bodenständige Ehrlichkeit aufgefasst wird, sondern um seine wirren politischen Ansichten. Frank Stronach fordert eine „Revolution“, bietet aber nur klassische neoliberale Rezepte. Es fällt folglich einfach schwer, Stronach ernst zu nehmen.

 

Wer das gesamte Interview nachsehen will findet es auf YouTube. Neben dem vollständigen Transkript haben wir auch noch einige Reaktionen der österreichischen Twitter-Szene auf Storify zusammengefasst.
 

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Politikwissenschaftsstudent an der Universität Wien. Nachrichtenjunkie und Musiker.