Barbara Prammer ist die mächtigste Frau im Lande. Als Nationalratspräsidentin soll sie so unparteiisch wie möglich agieren und doch hat sie mit ihrer politischen Biografie ein Werk vorgelegt, dass ihre Standpunkte, Ansichten und Überzeugungen in spannender und lebensnaher Form naheführt und viele Dinge erst angreifbar macht.

Barbara Prammer wurde in Ottnang (Oberösterreich) geboren, studierte Soziologie in Linz und arbeitete im Anschluss als Sozial- und Berufspädagogin und im Arbeitsmarktservice Linz. 1990 wurde sie zur Landesfrauenvorsitzenden der SPÖ Oberösterreich gewählt und hatte diese Position bis 2005 inne. 1995 wählte sie die Bundes-SPÖ zu einer der stellvertretenden Parteivorsitzenden. Ab 1991 war sie als Landtagsabgeordnete und Vizepräsidentin des Landtags in der oberösterreichischen Landespolitik tätig. Von 1995 bis 1997 war sie Landesrätin für Wohnbau und Naturschutz. Im Februar 1997 berief sie der damalige Bundeskanzler Viktor Klima als Bundesministerin für Frauenangelegenheiten und Konsumentenschutz in seine Regierung. Seit 2006 ist Prammer erste Nationalratspräsidentin. (Am 2. August 2014 ist Barbara Prammer im 61. Lebensjahr verstorben.)

Edler Einband, lyrischer Titel: Die Ähnlichkeiten zu Alfred Gusenbauers Interview-Buch „Die Wege entstehen im Gehen“ (übrigens ein indirektes Zitat von Kafka) sind unverwechselbar. Doch hier lässt sich der Politiker nicht nur interviewen sondern erzählt selbst: Vom Aufwachsen im Ottnang, einer kleinen Gemeinde in Oberösterreich. Vom Studium in Linz, das Hineinschnuppern in die Gewerkschaft, ins Leben, konfrontiert mit Schicksalen. Der Einstieg in die Politik, der ewige Kampf um Gerechtigkeit. Bis hin zu ihrer Zeit als Frauenministerin unter Bundeskanzler Viktor Klima und dem Absturz durch Schwarz-Blau. Barbara Prammer erzählt in wunderbarer Sprache von Erlebnissen, die sie geprägt haben, von Erfahrungen, die ihre politischen Standpunkte begründen. Sie gibt Antworten auf Fragen, die seit Jahrzehnten schon gestellt werden und deren Umsetzung in naher Zukunft geschehen muss. Was besonders gut gefällt: Sie kritisiert. Zwar hält sie sich mit Kritik am amtierenden Bundeskanzler Werner Faymann dezent zurück, doch erzählt sie von jener Zeit, als sich die SPÖ Oberösterreich beinahe selbst zerstörte. Und sie zitiert aus „Tagebucheinträgen“, die sie – durch spätere Betrachtung – zur Erkenntnis gebracht haben, dass das Koalitionsabkommen zwischen ÖVP und FPÖ schon lange geplant war. Sie fordert mehr Mut für innovative Ideen, auch von ihrer eigenen Partei und erklärt auch, warum die Sozialdemokratie bei genau solchen Ideen eigentlich an vorderster Front dafür kämpfen müsse. Dass sie es zum großen Teil nicht tut, ist natürlich eine andere Geschichte.

Das Besondere an Spitzenfunktionen besteht in der Einsamkeit: Du bist ganz allein und weißt, dass du dich – ausgenommen die unmittelbaren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in deinem Büro – letztendlich nur auf wenige verlassen kannst.

Was das Buch so besonders macht: Es bietet einen Überblick über die gesellschaftlichen Veränderungen in den vergangenen Jahrzehnten. Kaum vorzustellen, dass so manche Dinge, für die Barbara Prammer (und all ihre Vorgängerinnen als Frauenministerinnen) gekämpft hat, vor gar nicht allzu vielen Jahren noch nicht existierten. Es zeigt, welch selbstzerstörerische Ausmaße politische Unfähigkeit (wie bei der SPÖ in Oberösterreich) annehmen kann, und erklärt auch, warum man es sich in der Politik nicht so leicht machen sollte und an der Klugheit der Wähler zweifeln dürfe. Barbara Prammer hat es geschafft, eine sehr persönliche Biografie zu schreiben, die jedoch nie zuviel aus dem Privaten erzählt. Dass sie im 6. Monat schwanger war, als sie zur Matura antrat, wissen nicht viele. Dass gerade sie eine Institution wie das Frauenhaus Linz so entwickelte, dass es „flächendeckend“ in Oberösterreich umgesetzt wurde, überrascht und dass sie wiederholt eine Abwahlmöglichkeit für Nationalratspräsidenten fordert, zeigt, dass sie von ihrer Arbeit überzeugt ist und trotz allem gerade jenes Amt transparenter gestalten möchte.

Was als notwendig erkannt wird, ist anzugehen, auch auf die Gefahr hin, nicht auf mehrheitliche Zustimmung zu stoßen. Diese Courage ist uns abzuverlangen. Wobei das Risiko meiner Erfahrung nach kalkulierbar ist. Die Bürgerinnen und Bürger sind sehr wohl bereit, auch unangenehme, schmerzhafte Entscheidungen und Maßnahmen mitzutragen – vorausgesetzt, sie sind gut begründet, nachvollziehbar und vor allem gerecht.

„Wer das Ziel nicht kennt, wird den Weg nicht finden“ (scheinbar ein Zitat von Christoph Morgenstern) bietet zum Teil wirklich neue Antworten auf alte Fragen, so wie es der Untertitel verspricht. Barbara Prammer zeigt sich hier als erfahrene Politikerin, die im Laufe ihres bisherigen Lebens auch abseits der Parteibüros schon vieles miterlebt und erfahren hat. Selbst für Kritiker und politisch Andersgesinnte könnte dieses Buch eine Möglichkeit sein, sozialdemokratische Denkweisen zu verstehen.

Wer das Ziel nicht kennt, wird den Weg nicht finden Barbara Prammer

„Wer das Ziel nicht kennt, wird den Weg nicht finden“

Neue Antworten auf alte Fragen 

Hardcover
239 Seiten I

SBN 978-3-222-13332-9
€ 24,90

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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