Zwei Philosophen wollen die „Systemtrotteln“ aufwecken und zu „Wutbürgern“ werden lassen. Doch bevor sie uns erklären, wie wir die Welt verändern können, setzen sie dem Leser ein unnötiges, polemisches Pamphlet unseres scheinbar aktuellen Lebens vor.

Rahim Taghizadegan

Eugen Maria Schulak ist Philosoph und realistischer Idealist. Er hat die Philosophische Praxis in Wien gegründet, wo ’normale Bürger‘ an der Philosophie teilhaben und mit dem Philosophen ins Gespräch kommen können. Daneben ist er Vorstand des Instituts für WertewirtschaftRahim Taghizadegan ist Wirtschaftsphilosoph und Gründer des vollkommen unabhängigen Instituts für Wertewirtschaft, das sich der Erkenntnissuche und Wissensvermittlung widmet.

Schulak und Taghizadegan haben es gut gemacht: gerade als der Hype um die Wutbürger ihren Höhepunkt erreicht hat, haben die beiden ein Buch herausgebracht, dass das neue Modewort aufmerksamkeitswirksam im Titel trägt. Die Verkaufszahlen werden wohl ihr Übriges getan haben, und seid sich der Vorzeige-Wutbürger Düringer (der ja eigentlich nicht wütend ist) erklärte, dass ihn dieses Buch zu seiner Donnerstalk-Rede inspiriert hat, wird es beinahe als die heilige Schrift der Wutbürger geworden zu sein. So recht verstehe ich das nicht, war es für mich anfangs eher eine Qual, ihre Erklärungen vollends zu lesen.

Es ist ein Märchen, dass es eine „Bürgerpflicht“ wäre, für irgendwelche Typen seine Stimme abzugeben. Recht betrachtet, es ist zutiefst unmoralisch, kleinere Übel zu wählen. Ein Übel zu ermächtigen und zu legitimieren, nur um ein anderes zu verhindern, ist durch und durch übel. Der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Auf den ersten 111 Seiten haben es sich die beiden Autoren zur Aufgabe gemacht, das Leben des Systemtrottels, welcher wir – nach ihrer Ansicht – allesamt sind, in ihren Erzählungen ad absurdum zu führen. Sie erklären, wie schön es in dem Hamsterrad ist, neigen zu Übertreibungen, Verallgemeinerungen und einer Unmenge an Populismus. Wie auch schon bei Düringers Rede könnte ich mir viele Teile des Buches ebenso als eine Rede von Heinz-Christian Strache vorstellen: Gegen das System, gegen die „alte Politik“, gegen das Hamsterrad, in dem wir uns alle befinden. Interessant finde ich auch die Annahme, dass alle Menschen ihre Jobs rein aus Geldinteresse ausführen, nicht, weil ihnen die Arbeit gefällt, Spaß macht und Erfüllung bringt. Natürlich sind alle Menschen heterogen, doch Schulak und Taghizadegan vollführen die Generalisierung in fast unausstehlichem Ausmaße.

Wer wirklich so weit gelesen hat, verdient Respekt und wird dann auch endlich mit sinnvollen, interessanten Gedanken belohnt. In ihrem abschließenden Kapitel „Der Garten“ zeigen sie auf, wie man, abseits das Systems, abseits der Politik, des Bildungssystem und des Hamsterrades, ihren metaphorischen Garten bestellen könnten. Sie zeigen aber in erster Linie ein weiteres Mal auf, was sie am aktuellen System stört, Lösungsvorschläge werden nur kurz erwähnt und angeschnitten. Daher lässt einen das Buch in erster Linie enttäuscht zurück.

Der Beruf der meisten Menschen besteht heute darin, als Rädchen des Systems an „Arbeitsplätzen“ zugewiesene Tätigkeiten auszuführen, deren Nutzen und Sinn sie nicht erfassen können.

Kurz zusammengefasst: Wir sind Systemtrotteln und die Autoren Schulak und Taghizadegan erklären uns ihre Utopie. Zur Wutbürgerbewegung trägt dieses Werk allerdings sehr wenig bei, es erklärt die Gruppierung nicht, zeigt keine einfachen Auswege, um dem achso schlimmen System zu entkommen. Es will das bestehende System zum Einsturz bringen und das Entstehen eines neuen Systems schon in den Grundzügen verhindern. Die Menschen, so Schulak und Taghizadegan, brauchen kein System mehr … egal ob Bildungs-, Steuer-, Wohlfahrts- und Krankensystem (und viele mehr), alles wäre in ihrer Utopie nicht mehr wirklich von Bedeutung und auch nicht mehr notwendig.

„Vom Systemtrottel zum Wutbürger – Jetzt!“ ist eine Schrift zweier Philosophen, die uns ihre Weltsicht und ihre Utopie erklären und aufdrängen wollen. Dass sie mit ihrem Werk, in welchem sie gegen Massenbewegungen und Mainstream ankämpfen, genau eine solche Masse entstehen lassen wollen, sollte man sich abschließend natürlich auf der Zunge zergehen lassen.

Vom Systemtrottel zum Wutbürger - Jetzt!Eugen Maria Schulak, Rahim Taghizadegan
Vom Systemtrottel zum Wutbürger – Jetzt!

Hardcover
154 Seiten

ISBN 978-3-7110-0017-0
€ 19,95

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