In einem vieldiskutierten Kommentar der vergangenen Tage kritisiert die deutsche Professorin Christiane Florin die heutige Generation an Politikwissenschafts-StudentInnen, die sich ihrer Meinung nach in Lehrveranstaltungen nur mehr berieseln lasse und politikwissenschaftliche Inhalte kritiklos zur Kenntnis nehme. Nach nunmehr zwei vollständigen Semestern Politikwissenschaft an der Universität Wien muss ich ihr leider zustimmen. Der Versuch einer Erklärung in drei Thesen.

Bildungsniveau

Doch unter der Oberfläche hat sich etwas Substanzielles verschoben. Der Wissenspegel veränderte sich. Kulturpessimistische Dozenten behaupteten, er sei gesunken.

diagnostiziert Florin und hat damit sicherlich nicht ganz Unrecht, wie auch heimische Politologen anhand eigener StudentInnen erfahren dürfen. Dass das Bildungsniveau sinkt ist natürlich primär systembedingt: Die Zahl der MaturantInnen ist gestiegen, die finanziellen und organisatorischen Investitionen sind es nicht. In geringerem Maß trägt auch der Umstand bei, dass der Wert der Matura an sich gesunken ist. Bekam man früher noch eine umfassende geisteswissenschaftliche bzw. humanistische Grundlage mit auf den Weg reicht heute eine berufsbegleitende Matura auch für einen Großteil der Studien.

Globale Abhängigkeiten

Einer der Hauptgründe für die von Florin beschriebene Verhaltensweise: Klare ideologische Positionen zu beziehen erfordert heute mehr Denkaufwand als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Globale Abhängigkeiten sind nicht nur sichtbarer sondern auch stärker und schneller geworden. Egal, was wir kaufen, auf dem gegenüberliegenden Punkt der Erde wird dafür jemand ausgebeutet. Egal, was wir ansehen, es hat zumindest den Anschein einer moralischen Botschaft. Und egal, was man heute studiert, in ein paar Monaten wird das Studium ohnehin wieder abgedreht oder man kämpft mit der erneuten Einführung von Studiengebühren. Die heutige Weltanschauung vieler Studierender beinhaltet deshalb immer öfter eine gewisse Resignation. Das trifft auch auf die zukünftige Arbeitswelt zu. Man ergreift ein Studium weniger aus Interesse sondern weil es als das „geringste Übel“ gilt. Nicht genau zu wissen, in welchem Bereich man später arbeiten will ist völlig normal. Aber die momentane wirtschaftliche Unsicherheit, den aktuellen ökonomischen Druck hatten vorherige Generationen in diesem Ausmaß nicht.

Fehlerlosigkeit

Ein weiterer Aspekt, der mitspielt: Das Streben unserer Generation nach Fehlerlosigkeit und die Angst vor dem Scheitern. Warum zu Wort melden, wenn einem der Professor widersprechen könnte? Warum kritisch nachfragen und sich der Gefahr aussetzen von anderen StudentInnen für die vermeintlich „dumme“ Frage belächelt zu werden? Nein, Hände falten, Goschn halten – ein zutiefst österreichisches Verhalten – ist weitaus bequemer und hilft dabei, das Image zu bewahren, das Selbstwertgefühl zu erhalten.

Christiane Florin schließt ihren Kommentar mit der Bemerkung:

Wahrscheinlich müssen wir Lehrenden uns verabschieden von den Kanzlern in der richtigen Reihenfolge. Von den großen Polit-Affären und den noch größeren Ismen der politischen Ideengeschichte. Von all dem, was noch in der Studienordnung steht und in den Politikteilen der Zeitungen. Das einzige Standardwerk zur Regierungslehre, das ihr lesen würdet, müsste heißen: »Ich. Und das Regierungssystem der Bundesrepublik«.

Ja, wahrscheinlich hat sie Recht mit der These, dass Politik für uns nur mehr ein weiteres Produkt ist, dass wir konsumieren. Von dem wir nicht so genau wissen wollen, wie es funktioniert, solange es schön verpackt ist, tut was wir wollen und uns nicht unseren Karriereweg verstellt. Es klingt deprimierend, ich persönlich aber versuche daraus Motivation zu schöpfen und es besser zu machen. Die Entscheidung liegt bei jeder Einzelnen von uns.

Foto: CC BY-NC 2.0 license, Universität Innsbruck