In seinem aktuellen Buch “Sapere aude!” beschreibt Heiner Geißler die heutige Situation sehr nachdrücklich und eindeutig: Das jetzige Weltwirtschaftssystem, das man auch das Kapitalistisceh nennen kann, ist im Grund genommen eine Vernichtungsmaschine für die Menschen und die Natur.

Die drei Prinzipien des Kapitalismus, nämlich Produzieren, immer mehr konsumieren und Kapital akkumulieren lassen sich nur durch eine immer weiter fortschreitende Ausbeutung der Natur und des Menschen verwirklichen.

Heiner Geißler war 25 Jahre lang Mitglied des deutschen Bundestages, Landesminister in Rheinland Pfalz, Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit in Bonn und gilt als einer der besten politischen Redner der Bundesrepublik Deutschland.

Wir haben nicht nur das Buch „Sapere aude. Warum wir eine neue Aufklärung brauchen.in unserem booklwal rezensiert, sondern Herrn Heiner Geißler auch in einem persönlichen Telefongespräch um nähere Hintergründe fragen können. .

neuwal im Gespräch mit Heiner Geißler

Heiner Geißler ist deutscher Politiker (CDU) und war von 1982-1985 Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit in der von Helumut Kohl geführten Bundesregierung sowie von 1977-1989 Generalsekretär der CDU. Im Mai 2007 trat er der globalisierungskritischen Organisation attac bei.
Er studierte Philosophie und Rechtswissenschaften, war als Richter am Amtsgericht Stuttgart sowie als Regierungsrat in Baden Württemberg tätig.

Geißler war Vermittler und „Schlichter“ im Konflikt und das Bahnprojekt Stuttgart 21, die er im Oktober und November 2011 öffentlich moderierte. 2012 publizierte er als Autor das Buch „Sapere aude! Warum wir eine neue Aufklärung brauchen“.

Quelle: Wikipedia
Bild: Heiner Geissler (CC by Das blaue Sofa)

Heiner Geißler: Ich beschreibe die heutige Situation in meinem Buch “Sapere aude!” sehr nachdrücklich und eindeutig:

Das jetzige Weltwirtschaftssystem, das man auch das Kapitalistische nennen kann, ist im Grunde genommen eine Vernichtungsmaschine für die Menschen und die Natur.

Die drei Prinzipien des Kapitalismus, nämlich Produzieren, immer mehr konsumieren und Kapital akkumulieren lassen sich nur durch eine immer weiter fortschreitende Ausbeutung der Natur und des Menschen verwirklichen.

Die jetzige Welt ist in Unordnung. Das heißt, sie steht im Gegensatz zu den Zielen wie sie schon Aristoteles verstanden hat. Nämlich als Bemühen, das geordnete Zusammenleben der Menschen zu ermöglichen. Wir haben auf der Welt keine Ordnung, aber viele Kriege. Vorallem haben wir den Prozess der kapitalistischen Ausbeutung der Menschen. Die Armut wird größer.

Die Kämpfe um Trinkwasser werden beginnen. Die Rohstoffe gehen zurück bzw. versiegen. Im Jahre 2030 gibt es kein Kupfer, Chrom und Bauxit mehr. Die fossilen Brennstoffe gehen in der Mitte dieses Jahrhunderts zu Ende. Das heißt, wir stehen vor der dramatischen Frage: Entweder reformiert sich die Welt oder wir sterben.

Dieter Zirnig (neuwal.com): Wie nehmen sie die Ausbeutung des Menschen wahr?

Der Mensch ist zum Kostenfaktor degradiert. Wichtigste gesellschaftliche Bereiche orientieren sich in ihrer Entwicklung nicht mehr am Wohl des Menschen sondern an den Kapitalinteressen.

Das jüngste Beispiel in Deutschland ist die Hochschulreform: Das Scheitern des Bologna-Systems mit Bachelor und Master. Diese Hochschulreform ist ausdrücklich unter dem Motto einer “arbeitsmarktgerechten Hochschulausbildung” verändert worden: eine totale Verschulung des Studiums mit kurzen Studienzeiten.

Die Folge ist, dass dies von der Wirtschaft, obwohl sie es gefordert hat, gar nicht mehr akzeptiert werden kann.

Wer heute in Deutschland einen Bachelor macht, findet kaum mehr eine Einstellung in der Wirtschaft. Und für den Master werden begrenzt nur die Besten zugelassen.
Sie schreiben im Buch über unterschiedliche Formen und Mechanismen von Absolutismen. Ein Bereich sind auch Kirchen und Religionen. Was denken Sie, welche Rolle könnte die Kirche im derzeitigen Wandel einnehmen?

Die Kirche müsste eigentlich, wie vor 60 Jahren, die Aufgabe übernehmen, diesen Veränderungsprozess geistig und ethisch zu begleiten. Die soziale Marktwirtschaft war ja ein ethisches Bündnis zwischen dem Ordoliberalismus, der Freiburger Schule (Walter Eucken, Wilhelm Röpcke, Alfred Müller-Armack, später Ludwig Erhard) und der katholischen Soziallehre (Oswald von Nell-Breuning, Hirschmann, Gundlach , etc.) sowie der evangelischen Sozialethik.

Wir brauchen wieder die Erneuerung des ethischen Fundamentes für das wirtschaftliche Geschehen. Das ethische Fundament steht in der absoluten Anerkennung der Menschenwürde eines jeden Menschen.

Der Mensch darf nicht zum Kostenfaktor degradiert werden. Zur Zeit gilt er um so mehr, je weniger er kostet. Und er gilt umso weniger, je mehr er kostet.

Gleichzeitig ist die Wirtschaft so auszurichten, dass Solidarität zwischen der Ökonomie auf der einen Seite und den Menschen und der Natur auf der anderen Seite aufgebaut wird. Das sind die eigentlichen Aufgaben, die vor uns stehen.

“Der Mensch ist zum Kostenfaktor degradiert”, neben dieser Tatsache gibt es auch eine große Anzahl von Arbeitslosigkeit, vorallem unter Jugendlichen…

Vorallem die Jugendarbeitslosigkeit ist auf der ganzen Welt dramatisch. Inzwischen auch in Europa. Wir haben Jugendaufstände und Protestaktionen auf der ganzen Welt: von Washington bis nach Moskau, von Tunesien bis nach Berlin und Stuttgart. Die Occupy-Bewegung, Attac, Greenpeace, die ganzen Bewegungen und Aktionsbündnisse, Bürgerinitiativen bringen Bewegung in die Politik und auch in das Denken der Ökonomen.

Aber, um die verlorene Generation nicht zu einer revolutionären Generation werden zu lassen, brauchen wir Arbeitsmarktprogramme und Investitionen. Deswegen ist es höchste Zeit, dass die Politik darauf entsprechend reagiert. Wir brauchen Bildungsprogramme, die finanziert werden müssen; dazu würde eben auch diese internationale Finanztransaktionssteuer dienen.

Wie kann sich die Welt reformieren, in welche Richtung kann sich das System verändern und wo soll begonnen werden?

Man muss das Wirtschaftssystem wieder vom Kopf auf die Füße stellen. Dazu brauchen wir ein Konzept. Nur wenn ich ein Konzept habe, kann ich die Menschen überzeugen und dadurch Mehrheiten schaffen.

Wir brauchen eine Renaissancen der sozialen Marktwirtschaft. Wir brauchen eine weltweite Ergänzung, eine internationale ökosoziale Marktwirtschaft. Am besten, mit einem globalen Marshall-Plan verbunden. Wir brauchen klare Reformen und Regeln für die internationale Finanzindustrie, wie sie von den G20-Staaten in Edinburgh vor über drei Jahren beschlossen worden ist. Wir brauchen vor allem eine Beschränkung der Spekulation und der Hedgefonds. Wir brauchen eine Standardisierung der Finanzprodukte, die Einführung einer internationalen Finanztransaktionssteuer.

Es ist nicht einzusehen, dass wir alle für jede Windel und für jede Kaffeemaschine Umsatzsteuer bezahlen, aber Devisenhändler und Spekulanten, bei einem börsentäglichen Umsatz von zwei Billionen Dollar sich mit keinem Cent an der Finanzierung der humanen Aufgaben beteiligen müssen.

Wer kann diesen Wandel vollziehen?

Das sollte einerseits die Politik machen. Die Bürgerinnen und Bürger müssen sich selber in Organisationen der Zivilgesellschaft zusammen schließen und politischen Parteien müssen sich mit ihnen verbinden. Ich selber bin Mitglied von ATTAC und der Christlich Demokratischen Union.

Es braucht Selbstinszinierungen der Zivilgesellschaft, ATTAC, Greenpeace, der ganzen Naturschutzverbände aber auch der CARITAS, die Evangelischen Diakonie. All diese Bewegungen innerhalb der Zivilgesellschaft sind Partner der Politik.

Die Reform des internationalen Weltwirtschaftssystems muss durch die Staaten erfolgen. Die Europäer sind bereits soweit, dass sie dieses Ziel anstreben – auch die Deutschen und die Österreicher. Die einzigen, die sich noch sperren, sind Engländer. Dann muss man diesen Wandel eben ohne Engländer machen. Bis wir eine Weltregierung haben, die eines Tages kommen wird – daran kann gar kein Zweifel bestehen – muss diese Reform multilateral realisiert werden, so wie das in Edinburgh beschlossen worden ist.

Sie haben Zivilgesellschaft angesprochen. Ist es im Sinne der regierenden Parteien und wie reagieren ihrer Meinung nach die politischen Parteien auf diesen Wandel?

Die politischen Parteien sind in Deutschland und in Österreich, so weit ich das verfolge, noch unsicher. Sie haben die Dramatik des Geschehens durchaus erkannt und müssen erkennen, dass die Zivilgesellschaft nicht Gegner der politischen Parteien sind, sondern, sie sind die wichtigsten Verbündeten.

Kann die Piratenpartei eine dieser Schnittstellen zwischen Zivilgesellschaft und etablierten politischen Parteien sein?

Ganz sicher setzt die Piratenpartei wichtige moderne Probleme. Die Piratenpartei ist insbesonders eine Internetpartei. Andere politische Parteien können davon lernen, in dem sie dieses weite, neue und großartige Feld der Information auch für die Darstellung ihrer politischen Ziele nutzen. Ob die Piratenpartei bei den Wahlen politisch einen Erfolg haben wird, das kann ich nicht voraus sagen. Im Moment sieht es so aus, als ob sie Erfolge bei den Landtagswahlen, möglicherweise auch bei den Bundestagswahlen hätten. Ob das auf die Dauer ist, kann man heute seriöserweise nicht beurteilen.

Zum Abschluß noch zu Stuttgart 21: Hat Ihr Wirken ihre Ambition erfüllt? (Frage von Thorsten Puttenat)

Ja, natürlich. Die Schlichtung hat ja ein Ergebnis gehabt. Das heißt, der Bahnhof kann gebaut werden, allerdings nur unter bestimmten Auflagen und Verbesserungen. Und das wird im Moment realisiert. Die Schlichtung war auch die unverzichtbare Voraussetzung für die Volksabstimmung.

Wie beurteilen sie es: Ging die Schlichtung in die Hose, oder war’s einigermaßen OK? (Frage von Thorsten Puttenat)

Es war nicht einigermaßen OK, sondern es war überhaupt OK. Denn, das war die umfassendste Information, die es zu dem Thema überhaupt geben konnte. Mit absoluter Transparenz, mit einer Diskussion auf Augenhöhe, einem Faktencheck, bei dem alle an einem Tisch saßen.

Die Stuttgart21-Schlichtung ist soweit als ein Prototyp für die Vorbereitung und Durchführung von Großprojekten der Zukunft zu bezeichnen.
Vielen herzlichen Dank für das Gespräch und alles Gute!

Heiner Geißler
Sapere aude!
Warum wir eine neue Aufklärung brauchen.
ullsteinbuchverlage

Gebunden, 160 Seiten
ISBN-10: 3550088817
EUR 16.99

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Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen, sieben Jahre selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Journalismus und Medien Strategien, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.