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Auf Heiner Geißler bin ich während den Ereignisse rund ums Stuttgart-21-Projekt in Deutschland besonders aufmerksam geworden. Geißler, ehemalige CDU-Generalsekretär, übernahm in den Verhandlungsgesprächen die Rolle des „Schlichters“, diskutierte mit sieben Projekt-Beführworter und sieben -Gegner und sprach sich Ende November 2011 für eine Fortführung des Bahnprojekts („Stuttgart 21 Plus“) aus. Seit dieser Zeit verfolge ich recht aufmerksam die Aktivitäten rund um seine Person. Kürzlich bin ich auf “Sapere aude!” aufmerksam geworden und habe dabei auch einige seiner vorherigen Bücher durchgelesen.

Dr. Heiner Geissler, geboren 1930, studierte als Mitglied des Jesuitenordens vier Jahre Philosophie und anschließend Rechtswissenschaften. Er war 25 Jahre lang Mitglied des deutschen Bundestages, Landesminister in Rheinland Pfalz, Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit in Bonn und gilt als einer der besten politischen Redner der Bundesrepublik. National und international engagiert er sich für die Wahrung der Menschenrechte und die Humanisierung des Globalisierungsprozesses. Er ist Autor zahlreicher Bücher.

Quelle: weltbild.de
Bild: Heiner Geissler (CC by Das blaue Sofa)

Gleich vorweg: Ich finde „Sapere aude!“ ein sehr starkes Buch, mit starken Beobachtungen und nochmals starken Forderungen.

“Sind wir in der Lage, selbständig zu denken, unabhängig zu urteilen, die komplexen Zusammenhänge zu erkennen?”, fragt sich Heiner Greißler in seinem aktuellen Buch “Sapere aude!” und trifft kritische Themen am Puls der Zeit: Die gegenwärtige Kritik am Kapitalismus, der geprägt von “Geld, Geiz und Gier” und “Derivate, Rohstoffhandel, Devisen” ist , wird gleichermaßen kritisch wahrgenommen wie die unterschiedlichsten Formen der vorhandenen Absolutismen. Seien es ökonomische, die klerikale, islamische oder die autoritäre Politik.

Der Kapitalismus wird als “das Ergebnis eines folgenschweren Denkfehlers und ethischen Verfalls” beschrieben, und in “ihrem neoliberalen Privatisierungs- und Deregulierungswahn hat die Politik die Kontrolle über die Wirtschaft aus der Hand gegeben und den Spekulanten und dem Großkapital einen roten Teppich ausgerollt.”

Geißler sieht die Menschen in unserer Zeit noch immer in Knechtschaft, leidend durch die Absolutismen der Ökonomie, dem klerikalen Absolutismus der katholischen Amtskirche sowie den autoritären Strukturen der Politik.


Heiner Geißler im Gespräch mit Christhard Läpple (das blaue sofa, ZDF, März 2012)

Sapere aude! (lat.) bedeutet übrigens “wage, deinen Verstand zu gebrauchen”. Leider ist dies nicht oft erwünscht, weder in Parteien, noch in Unternehmen, bei Behörden, Banken. Die meisten Menschen haben sich in ihr Schicksal gefügt und resigniert. Doch inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass sie aus ihrer Ohnmacht erwachen.

Gefordert wird eine neue Aufklärung: Eine Revolution im Denken und Handeln. Benötigt wird die Überzeugung, dass die momentan vorhandenen menschenunwürdigen Verhältnisse und Strukturen nicht natürlich oder gottgegeben, sondern von Menschen gemacht und veränderbar sind.

Was ich an diesem Buch sehr schätze, ist das große Verlangen an Wärme, Wertschätzung und Anerkennung. Erkennbar am Wunsch nach sozialeren Werten, die nicht nur im Unterkapitel „Der Verlust der Barmherzigkeit“ beschrieben werden. Wenn Menschen, nach langen Jahren in Unternehmen ihre Arbeit verlieren, seien sie Demütigungen der Agenturen ausgesetzt. “Unsere politische Klasse – Politiker, Minister, Beamte, Angestellte –”, beschreibt Geißler die Situation in Deutschland, “scheint die Fähigkeit zum Mitleiden, zur Barmherzigkeit verloren zu haben.”

Im Abschnitt „Der bürgerliche Widerstand“, erkennt der Autor eine Aufbruchstimmung im Land, eine machtvolle Bewegung zwischen privatistischer Politikabstinenz und autoritärer Politik, die sich noch nicht überall durchgesetzt hat. Aber die Bereitschaft, gegen die Herrschaft der Finanzmärkte, die Denkblockaden der Marktgläubigen und die autoritäre Willkür von Behörden zu revoltieren, ist groß. Auch wehren sich bei uns immer mehr Menschen gegen die klerikale Bevormundung sowie diejenigen Praktiken des Islam, die unvereinbar mit unseren Grundwerten sind.

Der Durchbruch zu einer aufgeklärten Gesellschaft mit mündigen Bürgern kann nur von ihnen selber kommen: „Sapere aude!“

Heiner Geißler
Sapere aude!
Warum wir eine neue Aufklärung brauchen.
ullsteinbuchverlage

Gebunden, 160 Seiten
ISBN-10: 3550088817
EUR 16.99

Klappentext – Flughafen Berlin, Stuttgart 21, Atomkraft, Schulreform: In Deutschland findet ein Bürgeraufstand statt. Heiner Geißler, der Schlichter von S 21, nennt die Hintergründe für den zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen die offizielle Politik: Die Trennung von Geist und Macht, die Herrschaft der Märkte über die des Volkes, die Ökonomisierung der Gesellschaft, die fehlende Transparenz der bürokratischen Genehmigungsverfahren begründen die Krise der Demokratie ebenso wie die Defizite des Parlamentarismus in einer Mediendemokratie mit Internet und Facebook. Vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen mit S 21 entwirft Geißler neue Formen einer Bürgerbeteiligungsdemokratie und offenen Diskursrepublik, die das verloren gegangene Vertrauen zurückgewinnen und der Demokratie neue Perspektiven geben können.


Die Forelle
Der Dichter Christian Schubart hat im Gefängnis des despotischen württembergischen Herzogs Carl Eugen das Lied von der Forelle geschrieben, eine ätzende Parabel der Unterdrückungsherrschaft dieses Herzogs, vor der schon Friedrich Schiller geflohen war:

In einem Bächlein helle, da schoss in froher Eil
die launische Forelle vorüber wie ein Pfeil.
Ich stand an dem Gestade und sah in süßer Ruh
des muntern Fischleins Bade im klaren Bächlein zu.
Ein Fischer mit der Rute wohl an dem Ufer stand,
und sah’s mit kaltem Blute, wie sich das Fischlein wand.
So lang dem Wasser Helle, so dacht ich, nicht gebricht,
so fängt er die Forelle mit seiner Angel nicht.
Doch endlich ward dem Diebe die Zeit zu lang. Er macht
das Bächlein tückisch trübe, und eh ich es gedacht,
So zuckte seine Rute, das Fischlein zappelt dran,
und ich mit regem Blute sah die Betrogene an.

In trüben Gewässern lässt sich leichter fischen, das wissen eben nicht nur Hobbyangler, sondern auch die Mächtigen und Herrschenden, sagt der Wormser Professor Max Otte, der als Erster und fast Einziger in seinem Buch „Der Crash kommt“ den Zusammenbruch des Finanzsystems vorausgesagt hat. „Verschleiern, falsche Angaben machen, mit positiven, aber nichtigen Botschaften von gravierenden negativen Sachverhalten ablenken, gezielt täuschen, irritieren, verdunkeln und verblenden, übertünchen und übertönen“, das gehört zum Desinformationsarsenal nicht nur der Finanzwirtschaft. Die Aufklärung ist heute so dringlich wie vor 250 Jahren.

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Der Weg zur politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 8 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen - seit einigen Jahren selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Media Strategy, Digitales Marketing, Innovation und Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.