Karl-Heinz Grasser wurde in den vergangenen Jahren der Inbegriff für einen korrupten Politiker. Und während viele Österreicher schon den Überblick verloren haben und natürlich die Unschuldsvermutung gilt, hat es sich Wolfgang Fürweger zur Aufgabe gemacht, Netzwerke erkennbar zu machen und Grassers Schaffen zusammenzufassen.

Wolfgang Fürweger Wolfgang Fürweger, geboren 1971, Studium der Politikwissenschaften, Publizistik und Russisch in Salzburg, lebt und arbeitet als Zeitungsjournalist und Buchautor in Salzburg. Weitere Werke: „Die Red-Bull-Story“, „Die Swarovskis“, „Ferdinand Piëch“. Zu diesem Buch hat er einen Blog eingerichtet, auf dem er aktualisierte Neuigkeiten postet: grasser.blog.de

Grasser schafft das, was nach ihm wohl nur mehr die Krise erreicht hat: In kurzen und regelmäßigen Abständen war stets sein Bild in den Medien, Vorwürfe wurden gegen ihn laut, Politiker haben so manches Mal die Gewaltenteilung vergessen (als sie die Justiz aufforderten, endlich aktiv zu werden) und selbst in der Musik wurde er von Christoph&Lollo persifliert. Es ist der Fall eines Politikers, der es beinahe bis zum Vizekanzler geschafft hätte, das Ende einer Ära, die im Nachhinein wohl niemals so glorreich war, wie es er und seine Politikerkollegen haben aussehen lassen. KHG ist einer der größten Punkte, warum die Schwarz-Blaue Regierung heute noch einen ganz bitteren Nachgeschmack hat.

Wolfgang Fürweger hat in seinem Buch nichts Neues aufgedeckt: im ersten Teil blickt er auf die Karriere von Grasser. Vom Vizelandeshauptmann, zum Manager bei Magna bis hin zum Finanzminister und schließlich zum wenig erfolgreichen Fondmanager bei MEL. Im größten Kapitel geht er schließlich auf seine Affären ein: die Homepage-, die BUWOG-, die Eurofighter-, und die Steuersünder-Fälle (für die natürlich stets die Unschuldsvermutung gilt) zeigen in erster Linie nicht die vermeintliche kriminelle Ader Grassers, sondern viel mehr, wie Freunderlwirtschaft und gute Connections zur Wirtschaft in Österreich wunderbar funktionieren.

So seltsam es sich angesichts des bisher Geschriebenen auf den ersten Blick auch liest: Ich bin fest davon überzeugt, dass Grasser keine Lügen auftischt, wenn er auf seine „supersaubere Weste“ verweist und alle Vorwürfe gegen ihn entrüstet als Attacke einer Neid- und Jagdgesellschaft zurückweist, die ihn schon seit seinen erfolgreichen Zeiten als Finanzminister erfolge.

Das abschließende Kapitel ist zu einem Teil auch das Spannendste: neben einem erneuten Aufrollen von KHGs Netzwerk, versucht sich Fürweger erstmals nicht an einer Zusammenfassung, sondern an einer eigenen, persönlichen Einschätzung – im Kapitel „Wie Karl-Heinz Grasser tickt“. Von dort stammt auch obiges Zitat: er erklärt es sich vor allem durch das „subjektive Tatempfinden“, wie es in der Sprache der Justiz genannt wird. Wenn man glaubt, alles rechtens getan zu haben, wird man über kurz oder lang keine Schuld empfinden und sich von ebenjener Jagdgesellschaft verfolgt fühlen.

Fürweger hat zu seiner Zusammenfassung der Werke Grassers und seinen eigenen Einschätzungen auch um Interviews gebeten, doch viele Politiker (die gesamte ÖVP z.B.) habe sie ihm verweigert. Zu Wort melden sich Peter Westenthaler (BZÖ und Grasser einziger Freund in diesem Buch), Heinz-Christian Strache (FPÖ), Peter Pilz (Grüne), Florian Klenk (Journalist beim Falter), Florian Scheuba (Kabarettist und Kolumnist) und Franz Vranitzky (Ex-SPÖ-Kanzler). Oft wird dabei betont, – vor allem von Politikerseite – dass das Phänomen Grasser in ihrer Form ein Einzelfall sei, und man nicht die ganze Politik als kriminell ansehen dürfe.

„Vom Fachlichen her kann man ihm überhaupt keinen Vorwurf machen, weil er einfach ein guter Finanzminister war. Das zeigt auch der Kampf, den die Linke dieses Landes bis heute gegen ihn führt. […] An seiner Amtsführung ist überhaupt nichts auszusetzen.“ – Peter Westenthaler im Interview

Fürweger gebührt Lob: Er hat es geschafft, sehr verständlich die ganzen Fälle rund um Grasser zu erklären: Wer kennt wen, wer hat kassiert und warum ist das nicht korrekt. Und auch, wenn Grasser in Wahrheit neben den ganzen Schocks, die er Österreich versetzt im Grunde genommen nach all den Jahren in gewisser Weise schon langweilt, war dieses Buch gut zu lesen. Aber eines zeigt, dass Fürweger bisher vor allem durch Portrait-Bücher („Die Swarovskis“, „Die Riedels“) auf sich aufmerksam gemacht hat: Die Kapitel „KHG und die Frauen“ sowie „Die Wohnsitze des Glamour-Paares“ verleihen dem Buch zum Ende hin einen relativ unpassend boulevardesken Anstrich.

Warum ist es nun ein Buch voll Unschuldsvermutung? Weil es in beinahe jedem Kapitel vorkommt, der Vollständigkeit halber. Ich denke, jeder Leser hat sich entweder schon oder wird sich beim Lesen sein eigenes Bild schaffen. Dabei lehnt sich der Autor aber nicht zu sehr aus dem Fenster, wirft Grasser nicht etwas vor, sondern nennt nur die bereits bekannten Fakten in chronologischer Reihenfolge. Und für die gilt, eben bis zum Schuld- oder Freispruch: Die Unschuldsvermutung.

KHGWolfgang Fürweger
KHG
Die Grasser-Story 

Hardcover
207 Seiten

ISBN 978-3-8000-7527-0
€ 22,95

The following two tabs change content below.
freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

Neueste Artikel von Dominik Leitner (alle ansehen)