Angelehnt an E.B. Whites “Here is New York” ist das Essay “Hier ist Berlin” von JM Stein eine Momentaufnahme einer Stadt, die stets in Bewegung ist. In seinem Vorwort merkt er an, dass alle beschriebenen Szenen am späten Nachmittag oder frühen Abend spielen. Das Wesen des “Neuen Berlins” nach dem Mauerfall lässt sich in diesen Stunden am besten erkennen.

JM Stim, aka Klaus Stimeder, geboren 1975 in Schärding/Inn, ist freier Autor und Journalist. Er ist Mitbegründer der Monatszeitschrift “Datum – Seiten der Zeit” und schreibt für diverse österreichische Zeitungen. Bekannt wurde er unter anderem als Mitverfasser der Biografie „Trotzdem. Die Oscar Bronner Story“. Weiters ist er als Gastlektor an mehreren Universitäten und Hochschulen tätig. Seit 2010 lebt und arbeitet er unter dem Namen Joseph Martin Stim in New York.

Das Buch beginnt mit einer Einführung von Tim Mohr. Der Autor und Übersetzer stellt zu Beginn einen Bezug zu E.B. Whites “Here is New York” her. In beiden Büchern werden die Charakterzüge der beschriebenen Stadt wie auf einem Foto definiert, die Schnelllebigkeit und Veränderung festgehalten. Es werden Orte erwähnt, die es vielleicht schon beim Erscheinen des Buches nicht mehr gegeben hat.

So beschreibt Tim Mohr seinen ersten Eindruck von Berlin, als er 1992 im östlichen Teil der wiedervereinten Stadt ankam. Optisch keine schöne Stadt, alles wirkte schmutzig, grau, trostlos. Eine neue Stadt wurde errichtet, glänzende Hochhäuser und Bürokomplexe sind die neuen Denkmäler dieser Zeit. Doch die Identität von Berlin, die wurde von den Leuten bestimmt, die sich an diesem Ort trafen, dem Schmelztiegel zwischen Ost und West, Ravern und Alternativen, Künstlern und Designern, Studenten und Arbeitern.

“Die Geschenke Berlins sind Zeit und Raum” – mit diesem Satz beginnt JM Stim seine Erzählungen aus einer Großstadt, die sich für ihn von anderen großen Städten deutlich unterscheidet. Allein die Tatsache, dass die Geschwindigkeit von der Gemächlichkeit bestimmt wird, kann für einen Berlin-Besucher schon etwas irritierend sein. Lässt er sich jedoch auf einer Parkbank nieder, wartet auf den nächsten Bus oder rastet sich bei einem Kaffee aus, wird ihm auffallen, dass sein Blick immer wieder in die Ferne gleitet. “Die Offenheit des Blicks”, nennt das JM Stim, “die Möglichkeit, jederzeit etwas Neues zu entdecken, macht die Stadt genauso interessant wie die Tatsache, dass Berlin keinen Stadtkern, kein Zentrum besitzt. In dieser Stadt sind alle Viertel gleichberechtigt.”

Von Kreuzberg über Neukölln zum Prenzlauer Berg bis hin zum Flughafen Schönefeld, der Autor versteht es, seine Leser für kurze Momente den Rauch der Bar, die Kühle eines Gotteshauses, den Duft des Cafés spüren zu lassen. Während er an seiner Zigarette zieht, schweifen seine Gedanken vom Treiben um ihn herum ab, und er taucht ein in die Geschichte Berlins. Auch hier lässt er sich von seinen Gedanken tragen. Ein Wort ergibt das nächste, der Bogen wird von der politischen Situation bis hin zur Clubszene und dem Neubau des Flughafens gespannt. Die Vergangenheit Berlins als geteilte Stadt ist allgegenwärtig, wie sie auch einem Berlin-Besucher auf Schritt und Tritt begegnet.

Wer schon einmal in Berlin war, wird in dem Buch viel Bekanntes wiederfinden. Jedoch nicht wie beim Durchblättern eines Bildbands, sondern das Lebensgefühl der Stadt, die kleinen Momente werden in diesem Buch aufgegriffen. Erinnerungen werden geweckt.

Hier möchte ich eine Stelle herausgreifen, die für mich besonders bedeutend war. JM Stim schreibt über die verschiedenen Kulturen, die im neuen Berlin vertreten sind. Nach damaligen offiziellen Angaben verteilen sich über eine halbe Million Menschen aus 190 verschiedenen Nationen auf die Stadt. Ich war im Mai 2010 in Berlin und habe zufällig ein Straßenfest entdeckt, dass sich genau mit dem Thema Integration auseinandergesetzt hat. Die bunten Bilder vom “Karneval der Kulturen” sind mir beim Lesen sofort wieder in Erinnerung gekommen!

Weitere Links

JM Stim
Hier ist Berlin
Hardcover, gebundene Ausgabe: 58 Seiten
Verlag: Rokko’s Adventures
Sprachen: Deutsch/Englisch
ISBN 978-3-200-02476-2

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Stefanie Brader

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