“Fürchten muss sich keine Partei. Grundsätzlich ist davon auzugehen, dass die Gruppe (Anm.: FUFU) den Einzug nicht schaffen wird”, lauteten die Analysen vom Amstettner Meinungsforscher Daniel Jaksch in der NÖN im Vorfeld.

Mit einem Budget von 1.500 EUR und einem fast ausschließlich über das Internet geführten Wahlkampf schafften es FUFU bei den Gemeinderatswahlen Ende März 2012 in Waidhofen/Ybbs auf Anhieb in den Gemeinderat. Mit 5.7 % Stimmenanteil stellen sie 2 von insgesamt 40 Mandaten – die absolute Mehrheit der ÖVP wurde gebrochen. Mit der Bürgerinitiative UWG (6 Mandate) stellen sie acht oder genau 20 % aller Sitze im Waidhofener Gemeinderat.

FUFU (Farblose Unabhängige Formierte Uninformierte) sehen sich selbst nicht als Partei, sondern als Bürgerbewegung mit mündigen Bürgern, die sich nichts mehr bieten lassen wollen. Ihr Kennzeichen sind Uniformen jeder Art, die eigentlich genau das Gegenteil ihrer Prinzipien verkörpern: Nämlich freies Denken, Mund aufmachen, nicht immer nur jammern, sondern auch handeln und agieren.

„Der Hebel gehört in der Entschuldung angesetzt. Und, das ist das Hauptproblem“, so FUFU-Sprecher Martin Dowalil im Gespräch mit neuwal, der von der tollen Lebensqualität in Waidhofen schwärmt. Als Ziel für die nächsten fünf Jahre setzt sich die junge Bewegung die Errichtung eines kleines Kulturzentrums in Waidhofen für Vernissagen, Lesungen, kleinere Liveauftritte oder Geburtstagsfeiern ein.

Künftiges Einkommen aus den politischen Tätigkeiten möchten sie wohltätigen Zwecken spenden: „Das Geld steht mir nicht zu und ich gebe es dann jeden Monat wieder zurück“, so Dowalil, der den Gemeinderatssitz als Ehrenamt für 12.000 sieht.

Die Piraten sind den FUFUs sympatisch. Sie selbst seien Piraten-nahe, auch wenn ihre Ideale ziemlich ähnlich, sie selbst allerdings keine klassischen Piraten sind.

Als große Motivation sieht Dowalil eine gute Zusammenarbeit im Gemeinderat in den nächsten fünf Jahren: „Entweder, uns lässt man als kleine Fraktion anrennen und es wird uns gezeigt, dass es nicht so einfach ist, wie wir glauben. Eine kleine Fraktion anrennen lassen und zeigen, so einfach ist es nicht, wie du glaubst oder wir werden eingebunden und die Schwarzen sind genauso normale fähige Leute mit guten Ideen und man bekommt etwas weiter und wird nicht abgeschmettert.“

FUFU KandidatInnen (Foto: Privat, fufu.at)
FUFU KandidatInnen (Foto: Privat, fufu.at)

 

neuwal im Gespräch mit der Bürgerinitiative FUFU aus Waidhofen/Ybbs




Dieter Zirnig (neuwal): Wer seid ihr eigentlich und was steckt hinter FUFU?

Martin Dowalil (FUFU): Mich hat es immer geärgert, wie die Absolute der ÖVP mit ihrer Allmacht in Waidhofen agiert hat. Irgendwann hat meine Frau zu mir gesagt, dass sie meine „Seidlerei“ nicht mehr aushaltet und ich halt etwas unternehmen soll. Zuerst war es ein absolutes Spaßprojekt. Irgendwann ist aus Spaß eben Ernst geworden und wir haben beschlossen, dass wir 2012 bei der Gemeinderatswahl antreten.

Ich bin der Kopf von FUFU. Walter Oberbramberger ist unser Fotograf und Webmaster, Videos werden vom Buder Daniel gemacht. Wenn wir nur zu zweit kandidieren ist es ein bisschen fad, weil wir ja nicht wissen, was passiert: Vielleicht kommen wir ja in den Stadtrat, können aber nicht einziehen, da wir nur zwei Kandidaten haben. Daher haben wir für die Liste KandidatInnen gesucht. Meine Frau, die Nicole, war dann noch dabei, Wagner Angelika, Wachauer Alexander und die Ursula Schrefel.

Das Feedback, das wir bekommen haben, war immer sehr postitiv. Daher haben wir alle auch mit einem fixen Mandat gerechnet. Extrem überrascht waren wir, dass es zwei geworden sind.

Wie war das Feedback aus der Bevölkerung?

Es war gemischt. Am Wahlsonntag habe ich beide Seiten gesehen:

Die Herzlichkeit vieler Leute, denen das wirklich gefallen hat, was wir erreicht haben und auch die Ignoranz, die ablehnende Art der Leute, die kurz bei Dir vorbeigehen und sich schnell wegdrehen.

Es gibt Leute, die sich in Waidhofen furchtbar beschweren, wie man so einen Blödsinn wählen kann: „Sind denn die Leute alle komplett deppert, dass sie so einen Kasperl wählen?“ Also, das gibt es genauso.

Seht ihr FUFU als Bürgerinitiative, als Bürgerbewegung?

Wir sind keine Partei und wir werden nie eine Partei sein. Wir werden immer mündige Bürger sein, die sich nichts mehr bieten lassen. Wir werden aufstehen und sagen, was „für Radl im Dreck rennt“. Wir werden immer eine Bürgerbewegung bleiben.

Uniformen… sind euer Markenzeichen.

Das ist aus einem Blödsinn entstanden. 2007 hatte Jörg Haider hatte die glorreiche Idee, dass er Kärnten von Österreich abspalten will. Wir haben darauf gesagt, dass wir uns dann sofort alle Uniformen kaufen und Kärnten wieder annektieren müssen, weil so geht das nicht. Am nächsten Tag – Damenspitzel und Restalkohol – habe ich auf Ebay nachgeschaut, welche Uniformen es im Angebot gibt. Mir ist es auch egal, ob es eine DDR-Uniform, eine deutsche oder englische Uniform ist. Wir identifizieren uns nicht mit der Herkunft und den Trägern. Sie verleiht allerdings Respekt.

Eine Uniform ist nie OK und hat immer etwas anrüchiges. Sie verkörpert eigentlich Gehorsam und ‘ja nicht aufmucken’ oder klare Richtlinien. Wir treten eigentlich genau fürs Gegenteil ein: Freies Denken, Mund aufmachen, nicht immer nur jammern, sondern auch handeln und agieren.

Mit der Uniform fallt man auf. Also, das ist rein ein Marketing-Gag.

Ihr wollt nicht sudern, ihr wollt handeln. Wofür setzt ihr euch ein und was wollt ihr verändern?

Zuerst haben wir gesagt, dass es ein reiner Protest gegen das Machtgehabe ist, gegen das charmlose Ausnützen der Macht. Wir werden uns für ein unabhängiges Kulturzentrum in Waidhofen einsetzen. Jeder Bürger soll sich zu einem fairen Preis eine Location mieten können, wo eine Bar, Sanitäranlagen, eine Bühne drinnen ist. Das kann man für Vernissagen, Kulturlesungen, kleine Liveauftritte oder Geburtstagsfeiern nutzen. Das ist unser großes Anliegen, das wir in den nächsten fünf Jahren irgendwie umsetzen wollen.

Wir haben eine große Facebook-Gruppe gegründet, die mittlerweile 800 Mitglieder hat. Wir haben uns mit den anderen Parteien zusammen gesprochen und möchten eine überparteiliche Facebook-Gruppe gründen, mit der wir Transparenz und Bürgernähe zelebrieren können.

Ihr wollt sicherlich etwas umsetzen, etwas verändern. Und dazu es im Gemeinderat Kooperationspartner. Wie kann das Szenario in den nächsten Jahren aussehen?

Wir gehen davon aus, dass jede Partei gute Ideen hat. Und, nachdem wir davon ausgehen, dass große Ideen umgesetzt gehören – egal, von wem sie kommen – wollen wir eigentlich gar nichts von Koalition oder Opposition..

Gemeinsam mit der Bürgerliste UWG haben wir 8 Sitze (Anmerkung: UWG 8, FUFU 2. Gemeinderat besteht aus 40 Sitzen). Für die SPÖ war es eine große Schlappe. Und für gewisse Sachen braucht man eine Zwei-Drittel-Mehrheit im Gemeinderat. Und ich glaube nicht, dass sich das mit der SPÖ immer ausgehen wird. Und somit wird der Bürgermeister in den Gesprächen aufpassen müssen, dass er nicht jemanden zu sehr auf den Schlips tritt. Als Bürger hat man schon die Macht, dass man sagt, dass man nicht dafür stimmt.

Und wir sind jetzt wirklich noch zu naiv, dass wir sagen, gute Ideen gehören umgesetzt, egal, von wem sie kommen. Und, ich gehe nicht in die Opposition und ich gehe sicherlich nicht in eine Koalition.

Ich möchte mich nicht 5 Jahre an eine ÖVP binden, von der mich ideologisch so viel trennt. Das geht sich hinten und vorne nicht aus. Ich sehe jeden Tag als neue Herausforderung.

Und da gibt es Sachen, die mich freuen und die ich unterstütze. Es gibt genauso Sachen, die mich nicht freuen und die ich nicht unterstütze.

Du hast gesagt, es trennt euch in Richtung ÖVP sehr viel. Welche politische Richtung ist euch näher gestimmt?

Ich sage einmal, politische Richtung ist uns gar keine näher gestimmt mehr. Es gewinnt ja nicht zum Spaß eine Piratenpartei. Es gewinnt ja nicht zum Spaß so wie wir, wenn wir das pointiert. Ich habe es mir ja nicht leicht gemacht. Wir hätten vermutlich mehr Mandate – und jetzt übertreibe ich wieder – wenn ich nicht so polarisiert hätte, wenn wir nicht solche Videos und Fotostrecken gemacht hätten. Aber, genau um das ist es uns gegangen. Ich wollte, dass die Leute nachdenken. Ich wollte ihnen nicht etwas Vorgekautes hinhauen wie die anderen Apparate.

Und somit trennt uns von anderen Parteien ziemlich viel. Die einzigen, wo ich sage, mit denen kann ich mich super annähern, sind die UWG, weil; das sind Bürger wie wir. Nur halt gemäßigter. Die Grünen hätten immer gute Ansätze, bringen aber nie etwas weiter. Es ist alles zu lasch. Die FPÖ geht gar nicht, das geht sich hinten und vorne nicht aus – trotz Uniform (lacht). Und die Großparteien, dieses ÖVP- und SPÖ-Gehabe, dieses verstaubte Denken in irgendwelchen Wählerschichten, die es eh nicht mehr gibt.

Es ist nur mehr Verstrickung von Partei und Finanz und Wirtschaft und den ganzen Bünden im Hintergrund. Dabei geht es nicht mehr um das, was der einzelne Bürger will.
Es ist schon öfter der Name Piratenpartei gefallen. Im Mail von Dir steht „Ahoi“ bei der Begrüßung…

…ich finde das wirklich super. „Ahoi“ schreibe ich, seit 2002, seit dem ich St. Pauli-Mitglied bin. Und ich organisiere bei uns in Waidhofen jedes Jahr ein Festl, das sich „Fleischrock“ nennt. Und da schreibe ich auch immer „Ahoi“. Und, das ist alles lange vor der Piratenpartei-Zeit (lacht).

Und da sagt der Fehringer Hannes von den Oberösterreichischen Nachrichten, der diesen Bezug auch immer hergestellt hat: Die Piraten Waidhofens. Wir sind Piraten-nahe, die Piraten sind mir sympathisch, allerdings sind wir keine klassischen Piraten. Allerdings habe ich mir schon überlegt, falls ich in den Gemeinderat nicht einziehe, ob ich nicht auf Landesebene vielleicht etwas mit den Piraten mache. Ich bin auf alle Fälle mit den Piraten in Kontakt.

Wie habt ihr den Wahlkampf gemacht. Hattet ihr Plakate oder ausschließlich Online?
Wir haben zwischen 1.500 und 1.700 EUR im Wahlkampf ausgegeben.

Das meiste waren Buttons in sechs verschiedenen Motiven, die weggegangen sind wie die warmen Semmeln. Jeden Freitag im März waren wir mit einem mobilen Freibierstandl unterwegs. Immer mit einem guten Speck, guten Käse und gutem Bauernbrot. Das waren eigentlich die großen Posten.

Wir haben nichts plakatiert. Wir haben ein Inserat in der NÖN und eines im Mostviertel-Magazin geschalten. Sonst haben wir von der Berichterstattung in der NÖN, im Kurier oder in Heute profitiert. Und natürlich viel über Facebook. Ich bin kaum mehr zum Arbeiten gekommen, weil ich immer präsent sein wollte, da ich so viel geschrieben und erklärt habe. Aber die Leute haben sich dann wenigstens ausgekannt. Es hat super geklappt.

Wenn wir im Gemeinderat sitzen, werden wir die 300 bis 500 EUR “Zeitaufwandsentschädigung” verwenden, um unsere Wahlkampf-Ausgaben zu decken. Danach spenden wir die Beträge jedes Monat an wohltätige Zwecke, an hilfsbedrüftige Familien, dem Tierschutzverein oder dem Sozialmarkt.

Weil ich sehe den Gemeinderatssitz als Ehrenamt, der für 12.000 Einwohner bestimmen darf. Das Geld steht mir nicht zu, für mich ist es eine Ehre und gebe es dann jeden Monat wieder zurück.
Was sind die aktuellen Herausforderungen in Waidhofen?

Wir haben eine tolle Lebensqualität, es mangelt uns an nichts und uns geht es hier sehr gut. Ich bin nicht nur ein Waidhofener, sondern auch Niederösterreicher und Österreicher. Und solche Leute, die sich überall nur die Hand aufhalten und bereichern wollen, die bauen uns den Sozialstaat ab und da schaue ich nicht länger zu. Wenn wir seriös Schulden abbauen will, dann muss man einfach bei sich selber anfangen. Und das sehen sehr viele Menschen nicht ein.

Die Stadt ist bis über beide Ohren verschuldet. Die Absolute ist zwar gefallen, allerdings hat die ÖVP noch immer 20 von 40 Mandate. Aber wie gesagt, es wird nicht viel anders weitergehen, wie in den letzten Jahren.

Vielleicht könnten wir darüber reden, ob wir zwei Vizebürgermeister in einer 12.000-Einwohner-Stadt brauchen. Der Hebel gehört in der Entschuldung angesetzt. Und, das ist das Hauptproblem.

Politik generell: wohin geht die Politik, wohin entwickelt sie sich… Was denkst Du, wie seht ihr die Politik in fünf Jahren.
Man sagt, die Demokratie funktioniert nur, wenn es mündige Bürger gibt, die mitreden wollen. Und da sehe ich in fünf Jahren die Politik so, dass der mündige Bürger, der jetzt eigentlich mitreden will, nicht nur mitreden, sondern auch mitregieren will.

Und da ist die SPÖ und die ÖVP in ihrem Geflecht gefangen. Das Geflecht einer ÖVP ist schon so groß, da drängen so viele Leute hinein, die einen Nutzen herausziehen wollen, dass sie dann bei der ÖVP sein wollen. Da geht nicht mehr viel. “Die Verflechtung zu zerstören”, wie es Kurt Kuch sagt.

Die Piraten formieren sich schon in Niederösterreich für die Landtagswahlen im nächsten Jahr – wissen allerdings nicht, ob es sich noch ausgeht. Aber, wenn die so weiter tun… Warum legt eine FPÖ so viel zu. Nicht, weil alle rechtsradikal und blöd sind, sondern, weil es einfach die einzige Protestbewegung ist, mit der man auf die Finger klopfen kann. Jörg Haider hat diesen Nimbus hinterlassen, dass die FPÖ die Partei des „Kleinen Mannes“ ist und wenn ihr großen Parteien uns deppert kommt, dann wähle ich die FPÖ. Das ist nach wie vor so.

Was muss passieren, damit deine Motivation für all deine Ideen dahin geht…

Da müsste viel passieren. Ich habe fünf Jahre gewettert, dann hat man mir nahe gelegt, dass ich selbst etwas unternehmen soll und jetzt habe ich die Chance, dass ich etwas unternehmen kann. Jetzt könnten mich die ÖVP-Apparate zermürben.

Sie könnten mich so oft ins Leere laufen lassen, so oft ignorieren oder so oft einfach nicht ernst nehmen. Dann könnte ich eventuell am Abend einmal heimkommen und sagen, „Jetzt freut mich das nicht mehr“. Das könnte passieren, aber da bin ich noch sehr weit davon entfernt.
Im Gegenzug: Was kann dich motivieren?

Wir sind 40 Leute und ich glaube, dass wir etwas weiter bekommen. Weil ich unterstelle niemanden von den 40 Leuten in Waidhofen, dass sie nicht das Beste für die Bevölkerung wollen. Wir sind mittlerweile 40 Personen. Und es ist wie im normalen Leben auch. Von den 40 Personen hat man mit 20 kein Problem. 10 sind einem egal und 10 mag man nicht, weil es menschlich nicht passt.

Und, das wäre dann die Motivation und wenn ich am Abend nach Hause komme, wie ich mir das vorgestellt habe: „Die Schwarzen sind genauso normale fähige Leute mit guten Ideen mit denen man etwas weiter bekommt und man nicht abgeschmettert wird.“

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute!

Weitere Links

neuwal im Gespräch mit Martin Dowalil Farblose Unabhängige Formierte Uninformierte (FUFU)