Günter Grass hat etwas gewagt, was sich viele erst gar nicht trauen: er hat Israel kritisiert. Über „Was gesagt werden muss“ kann man natürlich außergewöhnlich gut streiten, was mich aber viel mehr beunruhigt, sind all diese (meist übertriebenen) Reaktionen. Über eine Diskussion, die wohl nie geführt werden darf.

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Henryk M. Broder meldet sich im Cicero zu Wort, Marcel Reich-Ranicky nennt es in der FAZ ein „ekelhaftes Gedicht“, selbst der deutsche Außenminister Guido Westerwelle erkennt (in einem Gespräch mit Bild am Sonntag) in der Kombination Israel-Iran einen „absurden Vergleich“. Dass jenes, „was gesagt werden muss“, so manchem sauer aufstößt, ist eine Selbstverständlichkeit. Ich habe Grass‘ Gedicht gelesen, und finde es in erster Linie sehr wichtig, dass es ein Diskussionsbeitrag wurde, der die Wellen hat hoch gehen lassen. (Wobei natürlich die Mir ist es schon so manches Mal aufgefallen, dass Israel in der Welt eine ganz besondere Rolle einnimmt.

Doch die Reaktionen auch von Seiten Israels überraschen mich (und in Wahrheit doch wieder nicht): Grass ist nunmehr eine Persona non grata, der Vorwurf des Antisemitimus liegt über der gesamten Diskussion. Grass, ein Deutscher, mit SS-Vergangenheit … gerade er wagt es, Israel zu kritisieren? Hat er, und haben denn die Deutschen nichts aus der Geschichte gelernt? Es scheint beinahe so, dass Deutschland, Europa und wahrscheinlich auch die ganze Welt nichts gegen Israel sagen dürfe, weil sie den Holocaust, den Tod von 6 Millionen Juden mitverschuldet haben. Weil sie es nicht verhindert haben, damals.

Dabei gibt es genügend Punkte in Israels jüngster Vergangenheit, die man kritisieren dürfen muss: der ewig andauernde Konflikt um Palästina … oder eben auch die Fehde zwischen dem Iran und Israel. Beide Themen sind zumindest für mich, aufgrund fehlendem Wissen von beiden Seiten, nichts, wo ich mich auf eine Seite stellen kann und will. Und auch Grass hat – für mich – nicht Israel als das pure Böse und Iran als den Heilsbringer beschrieben. Die Gefahr, welche von Ahmadinedschad und seinen Leuten ausgeht, kann nicht geleugnet werden … aber in einem so gefährlichen Konflikt wie hier darf es doch wohl erlaubt sein, auch die andere Seite zu kritisieren.

Natürlich kann man Günter Grass seine Beteiligung an den SS-Verbrechen vorwerfen, natürlich war sein Umgang mit seiner eigenen Geschichte nicht gerade vorbildlich. Aber ihn jetzt zur „persona non grata“ werden zu lassen, nach diesem Gedicht, erscheint für mich eher wie eine Alibihandlung. Zumindest ich habe im Gedicht keinen offenen Antisemitismus verstanden. Innenminister Eli Jischai hingegen schon … und hat nach dem Verhängen des Einreiseverbotes auch noch gefordert, dass man Grass den Literaturnobelpreis aberkennen solle. Will man das wirklich? Will man es wirklich so weit kommen lassen, dass man über das Kriegstreiben Israels auf ewig schweigen wird müssen? Haben wir es hier wirklich mit einer „disputatio non grata“, also eine unerwünschte Diskussion zu tun?

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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