„Wir kommen“ ist vieles, aber zumindest kein positives Pendant zu Sarrazins umstrittenem Werk „Deutschland schafft sich ab!“. Es ist auch keine satirische Perspektive. Viel mehr verheddert sich auch Inan Türkmen in Stereotypen, in das unnötige Wir-Ihr-Geschwafel und verhindert damit, wirklich verstanden zu werden.

Inan Türkmens Eltern kamen Mitte der 1980er nach Österreich, wo sein Vater als Universalschweißer und seine Mutter als Reinigungskraft arbeiteten. Über seinen Vater, einen politisch aktiven Kurden, und durch seine eigenen Erfahrungen als Vertreter der zweiten Generation kam er früh mit interkulturellen Konflikten und Fremdenfeindlichkeit in Berührung und befasste sich mit ihren politischen Hintergründen. Nach mehreren Gelegenheitsjobs holte er seinen Schulabschluss nach. Seit 2010 studiert er an der Universität Wien Internationale Betriebswirtschaft. Er ist ein Familienmensch und spielt in seiner Freizeit gerne Fußball. (Quelle: edition a Verlag)

Er hat es geschafft: obwohl seinem Buch ganz offensichtlich die Substanz fehlt, er gerne Türken (wir) mit Europäern und vor allem Deutschen und Österreichern (ihr) fragwürdig vergleicht, obwohl sein Buch zwar ein selbstbewusstes, aber in erster Linie sehr polemisches Werk ist, wollen die Medien mehr. biber hievte ihn aufs Cover, er diskutierte mit FP-Politikerin Berlakowitsch-Jenewein in der ZIB 24, und viele deutsche und österreichische Medien berichteten über das Buch. Doch was will er mit seinem Buch überhaupt erreichen? Hohe Verkaufszahlen oder wirkliche Diskussion?

„Wir kommen“ soll zeigen, dass sie (die Türken) die Zukunft Europas sind. Zu Beginn des Buches aber musste ich mir mehrfach metaphorisch auf den Kopf greifen, als Türkmen herumschwafelte, warum die abendländische Kultur ohne jener der Türken so viel leerer wäre. Weil der „Ur-Nikolaus“, der Weihnachtsbaum, ja … sogar das Weihnachtsfest selbst zum Beispiel ihre Wurzeln in der Türkei haben. Er verpackt es zwar in eine lockere, ungezwungene Sprache, den nötigen Tiefgang und die Belege seiner so und so wohl irrelevanten Aussagen fehlen leider.

„… wir Türken …“ – „… jeder Türke …“ – „… alle Türken …“ – „… bei uns ist das anders“

Türkmen zählt in weiterer Folge natürlich auch unzählige Punkte auf, denen man voll und ganz zustimmten muss: Türkeis Wirtschaft wächst rasant, die Entwicklungen und auch der Fokus auf neue Technologien sind bemerkenswert, der niedrige Altersschnitt in der Bevölkerung eindeutig ein Vorteil. Der Autor brüllt es aber mit einer solchen Phrasendrescherei in den Raum, er könnte der türkische Strache sein. Manche (wohlgesonnene) Kommentatoren meinen, dass die türkischen Migranten genau das jetzt brauchen. Dass ohne so viel Polemik und Gebrülle diese eine Seite gar nicht gehört werden würde. Nehmen wir mal das so hin. Macht es dann aber wirklich Sinn, irgendwann einmal einen gemeinsamen Nenner zu suchen? So überheblich wie Strache das Abendländische lobt, so überheblich spricht auch Türkmen über die Türkei.

„… dass ihr …“ – „… bei euch dagegen …“ – „… die Leute hier …“

Es mag schon sein: Die Türkei wird wachsen, ihr Einfluss wird größer … und irgendwann wird sie auch den Weg in die EU finden. Den einzigen Grund, den Türkmen sieht, warum das bis jetzt noch nicht geschehen ist, sei der Rassismus der Türken gegen die Kurden. Und für die EU, so Türkmen, würden sich die Türken „auch ein bisschen überwinden, da bin ich mir sicher.“ Und das schreibt er, nachdem er siebzig Seiten lang über den Rassismus schrieb, der ihm tagein, tagaus begegnet. Glaubt er wirklich, dass Rassismus so einfach wegzuwischen sei?

Natürlich ist es typisch österreichisch, dass ein Mensch wohl bis zur fünften Generation als Ausländer bezeichnet wird. Es ist dumm, haltlos und wohl auch entwürdigend, wenn man als jemand, der in diesem Land aufgewachsen ist, nicht als Österreicher angesehen wird. Inan Türkmen sieht sich selbst als Österreicher, aber als einer, der sich immer fremder fühlt. Im Buch ist darüber aber wenig zu lesen, viel eher liebt er die Trennung zwischen wir (Türken) und ihr (Österreicher und Deutsche).

Ist das wirklich sinnvoll? Wenn man von einem gemeinsamen Europa, von einer gemeinsamen Zukunft reden möchte, dass man dann doch wieder Stereotypen in Bezug auf die Nationalität sucht? Die Türken sind verlässlicher, trauen sich mehr, arbeiten härter, sind fortschrittlicher – und die Österreicher hingegen zu faul, weil sie den Luxus schon zu lange haben, zu konservativ und zu ängstlich. Ernsthaft, lieber Herr Türkmen? Und das aus dem Mund von einem, der es anprangert, dass immer über „die Ausländer“ geredet wird?

Der Verlag edition a war von Beginn an darauf erpicht, hohe Wellen zu schlagen: erstmal das Cover-Artwork, und schließlich auch die Einordnung des Buches als „Sachbuch“. Das hat dem ganzen Werk nicht gut getan. „Wir kommen“ ist kein Anti-Sarrazin (brauchen wir überhaupt sowas), auch keine satirische Perspektive, wie Ali Cem Deniz auf fm4.orf.at schreibt. Es ist ein einseitiges, langweiliges, überhebliches, polemisches Werk, was rein gar nichts zu einer Debatte beiträgt. Das hätte besser werden können!

Weitere Rezensionen über das Buch:

Inan Türkmen
Wir kommen

edition a, Wien 2012
Hardcover, 94 Seiten
ISBN: 978-3-99001-031-0
Preis: EUR 14,90