Was kann der Sozialstaat für die Krise? Und warum sollen jene „den Gürtel enger schnallen“, die gar nie in der Position waren, Einfluss auf das Wirtschaftssystem und die Wirtschaftspolitik zu nehmen? In „Zahlen Bitte!“ (2011, Deuticke) erzählt der Ökonom Markus Marterbauer eine andere Geschichte als die bekannte Idee „wir hätten über unseren Verhältnissen gelebt“ und müssten nun vor allem den Sozialstaat reduzieren.

Zahlen Bitte! Die Kosten der Krise tragen wir alle

Markus Marterbauer leitet seit 2011 die Abteilung Wirtschaftswissenschaft und Statistik der Arbeiterkammer Wien. 1965 in Schweden geboren, war er nach seinem Studium der Volkswirtschaft (Dr. rer. soc. oec. 2001) Assistent am Institut für Volkswirtschaftstheorie und –politik an der Wirtschaftsuniversität Wien. Bis 2011 arbeitete er als Verantwortlicher für Konjunkturprognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO). Marterbauer ist Lehrbeauftragter an mehreren Universitäten und Kolumnist der Wiener Stadtzeitung Falter.

Marterbauer möchte mit „Zahlen Bitte!“ wirtschaftspolitisch interessierten Laien jene Argumente in die Hände geben, mit denen es gelingen kann, „in den Debatten der nächsten Jahre die großen vorhandenen Gestaltungsspielräume der Politik aufzuzeigen und diese auch zu nutzen.“ (S. 15). Das Programm des Buches ist klar. Schon das zweite Kapitel trägt die Überschrift „Liberalisierung und Ungleichheit: Verursacher der Finanzkrise“. Darin analysiert er die Vorgeschichte und die Ursachen der Krise, etwa dass die Zunahme der Ungleichheit in der Verteilung der Einkommen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage in allen Ländern geschwächt habe. Dabei kann er sich durchaus auf Meinungen von Leuten stützen, die „linker Träumerei“ unverdächtig sind, etwa Ökonomen von Weltbank und Internationalem Währungsfonds.

Nach den Ursachen werden die anhaltenden Folgen der Krise analysiert. Marterbauer fasst zusammen:

Die von Banken und Finanzmärkten ausgelöste Krise hinterlässt nachhaltige soziale und wirtschaftliche Probleme. Sie bestehen in einer markanten Ausweitung der Staatsverschuldung, hoher Arbeitslosigkeit, besonders unter Jugendlichen, und einer eklatanten Verschärfung der Ungleichheit in der Verteilung des Wohlstands. (S. 48)

Und was lernen wir daraus?
Der weitaus größere Teil des Buches ist aber der Zukunft gewidmet, den „Lehren aus der Krise“, wie Kapitel 3 heißt. Kurz gesagt wird hier dargelegt wieso der Sozialstaat nicht nur nicht das Problem, sondern vielmehr essentieller Teil der Lösung ist. Wieso es nicht weniger Staat braucht, sondern mehr (aber anders) und wieso die Keynesianer unter den Ökonomen so Unrecht nicht hatten.

Auch die nach wie vor aktuelle Staatsschuldenkrise wird thematisiert und es werden Auswege angedacht, die inzwischen (teilweise) Eingang in die Realpolitik gefunden haben. Hier, wie an vielen Stellen des Buches, analysiert Marterbauer auch die österreichische Situation. Im konkreten Fall schildert er, warum in Österreich keine „griechischen Verhältnisse“ herrschen und auch nicht drohen. Hier wie da verknüpft er die „große“ Wirtschaftspolitik anschaulich und nachvollziehbar mit der Situation in Österreich, so dass man nach der Lektüre des Buches im Großen wie im Kleinen besser Bescheid weiß.

Marterbauer ist sicher, dass der europäische Sozialstaat in der Finanzkrise 2008/2009 wesentlich dazu beigetragen hat, das Abgleiten in eine Depression im Ausmaß der 1930er Jahre zu verhindern. Dennoch ist der Sozialstaat infolge der Krise unter Druck gekommen, sowohl ideologisch als auch faktisch (die Kosten der Krise zu tragen). Marterbauer fordert mit dem verstorbenen Historiker Tony Judt eine offensive Antwort darauf, nämlich den Ausbau des Sozialstaats, vor allem in den Bereich Kinderbetreuung und Pflege.

In dieser Diskussion darf, gerade in Österreich, natürlich das Thema Vermögenssteuern nicht fehlen. Marterbauer behandelt es im Buch ausführlich, sowohl analytisch, als auch als Forderung wenn es darum geht wer die Kosten der Krise tragen soll (mehr dazu im Interview mit FM4).

Fazit
Marterbauer stellt dies alles wesentlich ausführlicher und faktenuntermauerter dar, als es hier nachzuerzählen möglich ist. Die Informationsfülle hat natürlich ihren Preis. Wenn man versucht auf knapp 250 Seiten das Weltwirtschaftssystem zu analysieren, seine Geschichte der letzten Jahre nachzuerzählen, einen Ausblick zu wagen und das alles dann auch immer auf Österreich herunterzubrechen, dann wird die Informationsfülle dicht.

Der Einwand, er würde in „Zahlen Bitte!“ nichts neues sagen, greift nicht. Weder hat er an irgendeiner Stelle behauptet neue Erkenntnisse zu präsentieren, noch geht es überhaupt darum. In der Einleitung hat Markus Marterbauer klargestellt worum es ihm geht – ökonomisches Wissen für Laien aufzubereiten um ihnen ein Mitgestalten der Wirtschaftspolitik zu ermöglichen. Das gelingt ihm hervorragend.

Markus Marterbauer - Zahlen Bitte!Markus Marterbauer
Zahlen bitte!
Die Kosten der Krise tragen wir alle
Flexibler Einband, 256 Seiten
Mit Abbildungen
Preis: 17.90 € (D) / 25.90 sFR (CH) / 18.40 € (A)
ISBN 978-3-552-06173-6
Deuticke

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Jahrgang 1986, lebt in Graz, bloggt und twittert politisch und schreibt auch sonst gerne.