Sehr erfrischend lesen sich die Ideen, Vorschläge und Forderungen im Buch „Wege der Hoffnung“ [1], das eine Mischung aus Hessels Streitschrift „Empört Euch!„(2010) und Morins Werk „Der Weg“ (2011) ist.

Auf der anderen Seite beschreiben Stéphane Hessel und Edgar Molin auf den ersten Seiten ziemlich düsterdie momentane soziale, wirtschaftliche und politische Situation in unseren Regionen: Der Wirtschaftsliberalismus, so Hessel, verstand sich als Nachfolger der Ideologien, nun erweise er sich selber als Ideologie, noch dazu als eine vor dem Bankrott [2].

„Die gesamte Menschheit, kaum ist sie den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts entronnen, hat es jetzt mit der Hydra des Finanzkapitalismus und zugleich mit allen möglichen ethischen, nationalistischen und religiösen Fundamentamentalismen zu tun.“ [3]

Hessel sieht wachsende Ungleichheit, zynische Korruption, grassierende Arbeitslosigkeit [4] und Empörungen sowie Globalisierung als Chance für einen Neubeginn. Und Globalisierung als dem Besten und Schlechtesten, was der Menschheit widerfahren konnte [5]: Dem Fetisch Wachstum abschwören, Schrumpfen von bestehenden Industrien, von Konsumindustrie, die keine Rücksicht mehr auf unsere Gesundheit nimmt, von Überfluss und Oberflächlichkeit, von der Praxis der Verschwendung, Profitgier, Konkurrenzdruck, Überbürokratisierung, Manipulation der Verbraucher, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit [6] hin zu Zusammenhalt, Handlungsfähigkeit und politischen Willen, gemeinsamer Politik [7].

Hin zu einer neuen Renaissance für Europa, bei der die Verwestlichung in ihrer jetzigen Form einer Politik der Menschlichkeit Platz machen muss [8]. In Richtung „Neuer Politik“, zur Erneuerung unserer Gesellschaft [9] aus den vier geistigen Quellen der Linken: der freiheitlichen, der sozialistischen, der kommunistischen und der ökologischen [10].

„Die Menschen, ihrer Hoffnung auf eine bessere Zukunft in den Gewissheiten der Vergangenheit, laufen einem Zerrbild nationaler Identitäten nach, machen den Fremden, den Zuwandererm der ihnen dann als feindlicher Eindringling erscheint, zum Sündenbock.“ [11]

Hessel und Morin setzen sich im Buch sehr eindrucksvoll und sehr begeisternd für Forderungen in unterschiedlichen sozialen, wirtschaftlichen, bildungspolitischen und politischen Bereichen ein: Einer Politik des Wohlergehens, die unsere Gesellschaft und unsere Art zu leben von Grund auf erneuert. Einer Politik, die Solidarität fördert, den Egoismus in die Schranken weist, Mitmenschlichkeit und Weltverbundenheit bildet oder kulturellen Reichtum nicht als Luxus für wenige, sondern als Recht für alle sieht. Realisiert werden sollen die neuen Ansätze mit Hilfe einer neu strukturierten Wirtschafts- und Sozialpolitik, einer Arbeits- und Beschäftigungspolitik. Eine erfolgreiche Politik des Wohlergehens setzt voraus, dass der Finanzkapitalismus gebändigt wird und die barbarischen Phantasien einer ethnisch reinen Nation aus den Köpfen verschwindet [12]. Wohlergehen setze voraus, dass der Einzelne sich in der Gemeinschaft entfalten kann [13].

Sei es die Neubelebung der Solidarität [14] der einer moralischen Erneuerung oder der Stärkung ethischer Werte durch einen ’staatlichen Rat für Ethik‘ [15]. Das Buch tritt für Gerechtigkeit, soziale Sicherheit und Solidarität in einer pluralistischen Wirtschaft ein [16]. Im Bereich Arbeit und Arbeitsmarkt ruft Hessel nach Reformen, die zu einer authentisch menschlichen Rationalität zurückfinden, Raum für Initiative und Kreativität entstehen lassen und nach Arbeitszeiten, die danach gestaffelt wären, wie interessant, ermüdend oder gefährlich die Arbeit ist [17].

Die Wirtschaft solle gerechter, „grüne Wirtschaft“ gefördert werden, Umweltbewußtsein muss jede Politik kennzeichnen, Finanzspekulation soll gestoppt werden, Konkurrenzdruck unter Beibehaltung des Wettbewerbs oder die Umverteilung von Subventionen und sieht in einem Sozialinvestitionsstaat immense staatliche Investitionen im Sozialbereich [18]. Zur Beseitigung von Ungleichheiten, Armut und Elend schlagen die Autoren drei Ständige Räte vor: Ein ständiger Rat für Einkommensausgleich, sozialen Ausgleich sowie soziale und humanitäre Besserstellung [19].

Den größten Teil widmen die Autoren dem Thema Bildung: „Nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch zu lehren, was Wissen ist“, analysieren das Schulsystem und fordern eine Reform des Denkens und die Öffnung in komplexere Themenbereiche wie Gesundheit, Alter oder Energie mit Transdisziplinarität zu ergänzen [20]: Jeder Mensch hat das Bedürfnis, zu erkennen, wo er in der Welt, im Leben, in der Gesellschaft und in der Geschichte steht, um etwas über das Wesen des Menschens zu erfahren.

Leben wollen fördert Wohlergehen, und umgekehrt. Beides zusammen öffnet uns Wege der Hoffnung [21].

Stéphane Hessel, Edgar Morin
„Wege der Hoffnung“

Ullstein Verlag 2012
70 Seiten
ISBN 978-3-550-08006-7
10,30 Euro

[1] Hessel, Stéphane/Moring, Edgar: Wege der Hoffnung. Ullstein (Frankreich 2012). ISBN 978-3-550-08006-7.
[2] a. a. O., Seite 10
[3] a. a. O., Seite 7
[4] a. a. O., Seite 15
[5] a. a. O., Seite 11
[6] a. a. O., Seite 21-22
[7] a. a. O., Seite 13
[8] a. a. O., Seite 14
[9] a. a. O., Seite 17
[10] a. a. O., Seite 68
[11] a. a. O., Seite 23
[12] a. a. O., Seite 63
[13] a. a. O., Seite 27
[14] a. a. O., Seite 31
[15] a. a. O., Seite 36
[16] a. a. O., Seite 40
[17] a. a. O., Seite 38
[18] a. a. O., Seite 41-45
[19] a. a. O., Seite 48-49
[20] a. a. O., Seite 50-57
[21] a. a. O., Seite 67