Was ist Anonymous?„, fragen sich die Autoren Ole Reissmann, Christian Stöcker und Konrad Lischka und finden einige Antworten darauf auf gut 250 Seiten im Buch „We are Anonymous“: Die Maske des Protests. Dabei rollen sie die Geschichte von Anonymous chronologisch auf, beleuchten die Entstehung vom Portal 4chan und versuchen ausgezeichnet zu beschreiben, wer sie sind und welche soziologischen Merkmale diese Bewegung trägt: Masken, Zeichen, Manifeste, Hacker oder Trolle. Die Autoren beschreiben was sie antreibt und was sie wollen. Von ihrem ersten Projekt „Chanology“, bei der Scientology-Server angegriffen wurden hin zu „Operation Iran“ oder der vermeintlichen Todesmeldung von Steve Jobs, die Apples Aktienkurse zum Einstürzen brachten. Ausgehend von Urheberrechtsdiskussionen im Internet wurde das Projekt „Operation Payback“ gestartet, sich zu „Operation Avange Assange“ weiterentwickelte und bei der Server von PayPal, Visa, Mastercard oder Amazon angegriffen wurden.

Das Buch versucht das Netzwerk, Ziele und Methoden rund um Anonymous an Hand verschiedenster Beispiele zu beschreiben: Seien es Aktionen in Ägypten, Lybien, Tunesien, mit „The Pirate Bay“, Scientology, im Iran, in Moskau, in Slowenien, Kanada, Spanien, den USA oder in Österreich – überall. Es geht um die Idee von Anonymous als globale Protest-Marke, die sich jeder überstreifen kann, der irgendwo gegen Ungerechtigkeit, Unterdrückung oder Korruption kämpft und sich mit Hilfe Socialer Netzwerke organisieren kann.

„Nun beginnt eine neue Phase des Internets. Denn, die Neuen halten sich nicht an die alten Regeln. Das sind meist junge Menschen, die sich politisch engagieren wollen, keine Lust haben, auf Demonstrationen zu gehen, nach der nichts passiert und über die nicht einmal berichtet wird“, wird Sandro Gaycken (Sicherheitspolitikforscher im Internet) letztlich zitiert. Vielleicht, so die Autoren, verschwindet in nächster Zeit die Maske, die zu aufgeladen ist und der zu viel Bedeutung gegeben wird. Was bleiben wird, ist der unbedingte Kampf für Netzfreiheit, Hacker-Ethik und bei dem die Kerngedanken von Anonymous und WikiLeaks verschmelzen.

Das Buch rollt die letzten gut zehn Jahre im Bereich Sozialer Bewegungen chronologisch auf und gibt Einblicke in Entstehung und Weiterentwicklung der Anonymous-Protestbewegung: Von 4chan zu Anonymous, zu unterschiedlichen Anonymous-Gruppen, zu Verknüpfungen mit WikiLeaks, Piratenpartei und letztlich zu Occupy- und Zeitgeist-Bewegungen. Mein Prädikat: Empfehlenswert.

Ole Reissmann, christian Stöcker, Konrad Lischka
„We are Anonymous. Die Maske des Protests. Wer sie sind, was sie antreibt, was sie wollen“

Goldmann Verlag 2012
ISBN 978-3-442-10240-2
EUR 9,30
Goldmann Verlag

Ursuppe 4chan. Anonymous lernt sich kennen

4chan ist die Quelle von Anonymous, die im täglichen anarchischen Chaos von Christpher Poole 2003, basierend aus der Idee von 2chan, einem japanischen Image-Board und Webforum, entstanden ist. Es ist eine „Brutstätte für ansteckende Ideen“ wie Lolcats, Lulz, Caturday, Rickrolling und ihren Begrifflichkeiten Newfags, Niggerfaggot, Femanons und ihren Rules of the Internet. Es wird dabei oft der Begriff „Mem“ verwendet: Mem ist lt. Dawkins ein Gedanke, ein Konzept, eine Theorie, die sich von Kopf zu Kopf verbreitet. Je haftender, je widerstandsfähiger und je fortpflanzungsfähiger sie ist, desto größer ist ihre Überlebenschance. Und die Überlebenschance ist groß, wenn anonym Ideen, Bilder, Videos und Witze – teilweise auch rassistisch und sexistisch – verbreitet werden können und im Schutze der Anonymität traditionelle Rollen gebrochen werden können:

„Die Freiheit im Internet ist letzlich das Wichtigste“

Am 23. August 2008 wurden letztlich durch zuviele illegale Inhalte auf 4chan erstmals Regeln aufgestellt: Wer Illegales postete, wurde nun verbannt. Daraufhin wurd der /b/day ausgerufen: Zensur und Unterdrückung wollten sich viele /b/tards nicht gefallen lassen und sagten sich von 4chan los.

Wir sind Anonymous. Wir sind /b/. Unser Zuhause ist nicht mehr 4chan. In diesen unsicheren Zeiten haben wir den Staat 7chan.org als unsere neue Nation im weltweiten Internet gegründet.

Projekt Chanology

Aus den anonymen Schreibern in 4chan wurde somit Anonymous: Die Fortsetzung der Chan-Kultur mit anderen Mitteln und dem integralen Bestandteil, dass das Internet frei sein müsse, frei von der Gängelung durch Aufsicht und Kontrolle.

Mit „Chanology“ wird die bisher größte Aktion von Anonymous beschrieben: Basieren auf den Ereignissen rund um ein Video von Tom Cruise in Bezug auf Scientology wurde „zum digitalen Angriff auf Scientology gerufen“ und mit Hilfe von Wikis („Partyvan“), Chaträumen, 711chan und dem Unterforum /i/ („Invasion“), die zur Kommunikation dienten, wurde schließlich am 17. August 2008 die Website von Scientology angegriffen („Hacktivismus“). Weiters wurden schwarze Faxe an die Organisation versendet und die Hotlines der Sekte durch Massenanrufe lahmgelegt. Spendenaufrufe folgen, Proteste starteten und viele Demonstranten schlossen sich dem Protesten auf den Straßen an. Auf Fotos sind Anonymous-Aktivisten im schwarzen Anzug zu sehen, manche tragen Guy-Fawkes-Masken, einige sind mit großen Afroperücken erkennbar.

Unterstützung erhielt „Chanology“ von WikiLeaks, die im März 2008 ein Dokument veröffentlich, das Scientologys-Methoden beschreibt. Diese 17 MB große Datei war offenbar die erste gesammelte Online-Veröffentlichung, die nicht auf den Druck der Scientology-Anwälte wieder verschwand, sondern bis heute als Torrent-Datei abrufbar ist.

Mit der „Operation Iran“ wollte Anonymous der iranischen Opposition helfen, sich im Internet sicher zu bewegen kann. Sie verbreiteten Anleitungen, wie man die Internet-Zensur im Iran umgehen, sich bei Massenprotesten vor Sicherheitskräften schützen kann oder setzten Regierungsseiten mit DDoS-Angriffen lahm.

Zur Tat schritten Anonymous auch „wie gewohnt mit dem Holzhammer“ beim Angriff der Website des australischen Premiers und forderten, beschlossene ACMA-Internetsperren abzuschalten und die Entlasung des dafür zuständigen Ministers.

Kritisch beleuchtet wird im Buch jener Bereich, der Anonymous zusammenhält: Masken und Manifeste. Neben der Maske gibt es auch nach innen gerichtete Symbole, die das Kollektiv zusammenhalten. Darunter fallen auch Beschwörungsformeln, das Kollektiv beschwört sich selbst und das Ich tritt in den Hintergrund. Aktivisten sammeln sich in Foren und Chats, organisieren sich und kommunizieren über Sociale Netzwerke, bedienen sich DDos-Attacken und wenn die Sache wichtig genug ist, so die Autoren, werden die Masken aufgesetzt. Das Kollektiv hat seine eigene Flagge (grün, zwei dünne schwarze Streifen oben und unten, in der Mitte die Silhouette des Mannes im Anzug ohne Kopf in einem weißen Kreis). Vielleicht, so die Autoren, verschwindet in nächster Zeit die Maske, die emotional mittlweile zu aufgeladen ist und der zu viel Bedeutung gegeben wird. Was bleiben wird, ist der unbedingte Kampf für Netzfreiheit, Hacker-Ethik und bei dem die Kerngedanken von Anonymous und WikiLeaks verschmelzen.

„Wir sind Anonymous. Wir sind Legionen. Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht.“

Operation Payback

Aus „Operation Payback“ wurde „Operation Avange Assange“ und zu einer Aktion gegen jene Unternehmen, die WikiLeaks die Zusammenarbeit aufgekündigt und Konten eingefroren haben. Es war die zweite große Aktion bisher von Anonymous. Das Buch beschreibt, wie mit der „Operation Payback“, die auf Grund der Urheberrechtsdiskussionen und Verhaftung zweier Anons im Zuge der Scientology-Webangriffe startete, die Organisationen PayPal, Mastercard, Visa oder Amazon aber auch die schwedische Staatsanwaltschaft angegriffen wurden. Der Nachrichtensender CBS meldete daraufhin den Ausbruch eines „Internet-Krieges“ bei dem die Loic-Software, die bei Webangriffen verwendet wird, mehr als 60.000 mal heruntergeladen wurde. „Ein Rekord„, so Anonymous und gehen dabei einen Schritt weiter, in dem sie nicht nur die Website lahmlegen, sondern auch Nutzerdatenbanken hacken und Namen sowie Passwörter veröffentlichen, was sie in den Bereich der Internet-Kriminalität bringe, so die Autoren. PayPal schaltete das FBI ein, die den Angriff nachvollzog und daraufhin 40 Durchsuchungsbefehle ausgab.

„Ihr könnt Einzelne festnehmen, aber nicht eine Idee“

Anonymous

Leseprobe

Quelle: randomhouse.de

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Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen, sieben Jahre selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Journalismus und Medien Strategien, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.