Die „Occupied Times of London“ versteht sich als unabhängige Zeitung und berichtet von Occupy London und der globalen Bewegung. Sie wird in den Protestcamps St. Pauls und Finsbury Square und auf non-profit-Basis produziert und kostenlos verteilt. Als Online-Version ist sie zudem im Internet abrufbar.

Auch nach der Räumung des St. Pauls-Camps in der Nacht zum 28.2.2012 will man mit der Publikation auf jeden Fall weitermachen. Neuwal sprach mit Steve Maclan und Tzortzis Rallis, Redakteur und Designer der Occupied Times, über die Schwierigkeiten der Produktion einer Zeitung für ein Protestcamp und warum Menschen überhaupt bei Occupy mitmachen.*)

„Manchmal wachst du auf und möchtest lieber sterben – und dann musst du eine Zeitung machen.“

Die erste Ausgabe der Occupied Times wurde am 26. Oktober 2011 produziert und umfasste zwölf Seiten (die Rückseite der Zeitung konnte als Protestbanner verwendet werden). Momentan erscheint die Zeitung zweiwöchentlich – ein Team von freiwilligen JournalistInnen, PhotojournalistInnen, DesignerInnen und CartoonistInnen kümmert sich um einen möglichst reibungslosen Ablauf – sofern man dies aufgrund der etwas unsteten Produktionsumsstände behaupten kann. Darüber hinaus versucht man Artikel und Interviews von bekannten Personen sowie politischen KommentatorInnen einzufangen (Nawal El Saadawi, Mark Serwotka, Max Keiser, Richard Murphy, Amanda Palmer, Herman Daly, Tim Jackson). Die meisten der Beteiligten gehen klassischen Vollzeitjobs nach – für die Produktion bleiben deshalb die Abende und Wochenenden. Außerdem greift man auf die Unterstützung von AktivistInnen in den Camps zurück – z.B. beim händischen Falten der 2000 Printexemplare.

Neuwal (Judith Schossböck): Wie habt ihr mit der Publikation begonnen?

Steve Maclean: Die Occupied Times of London wurde auf einer Generalversammlung von Occupy London ins Leben gerufen. Man war sich darüber einig, dass es eine unabhängige Nachrichtenquelle für die Bewegung braucht, eine Gruppe junger AktivistInnen schloss sich zusammen, und die erste Ausgabe wurde innerhalb weniger Tage publiziert.

Was ist euer journalistischer Anspruch?

Steve Maclean: Inhaltlich möchten wir nicht nur Nachrichten über das Camp oder die Bewegung liefern, das wäre zu eingeschränkt. Wir haben uns den Themen verschrieben, die Occupy bekannt gemacht haben, weshalb ökonomischen Fragen und Alternativen viel Platz eingeräumt wird. Der gemeinsame Nenner ist die Überzeugung, dass momentan einiges falsch läuft und sich radikal ändern muss.

Wie reflektiert sich das im Design der Zeitung?

Steve Maclean: Die Designer Tzortzis und Lazaros (Kakoulidis) sind sehr politisch orientiert – sie sind ja Griechen (lacht) – und ich denke, es gibt heutzutage keine/n Griechen/in, der/die nicht politisch ist. Als sie mich gefragt haben, ob das Design genauso radikal wie unsere Ideen sein sollte, habe ich gesagt: „Na klar!“.

Tzortzis Rallis: Wer sich für Politik interessiert ist ohnehin dabei, also wollten wir auch Leute ansprechen, die sich für Design oder Kunst interessieren und etwas abseits der Mainstream-Medien suchen.

Welche Ideen stecken konkret hinter dem Design?

Tzortzis Rallis: Wir verwenden eine Schriftart namens “Bastard”, die von Jonathan Barnbrook entworfen wurde. Sie erinnert an die Schriftarten, die von Banken und Unternehmen während der NS-Zeit verwendet wurden. Jonathan wollte ein Design verwenden, das von keinem Unternehmen für Werbezwecke verwendet werden würde – ein sehr spielerischer Zugang. Wir nehmen also etwas aus der Vergangenheit und machen etwas Besseres daraus. In ähnlicher Weise wollen wir nicht zurück zum Kommunismus, sondern Alternativen schaffen.

Welche Schwierigkeiten ergaben sich bei der Produktion der Zeitschrift?

Steve Maclean: Die größte Herausforderung bestand darin, jeden Tag ganztägig zu arbeiten – und das, während du in einem Zelt lebst. Das bedeutet du bekommst wenig Schlaf, dir ist kalt, und du riechst auch nicht besonders gut. Manchmal wachst du auf und möchtest lieber sterben (lacht) – und dann musst du eine Zeitung machen. Darüber hinaus haben wir manchmal praktisch kein Budget übrig. Aber ich beschwere mich nicht – es ist vielleicht das Beste, was ich jemals gemacht habe.

Was waren die Highlights?

Steve Maclean: Es ist ein großartiges Gefühl, wenn die Zeitschrift aus dem Druck kommt und man die Leute beim Lesen beobachtet. Und wenn dir Leute, die du dich kaum um einen Beitrag zu fragen getraut hast, dann antworten, sie würden sich sehr geehrt fühlen. Wir haben mittlerweile einige der besten politischen Nachwuchsjournalisten (wie David Wearing, Owen Jones) oder bekannte Leute wie Joseph Stiglitz publiziert. Einige der besten Geschichten stammen aber von Leuten aus dem Camp, oder Unbekannten die uns einfach angeschrieben haben. Diese Dualität ist besonders reizvoll.

Seid ihr auch mit Kritik konfrontiert?

Steve Maclean: Viele meinen „Es ist ja gut und schön, dass ihr aufzeigt, dass etwas falsch läuft, aber ihr bietet keine Lösungen.“ Das ist etwas schlecht durchdacht, weil der erste Schritt auf dem Weg zur Lösung eines Problems ja darin besteht, überhaupt zu akzeptieren, dass es ein Problem gibt. Würden wir in einer Gesellschaft leben, in der jedeR akzeptiert hätte, dass ein bestimmtes Problem besteht, dann wäre es vielleicht Zeitverschwendung, darüber zu schreiben. Aber das ist ja alles andere als der Fall. Außerdem stimmt es nicht, dass niemand Lösungen aufzeigen würde: Wer sich einige unserer Artikel durchliest, wird feststellen, dass sich hier eine ganze Menge an neuen Ideen finden.

Warum machen momentan so viele Jugendliche bei Occupy mit?

Steve Maclean: Occupy ist keine Jugendbewegung, aber für viele Jugendliche ist die Bewegung eher ein Ruf als eine Wahl. Das beginnt beim Studium, wenn Studierende nicht wissen, wie sie die hohen Schulden bezahlen sollen und gleichzeitig bereits mit den schlechten Chancen einer Anstellung nach dem Abschluss konfrontiert werden. Wir erfinden gerade eine neue Form der Gesellschaft, mit neuen Ideen und Werten. Das wäre nicht der Fall, wenn es keine breite Wahrnehmung darüber gebe, dass diese drastische Veränderung eine Notwendigkeit geworden ist. Ein Beispiel ist die höchste Rate an Jugendarbeitslosigkeit, die dieses Land seit 17 Jahren gesehen hat. Früher ist man in einen ungeschriebenen sozialen Vertrag eingestiegen, der besagte: „Wenn du hart arbeitest und beweisen kannst, dass du gut und intelligent bist, dann werden sich dir Möglichkeiten bieten.“ Heute läuft es mehr nach dem Motto: „Da hast du £9,000 Schulden, arbeitest hart wenn du möchtest, aber du wirst vielleicht letztlich gar keinen Job bekommen.“ Es ist kein Wunder, dass so viele junge Menschen protestieren und weltweit bei Occupy mitmachen. Für soziale Bewegungen sind junge Menschen auch wichtig, weil diese noch nicht darauf konditioniert sind, dass die Dinge eben sind, wie sie sind. Sie haben noch den Mut und die Vorstellungskraft, an eine andere Welt zu glauben. Bei Occupy geht es auch darum, an diese junge Denkweise anzuknüpfen und Ungerechtigkeiten aufzuzeigen.

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Links

„When the judge was being handed copies of the Daily Mail and the Occupied Times he actually said, casually, “Oh, I’d prefer to read the Occupied Times than the Daily Mail,” which was a very nice moment. It caused a lot of tweeting.“ ( John Cooper, Legal Advisor To Occupy London)

*) Das Interview und die Fragen basieren auf Interviews, die die Beteiligten der Occupied Times gegeben haben, beispielsweise für Dazed and Confused bzw. eines weiteren Interviews mit Redakteur und Designer, in der englischen Variante hier zu finden.