Der linke Politik-Shooting-Star gilt als Anti-Berlusconi: Volksnah, modern, vernetzt und offen für frische Ideen sagt er den Lastern seines Landes auf unkonventionelle Art den Kampf an. Mit einer graswurzelartigen Organisationsstruktur will Vendola Italien eine Frischzellenkur verpassen. Das beste daran: die Wähler folgen ihm!

Nichi (eigentlich Nicola) Vendola ist eine Ausnahmeerscheinung in der politischen Landschaft Italiens. Der Journalist, Philosoph und Politiker brachte es – trotz seiner früh und offen bekannte Homosexualität – im extrem traditionellen und katholisch dominierten Süden zu großer Popularität zum Mitte-Links-Präsidenten der Region Apulien.

Sein Zugang zur Politik ist ungewöhnlich: Statt nach dem Top-Down-Prinzip setzt er auf ein Netzwerk regionaler Initiativen, die „Fabbriche di Nichi“ genannten Werkstätten erarbeiten und in die gesellschaftliche Realität umsetzen. Vendola will eine „postideologische, pluralistische, populäre Linke, die sich vor allem auf das Neue, auf die Jungen und ihre Sprache einlässt“, wie er in der „taz“ sagte.

Vor einiger Zeit hat der „Italienische Obama“, den etwa die Washingten Post auf dem Weg zum neuen Premierminister wähnt, ein politisches Manifest herausgebracht, das den programmatischen Titel „Es gibt ein besseres Italien“ trägt. Das Buch ist – wie die politische Bewegung – ebenfalls gemeinschaftlich erarbeitet worden, was man ihm auch anmerkt. Gleichberechtigung auf allen Ebenen statt des noch immer allgegenwärtigen Machismo!

Auch wenn das eine oder andere Kapitel allzu pathetisch aufgeladen wirkt, sind es in Summe gerade die konkreten Ansätze und kleinen Schritte, die Mut machen und die in Italien gängige Resignation durchbrechen sollen. Vendola weiß bei vielen Dingen genau, wovon er spricht – so war er etwa auch Vorsitzender der parlamentarischen Anti-Mafia-Kommission.

Das Land zu modernisieren, aus dem Würgegriff der organisierten Kriminalität Stück für Stück zu befreien – hierfür gibt es schon erfolgreiche Beispiele – und ihm wieder eine Zukunft zu geben, statt Bildung als für Italien unleistbar hinzustellen, wie dies Spar-Premier Monti neulich tat, das sind die großen Anliegen.

Faire Asylregelungen, besser funktionierende Städte, grüne Technologien – vor allem zur Energiegewinnung, all diese Themen werden in den „Denkfabriken“ behandelt. und vor allem die Ausrichtung auf eine positive Zukunft lassen Italien in einem ganz anderen Licht erscheinen, als es aktuelle Medienberichte vom korrupten Pleitestaat, der nicht einmal seinen Müll entsorgen kann und in zwei Hälften zu zerbrechen droht.

Die Bewegung geht über Italien hinaus: Frabbrice di Nichi sind bereits in vielen Städten auf der ganzen Welt entstanden. Um besser zu verstehen, was dort genau passiert und wie es mit dieser Bewegung weitergehen kann, plant neuwal ein Gespräch mit dem österreichischen Werkstättenleiter Gerhart „Ghino“ Ginner.

Nichi Vendola
„Es gibt ein besseres Italien. Manifest für eine neue Politik“

Kunstmann Verlag 2011
ISBN 978-3-88897-730-5
EUR 16,90
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