Nach unserer kurzen Vorstellung der sozialen Bewegung frühling2012 haben wir nun noch einmal nachgefragt. Gerda Haunschmid, im Netz bekannter unter dem Namen tschörda, hat uns erklärt, was es mit dem Linzer Frühling auf sich hat.

Gerda Haunschmid, vulgo tschörda, ist als kulturwissenschaftliche Forscherin in Linz, im Internet und auch sonst überall tätig. Sie ist Gründungsmitglied und seit 11 Jahren im Vorstand von BACKLAB, sehr umtriebig und gut vernetzt in der Linzer Szene.

Als Visualistin gab sie als eine der ersten weiblichen Clubvideokünstlerinnen jahrelang vor allem künstlerische Impulse aus dem Bereich der Medien- und Videokunst. In letzter Zeit setzt sich sich, nicht zuletzt durch Ihr Studium an der Kunstuniversität Linz, eingehend mit kulturtheoretischen Fragen auseinander. Sie stellt sich nicht nur den großen Fragen des Lebens, sie missioniert und informiert auch sehr gerne im Kleinen.

neuwal: Kannst du kurz erklären: Was ist frühling2012? Was will man damit erreichen? Was ist die Grundidee hinter der Initiative?

Gerda: frühling2012 ist in erster Linie eine Vernetzungsplattform, die Potentiale und Ziele bündeln möchte. Im Prinzip geht es uns darum, dass wir nicht eine Horde Mutbürger oder Wutbürger sind, sondern: wir wollen uns vernetzen, wir wollen die Möglichkeit bieten, wirklich aktiv zu werden und nicht nur zu schreien „Mir passt irgendwas nicht!“

neuwal: Was heißt denn „aktiv werden“?

Gerda: Aktiv werden heißt: Wir, als frühling2012, möchten andere Organisationen, Initiativen, NGOs oder Plattformen sichtbar machen um Menschen, die nicht genau wissen, wo sie mit ihrer ganzen Wut und ihrem ganzen Mut hin sollen, zu zeigen, wo sie sich wirklich engagieren können. Wir möchten Menschen informieren, was für Möglichkeiten bestehen, wirklich als Zivilgesellschaft die Initiative zu ergreifen und wir wollen sozusagen das Netzwerk, die Grundstruktur anbieten. Nutzen muss es dann ein jeder, eine jede selbst.

neuwal: frühling2012 ist aktuell noch auf Linz beschränkt?

Gerda: Im Moment schon, ja.

Ist es vorstellbar, es auch österreichweit voranzutreiben?

Gerda: Womöglich greift das über auf andere Landeshauptstädte und Städte, womöglich. Im Moment ist es zum Beispiel so, dass die Tabakfabrik (nicht trafik!) an uns herangetreten ist und uns im Rahmen von Coworking Space Räumlichkeiten zur Verfügung stellen möchte, die wir mit anderen Initiativen nutzen können. Es gibt dort diese ehemalige Kantine im fünften Stock, die mittlerweile saniert worden ist und auch ausgestattet ist mit Infrastruktur. Diese Angebote schätzen wir sehr, es tun sich damit für uns in Linz grandiose Möglichkeiten auf! Es ist also, wie gesagt, im Moment sehr auf Linz zentriert.

Nutzen muss es dann ein jeder, eine jede selbst.

neuwal: Welche Initiativen habt ihr momentan dabei?

Gerda: Es stehen weniger die Initiativen im Vordergrund, sondern die Leute, die halt auch bei Organisationen tätig sind – zum Beispiel bei Südwind, attac, „wir gemeinsam“, Social Impact und so weiter.

Wie kann man sich das Grundteam von frühling2012 vorstellen?

Gerda: Es gibt bei unseren Vernetzungstreffen mittlerweile 30 Leute, die da sind. Und fünfzehn haben sich als Kernteam gebildet. Und es geht ja auch darum, dass wir die Strukturen noch schaffen müssen, für uns als Gruppe. Und diese zehn, fünfzehn Leute versuchen das eben im Moment. Sei es, die Vision zu finden, damit wir auch mit etwas nach außen gehen können. Weil mittlerweile kommen Leute auf uns zu und fragen uns: Wo ist denn der Frühling? Und so genau wissen wir das eigentlich selber noch nicht. Also natürlich haben wir eine Idee und ein Konzept … das gehört aber noch ausformuliert, es gehört ein ordentlicher Außenauftritt geschaffen.

Was ist die Idee davon? Was wollt ihr damit verändern? Was wollt ihr damit bewegen?

Gerda: Wir wollen den Menschen, die bisher vielleicht sogar aufstehen, und sich beklagen und beschweren, die Möglichkeit bieten, wirklich aktiv zu werden. Wir möchten Chancen aufzeigen, und möchten Kräfte bündeln.

Wer wählt die Kooperationspartner aus? Nach welchen Kriterien wird das ausgewählt?

Gerda: Im Moment ist es so, dass viel auf Mundpropaganda passiert und dann bei den Vernetzungstreffen Leute aus neuen NGOs oder so anwesend sind. Im großen Plenum in unserem zweiwöchigen Vernetzungstreffen werden neue Initiativen vorgestellt und werden dann auch eingebunden. Doch wir versuchen im Moment uns auch noch abzugrenzen … uns erst einmal selbst zu definieren – was noch schwierig ist.

Was ist denn die Wunschvorstellung für ein Projekt, für eine gelungene Kooperation?

Gerda: Es gibt Initiativen, wie z.B. einen „Kost-Nix-Laden“, oder einen „Kost-Nix-Markt“ in Linz zu etablieren. Das gibt es bisher hier nicht. Es gibt aber viele Leute, die sich dafür interessieren, und die auch aktiv was machen wollen. Da haben sich schon einige Leute zusammengebündelt. Genauso gibt es den Wunsch nach Stadtgärten, und die Möglichkeit sich selbst agrartechnisch ein bisschen einzubringen. Dass man „ein bisserl einen Acker bestellt“, weil man vielleicht nicht die Möglichkeit hat, im fünften Stock irgendwo, mit so einer kleinen Terrasse, womöglich. Und diese Initiativen finden sich mittlerweile auch. Dadurch, dass einfach die Leute miteinander zum reden anfangen. Viele Menschen wollen so etwas machen. Es gibt auch immer größeres Interesse an den Aktionen von Social Impact, die mit Kunstaktionen und Aktionismus auf Missstände aufmerksam machen. Und es stellt sich wirklich heraus, wenn man ein bisschen darüber redet, dann findet man auf einmal fünf, sechs, sieben Leute, die in genau die gleiche Richtung wollen wie ich selber.

Wie findet ihr die Leute, die miteinander reden können. Wie initiiert ihr das Ganze?

Gerda: Bisher ist es einfach total viel Mundpropaganda. Und das hat sich im Schneeballprinzip total in coole Richtungen entwickelt. Wir haben aber auch angefangen Social-Media-mäßig ein bisschen aktiver zu werden … wo sicher noch ein bisschen mehr geht, wo aber die Leute mittlerweile schon auf uns aufmerksam werden und uns auch sagen, sie wollen sich einbringen. In den Arbeitsgemeinschaften, die wesentlich öfter passieren als die großen Plenen, setzten wir uns immer kleinere Tasks, mit denen wir dann nach außen gehen und wo wir konzentrierter die Leute auch ansprechen können.

Was sind die Meilensteine in den kommenden Woche? Wo sind die nächsten Treffen?

Gerda: Große Meilensteine sind … wir wollen Projektanträge schreiben, um auch wirklich Geld zu lukrieren, damit wir Infrastrukturen schaffen zu können. Die Tabakwerke sind da ein ganz wichtiger Anknüpfungspunkt, die auch von der Stadt Linz diese Ressourcen zur Verfügung stellen. Ganz wichtig ist für uns eine Vision zu finden, mit der wir konkret nach außen gehen können. Einfach das Ganze zu verschriftlichen. Klar gibt es so eine Art Baukasten, wo jeder und jede sich auspacken kann, was themenspezifisch sehr interessant ist, und die Leute reden dann einfach eh drüber und in ihrem Rahmen und ihrem Umfeld machen sie die Idee publik. Aber es sollte ganz einfach konkreter werden. Das ist auch wichtig für uns.

Was ist denn dein Background? Zu deiner Person, wer bist du eigentlich?

Gerda: Wer bin ich? Oh Gott, da könnt ich ausholen. Das müsst ich mir erst selber bewusst werden. Also ich bin relativ gut vernetzt in Linz mittlerweile. Ursprünglich Freistädterin, ich mache gerade ein kulturwissenschaftliches Studium fertig, hoffentlich. Verzettle mich mit frühling2012 gerade recht. Und für mich ist es wichtig, meine Netzwerke, meine Netzwerke aufmerksam zu machen, dafür Bewusstsein zu schaffen. Für diese Sache, hinter der ich gerade stehe.

Machst du das jetzt komplett aus eigener Motivation? Steht da ein politischer Gedanke dahinter?

Gerda: Mittlerweile glaube ich, dass alles irgendwie politisch ist. Aber im Endeffekt glaube ich, dass ich ein bisserl eine Rampensau bin und meine Belange und meine Befindlichkeiten nach außen trage mit meiner Person „tschörda“.

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