Der deutsche Bundespräsident, der österreichische Bundeskanzler und ein ehemaliger ORF-Stiftungsrat erleben es gerade: in den “sozialen” Netzwerken empören sich die Nutzer ganz wunderbar über sie. Diese Entwicklung ist nicht neu, doch durch die noch relativ jungen Instrumente wird die Empörung etwas länger auf der Agenda gehalten. Und auch Medien nehmen dieses Stimmungsbarometer wahr und schlagen sich oft sehr offensichtlich auf die eine oder andere Seite. Lassen wir mal die vergangenen Wochen und Monate Revue passieren.

Faymann & Friends

Die selbsternannten und durch gute Vernetzung mit Print- und TV-Medien auch in der Medienlandschaft als solche wahrgenommenen “Social-Media-Experten” ließen die Web 2.0-Kampagne unseres Bundeskanzler schon untergehen, bevor es am Nationalfeiertag Mittagessen gab. Zugegeben: wir hatten es nicht wirklich mit einer ausgereiften und durchdachten Kampagne zu tun, doch finde zumindest ich, dass wahre Experten sich zumindest etwas Zeit zum Beobachten lassen sollten.

Dann kamen die großen Probleme: falsche Freunde für Faymanns Facebookseite, Leserbriefe aus der SPÖ-Zentrale unter falschem Namen, fragwürdige Gegebenheiten rund um die beauftragte Agentur. Die Social Media-Gemeinde war glücklich und nutzte jede Gelegenheit, sich über diese Ereignisse zu belustigen. Der Erfolg eines Werner Failmann zeugt von diesem Spaß am Scheitern.

Wulff, absolut kreditwürdig

Zugegeben: Während der Weihnachtstage war ich nur sehr spärlich online und habe die ganze Affäre rund um den deutschen Bundespräsidenten rein auf Twitter und in wenigen Fernsehbeiträgen mitbekommen. Nach seiner Kreditaffäre und seiner “Entschuldigung” waren die Rücktrittsrufe schon laut, doch Wulffs scheinbarer Anruf beim Chefredakteur der Bild setzte dem Ganzen die Krone auf. Die deutsche Internetgemeinde tobte und tobt selbst heute noch. Die Bild-Zeitung, von der eher in der Mitte oder im linken Spektrum befindlichen Twitter-Gefolgten zuvor eher belächelt, wurde nun zum Aufdecker hochstilisiert und gefeiert. Jene Zeitung, die im Grunde genommen keinen Deut besser ist als die österreichischen Pendants wie ÖSTERREICH oder die Kronen Zeitung, wobei sie womöglich bisher weit unpolitischer agierte. In der taz gibt es dazu einen guten Kommentar:

Doch was Diekmann mit der Bild-Zeitung gerade macht, ist eine Grenzverletzung. Die Zeitung gibt ihre Beobachterfunktion weitgehend auf und verfolgt nur mehr das Ziel: Wulff soll zur Strecke gebracht werden. – Ulrich Schulte, taz.de

Pelinka und der ORF

Und dann wieder Österreich: Niko Pelinka wird zum Bürochef von Alexander Wrabetz ernannt, bevor die Stelle überhaupt ausgeschrieben wurde. Zugegeben: die Optik ist verheerend, die einzige Ausweg wäre ein Rückzug. Doch Wrabetz agiert beinahe schon dumm und setzt seinen liebgewonnenen ehemaligen Stiftungsrat etwas aus, das man keinem Menschen wirklich wünschen darf. Denn die österreichische Twitterszene (mit ihrem vermeintlichen Wortführer Armin Wolf) ist nicht gerade zimperlich. Pelinka hat wahrscheinlich schon vier Mal so viele Schimpfwörter oder herabwürdigende Bezeichnungen erfahren als es Sebastian Kurz seit dem Wienwahlkampf der Volkspartei hat. Und wie wir wissen, musste auch der schon viel einstecken.

Wogegen sind wir?

Stéphane Hessel empfahl uns, sich zu empören. Das kann sie, die Twitterszene in Österreich. Das kann sie nur zu gut. Dass das Niveau der Empörung aber viele Male einfach nur zu wünschen übrig lässt … wir empören uns um der Empörung wegen. Weil Wut “in” ist und wir es nicht mehr so hinnehmen wollen. Und weil es alle nicht mehr so hinnehmen wollen. Interessierte Menschen muss schon beinahe nach wirklich kritischen, fundierten Meldungen suchen. Natürlich ist ein Bundespräsident Wulff mit dieser Ereignissen wohl nicht mehr haltbar (vor allem, weil Rücktritte in Deutschland ja nicht wirklich Seltenheitsfaktor haben), natürlich ist die Politik im ORF durch Pelinka und Wrabetz fehl am Platz. Doch diese Shitstorms, wie sie genannt werden, haben für mich vollkommen an Reiz verloren.

Menschen nehmen sich zu ernst. Daran scheitern die meisten Dinge. User möchten Politik betreiben, in dem sie Tweets oder Statusmeldungen auf Facebook veröffentlicht. Und die Medien machen den Fehler und nehmen sich dieser “Empörung” an, ohne oftmals wirklich zu hinterfragen. Dass die oft scheinbar so kritische Nutzergruppe mit dem Aufschrei gegen das Establishement populistischen Politikern wie z.B. Strache Munition liefert, sollten sie sich dabei genauso bewusst sein.

Was dabei leider auch viel zu oft passiert: Es werden Themen ignoriert. Die Affäre rund um Diplomatenpässe für Exminister wäre eigentlich einen Skandal wert, geht aber in der Debatte rund um Niko Pelinka viel zu sehr unter.