Im Herbst 2011 erschien im Mandelbaum Verlag, in der Reihe kritik & utopieWie bleibt der Rand am Rand“ vom Augustin-Mitbegründer Robert Sommer. Im Untertitel: Reportagen vom Alltag der Repression und Exklusion. Dieser Untertitel deutet bereits an, dass es Robert Sommer um Individuen geht, für die Repression und Exklusion etwas alltägliches sind, gesellschaftliche Randschichten. Der Untertitel zeigt weiters, wie Robert Sommer das Thema bearbeitet: mit Reportagen über einzelne Schicksale, untermauert von ein bisschen Theorie und viel Praxis aus seiner mittlerweile 11jährigen Tätigkeit beim Augustin.

Perspektivenlos am Rand?
Wie bleibt der Rand am RandAn den Beginn des Buches stellt Robert Sommer eine theoretische Einleitung, in der er sich hauptsächlich auf Patrick Declerck stützt. In seinen Werken Les Naufragés (2001, Die Gestrandeten) und Les sang nouveau est arrivé (2005, Das neue Blut ist angekommen) vertritt Patrick Declerck die These, dass die Gesellschaft zu ihrer Stabilisierung Armut brauche. Bei Declerck ist die Rede von Bettler_innen und Clochards. „Clochards sind Menschen, bei denen seit jeher alles schief gelaufen zu sein scheint, meint Declerck: abwesende Mütter oder Väter, familiäre Gewalt, Gewalt der Institution Erziehungsheim, Schulversagen, das Schlittern von einer Krankheit in die nächste, Alkoholsucht schon im Jugendalter, etc.“ (10).
Declerck gelangte zum Schluss, dass diese Menschengruppe nur sehr schwer zurück in die Ideal – Gesellschaft finden, und schlägt daher vor, sich mit der Akzeptanz der Clochards als solches und einer Linderung deren Leiden zu begnügen. „Zusammen mit den Drogenabhängigen, Kriminellen, Prostituierten und Papierlosen bilden sie den gesellschaftlichen Rand, der zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung nötig sei.“ (11) Declerck stützt seine These übrigens auch auf jahrelange Arbeit mit besagtem gesellschaftlichen Rand.
Robert Sommer betrachtete nun seine Arbeit mit dem Augustin durch Declercks theoretische Brille, und nahm diese als Hintergrund für seine „Reportagen vom Alltag der Repression und Exklusion“.

Fabriken der Exklusion
Robert Sommer spricht hier von „Fabriken der Exklusion“ (12), bezeichnet diese auch als „Randgruppen generierende Institutionen“ (14) und stellt, wie bereits gesagt, unterstützt von praktischen Beispielen, einige dieser Institutionen in einzelnen Kapiteln vor.
Wie ein Mantel legt sich das erste Kapitel zur Stadt als „Exklusionsmaschine“ (14) über alle weiteren Schauplätze der Grenzenziehung. In diesem Kapitel geht es hauptsächlich um den Trend der Säuberung des öffentlichen Raumes, durch absurde Verbote. Das nächste Kapitel widmet sich der „Bahnhofsoffensive“ der ÖBB, ein Extrembeispiel der Reglementierung eines öffentlichen Raumes.
Als weitere Beispiele, solcher „Fabriken der Exklusion“, nennt Robert Sommer Gefängnisse, Psychiatrien, Pflegeheime und die Konstruktion von nach Osten gerichteten Vorurteilen. Jedes Beispiel trägt auf seine Art zur Produktion und Aufrechterhaltung des sozialen Randes bei: Städte und Bahnhöfe durch Vorschriften, die Psychiatrie und das Gefängnis durch Stigmatisierung, die wiederum für Hürden in der Reintegration sorgt. Auch für Stigmatisierung und eine Hürde in der Integration sorgen die konstruierten und medial unterstützten Vorurteile gegenüber „dem Osten“.
Robert Sommer fasst unter diesem Punkt einige -ismen zusammen: Antiziganismus, Antiislamismus, etc.

Hoffnung -gebender Ausklang
Nachdem das Buch mit Patrick Declercks düsterer Annahme, der Rand sei nicht in die Gesellschaft zu integrieren begann, und Robert Sommer einige erschreckende Schicksale erzählte, die dies bestätigen, warnt der Autor abschließend vor Resignation. Unter dem poetischen Titel „Der Tag wird kommen“ skizziert der Autor die Freiheit, die der gesellschaftliche Rand mit sich bringt, „man kann sich dieses Abseits ja auch als Freiraum für jene, die nichts mehr zu verlieren haben, vorstellen (…)“ (156) und demonstriert auch diese anhand personeller Beispiele. Möglich wäre auch, dass diese Freiheit revolutionäres Potenzial in sich trägt, dass eines Tages sichtbar wird…

Kritik
Der Autor scheint vorauszusetzen, dass der Leserin / dem Leser die Rand – erzeugenden Mechanismen von Städten, Gefängnissen, etc. bestens bekannt sind, denn es wird in jedem Kapitel aufs Neue erklärt, was diese „Fabriken der Exklusion“ dazu beitragen, den Rand zu erhalten, aber es wird nicht präzise ausgeführt, wie diese den Rand nicht nur erhalten, sondern auch reproduzieren. Der einzig echten kritischen Anmerkung nimmt Robert Sommer schon vorab den Wind aus den Segeln, indem er gleich zu Beginn darauf hinweist, dass es sich nicht um ein wissenschaftliches Buch handelt. Denn sonst müsste man sagen, dass ein wenig mehr Quellenangabe und nachvollziehbare theoretische Ausführungen zum System der Rand – erzeugenden Mechanismen ganz gut wären. Dem Untertitel „Reportagen vom Alltag der Repression und Exklusion“ wird das Werk jedoch vollständig gerecht, und ist unbedingt empfehlenswert für alle kritischen Betrachter_innen des öffentlichen Raums.

Wie bleibt der Rand am RandRobert Sommer
Wie bleibt der Rand am Rand
Reportagen vom Alltag der Repression und Exklusion
152 Seiten
Format 12 x 19
englische Broschur
9.90 € | 15.90 Chf
ISBN: 978385476-606-3

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