Vor was haben wir Angst? Wovor müssen wir uns fürchten? Sind wir überhaupt sicher? Geht es nach dem Staat und den Medien, dann fürchten wir uns vor dem international agierenden islamistischen Terrorismus … und sicher dürfen wir uns natürlich nie fühlen. Ilija Trojanow und Juli Zeh haben die Bewegungen in Richtung Überwachungsstaat einmal etwas genauer unter die Lupe genommen.

Ilija Trojanow, 1965 in Sofia geboren, in Kenia aufgewachsen, Studium in Deutschland, Gastdozent in Tübingen, lebte lange in Indien und lebt heute in Wien. Vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Berliner Literaturpreis.

Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium und Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, Gastdozentin in Leipzig und zuletzt Witten/Herdecke, lebt heute in Ostdeutschland. Zahlreiche Preise, u.a. der Carl-Amery-Literaturpreis.

Da ist er wieder, unser selbstgemachter Krieg der Sterne: Gut gegen Böse, Schwarz gegen Weiß. Eine neue, unsichtbare Grenze teilt die Welt in zwei Hälften. Nicht mehr Kommunismus gegen Kapitalismus, sondern Morgenland gegen Abendland. Die Dämonisierungen, die kollektiv geschlürften Cocktails aus Pauschalurteilen, Propaganda und Polemik sind die gleichen geblieben.

Der 11. September 2001 war der Anfang vom Ende. Also damals 3.000 unschuldige Menschen Opfer eines bis dahin unvergleichlichen Terroranschlages geworden sind, verstanden es die Regierungschef der wohlhabenden Länder Europas und Amerikas als Legitimation, mit dem Abbau der Grundrechte zu beginnen. Seither sind 10 Jahre vergangen … und das Wort „Überwachungsstaat“ wird wieder präsenter als viele Jahre zuvor. Was war nur geschehen?

Menschen haben Angst. Angst vor Terror. Die Gefahr, Opfer eines Terroranschlages zu werden ist in Wahrheit aber so dermaßen gering, dass man sich viel mehr vor dem eigenen Küchenmesser, einer Autofahrt oder einer am Boden liegengebliebenen Bananenschale fürchten müsse. Doch das verstehen die Menschen nicht. Sie hören es nicht anders: laut Zeh und Trojanow hat es sich die Politik zur Aufgabe gemacht, Angst zu schüren. Und die Medien helfen dabei, frei nach dem Motto „Bad News are Good News“ (Oder wie sie im Buch schreiben: „Good News are No News“) … da schreibt man mal eben lieber vor der drohenden islami(sti)schen Gefahr.

Diese Angst ermöglicht es den Regierungen Instrumente zu installieren, „Anti-Terror-Gesetze“ zu erlassen: zum Schutze der Bürger natürlich. Deshalb wird er von unzähligen Überwachungskameras gefilmt, deshalb sind seine Fingerabdrücke im Reisepass gespeichert, deshalb sollen Daten auf Vorrat gespeichert werden. Natürlich ist das nur zum Schutze der Bürger, und nicht, um aus ihnen gläserne Menschen werden zu lassen.

„Lassen Sie mich meine feste Überzeugung kundtun, daß die einzige Sache, die wir zu fürchten haben, die Furcht selbstist – namenloser, unbedachter, ungerechtfertiger Schrecken […]“ – So sprach Franklin D. Roosevelt bei seinem Amtsantritt

Trojanow und Zeh fassen in dieser „Streitschrift“ zusammen, was man in Wahrheit wahrscheinlich eh schon weiß. Doch diese geballte Information, als leichte Häppchen serviert, lässt einen kaum mehr aufblicken. Das Buch erklärt, mit welchen fadenscheinigen Argumenten die Politiker daherkommen und auch, welche denkwürdigen, verstörenden Aussagen sie bisher zum Thema Überwachung schon getätigt haben. Das Buch weckt auf. Natürlich kann man den Autoren vorwerfen, sehr einseitig zu argumentieren. Doch beim Freiheit-Sicherheit-Konflikt kann man sich aus Sicht eines Bürgers wohl nur auf eine Seite stellen.

„Angriff auf die Freiheit“ beschreibt den Irrsinn der Politik: werden Anschläge vereitelt, kommt der Ruf nach mehr Überwachung (obwohl die bisherigen Instrumente zur Vereitlung geführt haben) … nach Anschlägen wiederum gehört natürlich umso mehr in sicherheitspolitische Maßnahmen investiert. Es ist ein Teufelskreis aufgebaut werden, aus dem wir nur mehr sehr schwer hinauskommen können. Aber wir sollten immer darauf bedacht sein, dass mit dem Ruf nach mehr Sicherheit unsere Grundrechte, unsere ganz persönliche Freiheit zum Opfer fallen werden.

Ilija Trojanow, Juli Zeh
Angriff auf die Freiheit

dtv, München 2010
Taschenbuch, 170 Seiten
ISBN: 978-3-423-34602-3
Preis: EUR 8,20