Der umstrittene Soziologe Jean Ziegler hätte 2011 bei den Salzburger Festspielen eine Rede halten sollen. Wurde aber nach einer Welle der Kritik wieder ausgeladen. Was er zu sagen gehabt hätte, gibt es jetzt in Buchform.

Jean Ziegler wurde 1934 in Thun/Schweiz geboren. Bis 1999 war er im Schweizer Nationalrat, danach Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung. Seit 2008 ist er Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UN_Menschrechtsrates. Neben seiner politischen und diplomatischen Aktivität hat er sich auch als Autor einen Namen gemacht, u.a. mit „Der Hass auf den Westen“ oder „Das Imperium der Schande“.

Die Person Ziegler ist nicht unumstritten: Ziegler gilt als Globalisierungskritiker. Er kritisiert die angebliche „Refeudalisierung in der Welt“ und bezeichnet sich selbst als Kommunist im Sinne der Redewendung von Karl Marx „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“

Schlussfolgerung: Es gibt keinen objektiven Mangel, also keine Fatalität für das tägliche Massaker des Hungers, das in eisiger Normalität vor sich geht.

Vielleicht etwas zu Vorgeschichte: Jean Ziegler wurde als Festredner für die Salzburger Festspiele 2011 eingeladen. Landeshauptfrau Burgstaller hat die Einladung aber schon im April wieder zurückgezogen. Offizielles Statement (wie man u.a. auf taz.de nachlesen kann) Ziegler soll den Gadaffi-Menschenrechtspreis mitbegründet haben. Ziegler selbst vermutete aber etwas Anderes dahinter: Sponsoren der Festspiele hätten interveniert, was aber umgehend bestritten wurde. Dass es einige Kritikpunkte zu Ziegler gibt, kann man sehr gut zusammengefasst auf Wikipedia nachlesen. Veröffentlicht hat Ziegler die Rede trotzdem … und gehalten wurde sie schließlich, von der Schauspielerin Marie Colbin, Ende August diesen Jahres in Berlin.

In seiner sechs Buchseiten umfassenden Rede spricht Ziegler über den Irrsinn der Welt: täglich verhungern Tausende Menschen, obwohl man mit Leichtigkeit die doppelte Weltbevölkerung ernähren könnte. Er erklärt zuerst, in drastischer Form, wie der Tod eines verhungernden Kindes von statten geht. Anschließend offenbart er Zahlen: dass die reichen Länder der Erde immer weniger Geld übrig haben, um diese Menschen zu retten. Warum? Weil diese Länder „viele tausend Milliarden Euro und Dollars in ihre einheimischen Bank-Halunkenbezahlen mussten: zur Wiederbelebung des Interbanken-Kredits zur Rettung der Spekulations-Banditen.“ Man liest es: Ziegler verschweigt seine Abneigung gegen die Banken in keinster Weise.

Er hätte auch die Besucher direkt angesprochen: „Viele der Schönen und der Reichen, der Großbankiers und der Konzern-Mogule dieser Welt kommen in Salzburg zusammen: Sie sind die Verursacher und die Herren dieser kannibalischen Weltordnung.“ Harte Worte. Und vielleicht wäre gerade deswegen diese Rede eine große Überraschung geworden. Salzburg hat es verhindert, zu lesen bekommt man es trotzdem.

Es gibt ein Leben vor dem Tod. Der Tag wird kommen, wo Menschen in Frieden, Gerechtigkeit, Vernunft und Freiheit, befreit von der Angst vor materieller Not, zusammenleben können.

Vielleicht weiß Salzburg und die Intendanten der Salzburger Festspiele gar nicht, was sie damit angerichtet haben: einerseits wurde das dünne Büchlein ein Bestseller, Zieglers nicht-gehaltene Rede ein Sachbuch-Erfolg und die Schmach für Salzburg kann man wohl nur sehr schwer beziffern. Ziegler hat seine Ansichten, seine Anliegen unter die Leute gebracht. Und so hart die Worte auch sind, muss man nicht zu selten während des Lesens zustimmend nicken. Er hat schon recht, dieser Herr Ziegler. (Und irgendwie auch nicht, meint Andreas Sator auf zurPolitik.com)

Jean Ziegler
Der Aufstand des Gewissens

Ecowin Verlag, Salzburg 2011
Taschenbuch, 10 Seiten
ISBN: 978-3-7110-0016-3
Preis: EUR 2,50

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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