Zugegeben: der Titel wirkt populistisch und könnte wohl genauso aus dem Mund eines Herrn Strache kommen. Doch was Max Otte in seiner Streitschrift erklärt und fordert, rüttelt auf. Und erzeugt ein mulmiges Gefühl, dass in unserer Gesellschaft, in der Wirtschaft und der Politik offensichtlich mehr falsch läuft, als man bisher geglaubt hat.

Max Otte wurde an der Princeton University promoviert, ist Professor für BWL an der FH Worms, Professor an der Universität Graz und Leiter des von ihm gegründeten Instituts für Vermögensentwicklung (www.privatinvestor.de) sowie unabhängiger Fondsmanager und Direktordes Zentrums für Value Investing e.V. Er hat mehrere erfolgreiche Bücher zu Wirtschafts- und Kapitalmarktthemen veröffentlicht.

2006 warnte er vor der später hereinbrechenden Finanzkrise; die Anfälligkeit des Euro thematisierte er bereits 1998. Sein Buch „Der Crash kommt“ stand monatelang auf den Bestsellerlisten. Weitere Werke: „Der Informations-Crash“, „Die Krise hält sich nicht an Regeln“ und „Investieren statt sparen“

Fakt ist: Es gibt überhaupt keine „Euro-Krise“. Wir stehen mitten in einer neuen Bankenkrise. Nutznießer der Rettungspakete sind wieder einmal Investmentbanken und Superreiche.

Otte beginnt mit einer Berichtigung: Die „Finanzoligarchie, bestehend aus Investmentbanken, Hedgefonds, Schattenbanken, Ratingagenturen und weiteren Akteuren, ist die derzeit dominierende zivile Weltmacht.“ Diese Oligarchen bestimmen alles: sie haben die Krise verursacht, sie profitieren allesamt von den milliardenschweren Hilfspaketen, sie lassen Länder trotz alledem in die Pleite gleiten. Sollte man Otte glauben schenken, hätte man es hier mit der wohl skrupellosesten Sorte geldgeiler Menschen zu tun. Und sie haben ein leichtes Spiel.

Einerseits hat die Politik selbst solche Entwicklungen zum Teil gefördert. Wie sonst kann es sein, dass z.B. die Deutsche Bank, die größte Investmentbank das Nachbarlandes weniger als 2 % Eigenkapital in ihrer Bilanz aufzweisen. Otte erklärt es gut: Man stelle sich nur mal vor, aufgrund einer Fehlspekulation würden die Vermögenswerte um zwei Prozent schrumpfen, wären sie theoretisch insolvent … doch sorgen müssen sie sich nicht, denn die Rettung naht von der Politik mithilfe der Steuergelder.

Und andererseits unternimmt auch jetzt die Politik nichts dagegen, die Macht der Märkte, den Finanzoligarchismus in irgendeiner Weise zurückzudrängen. Dafür wäre eben eine staatliche bzw. transnationale Ratingagentur als vertrauenswürdigeres Pendant zu den drei US-Agenturen notwendig. Eine Finanztransaktionssteuer, eine neue Finanzmarktordnung. All das wurde groß angekündigt und im Tamtam um neue Rettungsschirme und Hilfspakete wieder unter den Teppich gekehrt. All das ist aber, nach Otte, der einzige Wege, den Kollaps der Euro-Zone noch abzuwenden.

Schon 1998 hat Max Otte gewarnt, dass die europäische Gemeinschaftswährung falsch aufgebaut sein wird. Er sollte Recht behalten. Jetzt gilt es, den Schaden nicht noch größer werden zu lassen. Und dafür ist es notwendig, dass die Politik agiert. Solange man sich vom Markt, von den Ratingagenturen und Investmentbanken auf der Nase herumhüpfen lässt, ist ein Ende der Krise nicht in Sicht. Warum man Griechenland übrigens nicht in Staatsinsolvenz geschickt hat? Es wäre das Beste für das Land gewesen, doch jene, die hierbei draufzahlen hätten müssen wären die Finanzoligarchen gewesen, die das Land in diese Misere geführt haben.

Mittlerweile ist sogar in der Financial Times Deutschland ein Artikel erschienen, in dem dargelegt wird, dass Akteure in den USA die Ratingagenturen benutzen, um das Leiden in Europa zu verlängern. Den USA kann diese Schwächung der Eurozone nur gelegen kommen, denn der Dollar ist als Weltreservewährung angeschlagen.

Wenn man so will, hat Max Otte mit seiner Streitschrift „Stopp das Euro-Desaster!“ eine weitere Grundlage für die Occupy-Bewegung geschrieben. Ich persönlich habe nur sehr geringe Ahnung von Wirtschaft, BWL und VWL – benötigte bei Prüfungen jeweils mehrere Anläufe -, doch der Autor schafft es, in einfachen Worten komplexe Dinge zu erklären. Und das will er auch. „Widerstand beginnt mit Wissen“, schreibt er und auch „Aus Verstehen wird Widerstand, Engagement und Veränderung.“ Das hat Otte eindeutig geschafft: Mich hat er damit eindeutig aufgerüttelt, und die undurchsichtigen Dinge, die scheinbar Schuld an der Krise haben, habe zumindest ich jetzt erstmals verstanden. Deshalb ist es eine sehr empfehlenswerte, durch und durch fesselnde und zugleich verstörende Schrift. Und am Liebsten würde ich drei Exemplare an Bundeskanzler Faymann, Vizekanzler Spindelegger und Finanzministerin Fekter schicken. So als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk. Und natürlich nur zum Verständnis.

Max Otte
Stoppt das Euro-Desaster!

Ullstein, Berlin 2011
Taschenbuch, 47 Seiten
ISBN: 978-3-550-08896-4
Preis: EUR 4,20