Es war ein emotionaler Auftakt vor der ersten, hoch prominent besetzten Diskussionsrunde in Lech am Arlberg, die sich im Rahmen des Mediengipfels heuer mit der Frage „Wende oder Ende – zerbricht Europa?“ beschäftigt, der einen Bogen vom Grauen des zweiten Weltkriegs bis zur Erasmus-Generation spannte. Lesen Sie hier, warum die heutigen EU-Probleme Kinkerlitzchen sind, obwohl aus einem kleinen Griechen-Problem ein Todeskampf wurde, was unsere Politiker mit Superman gemeinsam haben und warum sie trotzdem eine „Lost Generation“ sind. „Krisenfan“ Robert Menasse erklärt, warum er dabei entspannt bleibt und Staatsanleihen kauft.

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„Ich bin nicht nervös – ich bin ja kein Markt!“
Robert Menasse schien schon am Anfang zu spüren, dass er nach seinem Vortrag mehr klarzustellen hatte, als ihm lieb war: „Ich bin normalerweise nicht nervös, wenn ich öffentlich sprechen muss – ich bin ja kein Markt. Vor einem Publikum sprechend, das hauptsächlich aus Journalisten besteht, kann meinen Marktwert doch ordentlich schädigen.“ Vom angeblichen Merkel-Bashing war jedenfalls noch keine Rede, als er ansetzte, die EU als „Realitätsproduktionsmaschine“ für Journalisten und ein Experiment des „Nicht mehr – noch nicht“ für Philosophen darzustellen.

„Es lohnt sich, zurückzugehen und zu sehen, wie das Projekt auf die Schiene gestellt wurde. Die Idee, die Volkswirtschaften der europäischen Nationalstaaten zu verflechten, entstand aufgrund der Erfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, mit den Konflikten zwischen den Nationalstaaten und der Erfahrung, dass das letztlich zu Auschwitz geführt hat.“  Aus der Idee des „Nie wieder“ entstand die wirtschaftliche Verflechtung traditioneller Nationalstaaten – in Form der Montanunion für Kohle und Stahl, kriegswichtiger Güter.

„Kinkerlitzchen im Vergleich zur Gründung“
Ein aus heutiger Sicht schier unglaublicher Kraftakt: „Das klingt so simpel – man muss sich aber vorstellen, was das damals bedeutet hat, diese Verschränkung, dieses Bündnis, das zu einer supranationalen Organisation geführt hat zwischen der Siegermacht Frankreich und der ‚kriminellen Bande‘ Deutschland. Das war so schwierig, das im Vergleich dazu alles, was an weiteren Schritten der Integration notwendig wäre, wie Kinkerlitzchen ausnimmt.“

„EU-Blockierern müsste man Ansichtskarten aus Auschwitz schicken“
Den Gründungsgedanken stellt Menasse in den absoluten Mittelpunkt seiner Betrachtungen: „Gerade jetzt im Augenblick im Hinblick auf die Finanzkrise, die eigentlich keine ist, und deren Symptomatik, müsste man allen, die heute das europäische Projekt blockieren, Ansichtskarten aus Auschwitz schicken. Grüße von jenem Ort, von dem aus die Vernichtung unseres Kontinentes auf grauenhafte Weise kulminierte.“

„Die Griechen saufen unseren Retsina“
Für Menasse zeigt eine Symptomatik, die Sinn und Notwendigkeit der EU so dramatisch wie schon lange nicht mehr bestätigt. „In einer seltsamen Allianz von ‚Bild Zeitung‘ und ‚FAZ‘ konnte ein Populismus aufkochen, den man sich vor einem halben Jahr nicht vorstellen konnte: Die faulen Griechen, die korrupten Griechen, die von unseren Steuern über ihre Verhältnisse leben, saufen unseren Retsina… Da wird mit einem Mal ein Nationalismus spürbar, der erschütternd ist!“

„Der Europäische Rat ist die Wagenburg nationaler Interessen“
Woher kommt das? „In der gegenwärtigen Krise stecken in Wahrheit ganz andere Konflikte und Widersprüche, wie bei diesen russischen Puppen, wo nur die äußere Puppe die Finanzkrise aufgemalt hat. Darin steckt die nächste Puppe – die politische Krise. Darin steckt eine kleine Puppe, die der eigentliche Kern ist, das ist die Puppe der institutionellen oder System-Krise.“ Diese Krise wurzelt für Menasse in der Tatsache, dass Vertreter der Nationalstaaten gleichsam beschließen mussten, sich selbst zu überwinden. So wurden supranationale Institutionen geschaffen, Kommission und Europäisches Parlament, aber eben auch eine dritte Institution als „Wagenburg der Verteidigung nationaler Interessen“: den Europäischen Rat.

„Nationale Interessen versus supranationale Institution“
Schwierig ist auch, erzielte Erfolge dann adäquat zu kommunizieren, da es an europäischen Medien mangelt, was es für die Wähler noch schwieriger macht: „Man kann in Europa ein nationales Parlament wählen, aber nur von nationalen Listen. Nationale Interessen, supranationale Institution – dieser Widerspruch, der im System begründet liegt, führt logisch zum politischen Widerspruch. Dasselbe gilt für Menasse für den wirtschaftlichen Kurs, wo die falschen Berater noch nicht einmal darüber nachdenken, „was eine nachnationale Ökonomie sein könnte, die wir offensichtlich brauchen.“

„Politiker gerieren sich als Nationalisten“
Dieser institutionelle Widerspruch führe zum politischen Widerspruch. „Politiker sind dazu angehalten, sich als Nationalisten zu gerieren und nur national zu bestätigen. Regierungschefs, die von Ratssitzungen zurückkommen, geben mit Vorliebe bekannt, was sie gegen die EU durchgesetzt zum Wohle ihres kuscheligen Nationalstaats verhindert haben. Politiker, die national gewählt wurden, reißen sich im Flugzeug ihre nationalen Nadelstreifanzüge vom Leib, dann fliegen sie zurück, streifen den wieder über und präsentieren sich als nationale Regierungschefs.“

„Ein Problembär und vier Präsidenten“
Doch gekriselt hatte es in der EU schon zuvor – seit dem Lissabonvertrag, bei dem vor allem eines verabsäumt wurde: „Man hätte einen großartigen Vertrag schaffen können, einen Verfassungsvertrag, den man so schnell nicht mehr ändern kann. Doch statt einer Vollausstattung des Parlaments gab es eine Aufwertung und Stärkung des Rates, der im Gehege der europäischen Institutionen den Problembären darstellt.“ Nur gratulieren könne man dazu, dass die EU als einzige Institution ihrer Art nunmehr über vier verschiedene Präsidenten verfügt.

„Ein ‚Du, du, du‘ der Kommission wird reichen“
Das führte zum nächsten Patzer, so Menasse: „Die Europäische Kommission – als supranationale Institution – hat von Anfang an gewusst, dass eine gemeinsame Währung ohne gemeinsamen Wirtschaftsraum gemeingefährlich ist. Deren Vorschläge sind von der Kommission in den Rat gekommen, und die Hyänen der Verteidigung der Nationalinteressen haben zugeschlagen. Man hat sich als Kompromiss darauf geeinigt, Stabilitätskriterien zu vereinbaren, wer die nicht erfüllt, bekommt ein ‚Du, du, du‘ der Kommission, das wird dann wohl genügen. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, das just Deutschland diese Kriterien als erstes gebrochen hat.

„Aus einem kleinen Problem wurde ein Todeskampf“
Die passiv-abwehrende Haltung Merkels, die jeden Rettungsschritt erst blockierte und Monate später doch umsetzte, habe aus einem an sich kleinen Problem einen Todeskampf gemacht. „Alles ist teurer, die Stimmung ist schlecht, es kocht der Nationalismus auf. Das hätte nicht sein müssen, man hätte in einem vereinigten Europa ein gemeinsames Problem gemeinsam lösen können, statt zu sagen: ‚Die Griechen sind das Problem‘. Faktisch ist der ganze griechische Haushalt 2 Prozent des europäischen BIP. Kalifornien wäre glücklich, wenn es nur die griechischen Schulden hätte! Es fragt aber niemand wegen Kalifornien, ob die Dollarzone kracht. Das ist lächerlich.“

„Unsere politische Elite ist eine verlorene Generation“
Neben dem „Hitler-Trauma“ Deutschlands mit der übersteigerten Inflationsangst sieht Menasse in den gegenwärtigen politischen Eliten eine „verlorene Generation“: „Auschwitz sagt ihnen einerseits nichts mehr, andererseits haben sie aufgrund ihrer Sozialisierung keinen europäischen Bezug. Man kann das durchhecheln, mit Sarkozy, mit Cameron.“

„Ich bin ein Fan der Krise“
Alles kein Grund zur Panik: „Ich bin aus genau diesem Grund, muss ich zum Abschluss gestehen, ein totaler Fan der gegenwärtigen Krise. Es war notwendig, dass diese Widersprüche so dramatisch geworden sind, dass Antworten und Lösungen gefunden werden mussten. In sechs Jahren wird es keine Merkel, keinen Sarkozy, keinen Cameron mehr geben, da kommt die Erasmus-Generation, die wieder europäisch denkt und tickt. Die Zeit haben wir!“

Robert Menasse, (CC) Marko Lipus
Robert Menasse, (CC) Marko Lipus

Robert Menasse studierte in Wien, Salzburg und Messina Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft. Er lehrte zunächst als Lektor für österreichische Literatur, später als Gastdozent am Institut für Literaturtheorie an der Universität São Paulo in Brasilien. Seit seiner Rückkehr nach Wien arbeitet er als freier Schriftsteller und Übersetzer. 1981 wurde er Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung, zwölf Jahre später wurde er in den P.E.N. Club gewählt. Menasse lebt heute hauptsächlich in Wien. Er ist der Halbbruder der Journalistin und Schriftstellerin Eva Menasse. (Quelle: Wikipedia)