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„Nordafrika könne keine wahre Demokratie erfahren, wenn Islamisten, gemäßigt oder nicht, die Regierungen anführen werden.“ So oder so ähnlich hörte oder las ich es in den vergangenen Wochen und Monaten. Doch irgendwann kam mir der Vergleich mit der ÖVP oder der deutschen CDU/CSU. In Wahrheit nehmen doch beide, ÖVP und gemäßigte Islamisten, ihren Glauben her, um damit Werte (und in weiterer Folge ihr Parteiprogramm) zu definieren. Ein Kommentar, warum ich nur wenige Unterschiede zwischen ÖVP und den gemäßigten Islamisten Nordafrikas sehe. 

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Zuallererst möchte ich die Frage aufwerfen, warum eine Partei, die den Terminus „islamistisch“ im Namen trägt, per se gleich als gefährlich oder fundamental eingestuft wird. Sind es die Propaganda-Worte der FPÖ, die uns vor der Islamisierung Europas und Österreichs warnen? Oder auch die Worte Thilo Sarrazins oder die Berichte vom islamischen Terror? Wie sich die Beziehung zur Sprache in den vergangenen Jahren verändert hat, sollte uns eigentlich zu denken geben. Denn selbst die Veränderung eines solchen Terminus ins Extremistische zeigt, wie furchtbar manipulierbar wir doch sind.

Wenn ich persönlich „Islamisten“ höre, denke ich gleich an Menschen, die ihren muslimischen Glauben für fundamentalistische Auslegungen missbrauchen. Und auch dem in den Medien gern benutzten Ausdruck „gemäßigte Islamisten“ haftet etwas Bedrohliches an. Aber ist euch schon mal aufgefallen, dass man dasselbe auch auf Österreich umlegen könnte? Die Fundamentalen hier nennen sich „Die Christen“, als gemäßigte Form kann man die „christlich-soziale“ ÖVP ansehen.

Ungemäßigte Werte

Sollen homosexuelle Paare heiraten dürfen? Sollen sie Kinder adoptieren, soll die In-Vitro-Fertilisation für diese Paare erlaubt werden? Eine moderne Gesellschaft würde darüber nicht mehr lange nachdenken. Natürlich sollen sie das dürfen. Doch wer bestimmt für die ÖVP, was richtig ist? Natürlich die christlichen Werte: eine Familie besteht aus Vater, Mutter, Kind. Eine Ehe wird zwischen Mann und Frau geschlossen. Die westlichen Werte beruhen nun mal zu einem großen Teil auf der Bibel, und selbst ob ungläubig oder nicht, handeln die meisten Menschen nach ihnen. Das ist nicht schlecht, versteht mich hier bitte nicht falsch. Aber es ist Zeit, damit aufzuhören, sie als unveränderliche Tatsachen anzusehen. Die Werte der ÖVP müssen genauso reformiert werden, wie jene der Kirche.

Und das ist bei den gemäßigten Islamisten nicht anders. Die „Ennahda“, die Wahlsieger in Tunesien oder auch die PJD in Marokko (die „islamistische Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung“) bauen auch auf den Werten, die aus ihrem Glauben resultieren, Forderungen auf: zum Beispiel ein Alkoholverbot oder auch ein Kopftuchgebot (was schließlich auf einer eigenen Auslegung des Glaubens beruht). Ansonsten fordert zum Beispiel auch die PJD eine Bildungsreform, wirtschaftliche Zusammenarbeit mit anderen Ländern, einen Ausbau der Demokratie und der Menschenrechte. Die Unterschiede sind also nun wirklich nur sehr gering.

Ich weiß, dass ich mit diesem Vergleich etwas polarisieren werde. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto plausibler erscheint mir meine Ansicht: für uns sind diese Parteien in Marokko, in Tunesien, in Ägypten nur deshalb so abschreckend, so bedrohlich, weil sie auf einem anderen Wertesystem aufbauen. Weil der islamische Glaube eben vollkommen anders aussieht als der christliche Glaube. Und das macht uns Angst. Wer aber glaubt, dass Islamismus nicht mit Demokratie vereinbar ist, soll sich nur mal Österreich oder Deutschland ansehen. Da sitzen „christlich-soziale“ oder „christlich-demokratische“ Parteien an den Schalthebeln, in Deutschland an der Spitze, in Österreich auf Platz 2: in den vergangenen Jahren haben es diese Christen, die ja ach so gut in unsere Gesellschaft passen, geschafft, mittels Angstmache (z.B. und vor allem vor dem islamistischen Terror) unsere Gesellschaft weniger demokratisch und weniger frei werden zu lassen.

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