„Occupy Christkindlmarkt“ war der Name einer Aktion, um friedlich auf zwei Christkindlsmärkten in Wien auf das ausgesprochene Bettel- und Augustin-Verbot aufmerksam zu machen. Ausgangspunkt war das Verbot des Verkaufs nichtkommerzieller Straßenzeitungen, zu denen der Augustin gehört, sowie das Bettelverbot an den Wiener Christkindlmärkten. Ein im Auftrag der Stadt Wien handelnder Unternehmer verbot den Verkauf des Augustin auf insgesamt acht Wiener Weihnachtsmärkten.

Teilgenommen haben hauptsächlich engagierte BewohnerInnen und Menschen aus dem Umfeld des Augustin. Aber auch Medien (ORF), KünstlerInnen, soziale Initiativen und vor allem Facebook-Gruppen oder Menschen, die „über Mundpropaganda oder Status-Updates auf Facebook“ vom Protest erfahren haben, waren dabei. Gestartet wurde mit einer Gruppe von etwa 100-120 Leuten, später waren es ca. 200.

Die Messages waren vielfältig: Es ging zum einen um die Freiheit des öffentlichen Raumes, aber auch um die Kommerzialisierung des Advents und eine nur rituelle, konsumorientierte Großzügigkeit. Da war die Intention, auf generelle, systembedingte Missstände aufmerksam zu machen.

Der Verein zur Förderung des Marktgewerbes und Landesgremialobmann der Wirtschaftskammer hat, wohl aufgrund dieser Empörung und der bevorstehenden Proteste, einen Tag vor der Aktion das Verkaufsverbot für den Augustin zurückgenommen. Nicht zurückgenommen wurde jedoch der Verkauf anderer Straßenzeitungen sowie das Bettelverbot allgemein. Dass zumindest der Verbot des Augustins verhindert wurde, kann man aber als Erfolg einer koordinierten Aktion der Zivilgesellschaft werten.

Judith Schossböck war bei „Occupy Christkindlmarkt“ am Samstag, 19. Nov. 2011 dabei. Wir freuen uns, dass sie für neuwal berichtet und einige Fragen beantwortet hat. Danke!

Occupy Christkindlmarkt - Bild (C) by Judith Schossböck
Occupy Christkindlmarkt - Bild (C) by Judith Schossböck

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Dieter Zirnig (neuwal.com): In den letzten Tagen konnte ich sehr viel über das Augustin-Verkaufsverbot an Wiener Christkindlmärkten lesen. Worum ging es dabei konkret?

Judith Schossböck:: Ausgangspunkt war das Verbot des Verkaufs nichtkommerzieller Straßenzeitungen, zu denen der Augustin gehört, sowie das Bettelverbot an den Wiener Christkindlmärkten. Ein im Auftrag der Stadt Wien handelnder Unternehmer verbot den Verkauf des Augustin auf insgesamt acht Wiener Weihnachtsmärkten. Das hat natürlich aus mehreren Gründen für Aufruhr gesorgt: Zum einen wurde damit den ZeitungsverkäuferInnen ihr Recht auf freie Benutzung des Raumes genommen. Dass es sich bei diesem öffentlichen Raum gerade um Weihnachtsmärkte handelte, ist ebenfalls relevant:

Viele sahen darin ein Zeichen für die scheinbare Großzügigkeit und Kommerzialisierung solcher Orte, auf denen Armut aber letztendlich ausgeblendet werden soll.

Sensibilisiert durch diese Regelung fragte der Augustin daraufhin bei den VeranstalterInnen der Christkindlmärkte nach, ob VerkäuferInnen von Straßenzeitungen tatsächlich die Ausübung ihrer Tätigkeit in den Märkten verwehrt wird. Diese telefonische Umfrage ergab, dass in acht dieser Märkte (z.B. Rathausplatz) das Betteln sowie der Verkauf nichtkommerzieller Straßenzeitungen verboten ist. Das hat u.a. damit zu tun, dass öffentliche Plätze der Stadt Wien für die Dauer der Weihnachtsmärkte als das Privateigentum von Event-Firmen (z.B. die Agentur MagMag und den Verein zur Förderung des Marktgewerbes) erklärt werden können. Daher wurde auch der Rückzug der Stadt Wien aus dieser Verantwortlichkeit bzw. die Überlassung von Gemeingütern an private ProfiteurInnen kritisiert. Christkindlmärkte anderer Vereine erlauben aber den Vertrieb (beispielsweise Spittelberg, Karlsplatz).

Occupy Christkindlmarkt - Bild (C) by Judith Schossböck
Occupy Christkindlmarkt - Bild (C) by Judith Schossböck

Am Donnerstag wurde das Verkaufsverbot von den Marktbetreibern zurückgenommen. Auf Grund des Protestes?

Genau, der Unternehmer Akan Keskin (Verein zur Förderung des Marktgewerbes und Landesgremialobmann der Wirtschaftskammer) hat, wohl aufgrund dieser Empörung und der bevorstehenden Proteste, einen Tag vor der Aktion das Verkaufsverbot für den Augustin zurückgenommen. Nicht zurückgenommen wurde jedoch der Verkauf anderer Straßenzeitungen sowie das Bettelverbot allgemein. Dass zumindest der Verbot des Augustins verhindert wurde, kann man aber als Erfolg einer koordinierten Aktion der Zivilgesellschaft werten.

Wie hat sich der Protest weiter entwickelt, es kam ja zu einer Occupy Christkindlmarkt-Protestaktion am Samstag in Wien…

Ja, denn der Protest hat sich nicht dadurch erübrigt, dass der Augustin-Verkauf am Rathausplatz jetzt wieder erlaubt ist. Die privilegierte Behandlung einer bestimmten Straßenzeitung erzeugt wieder eine Kategorie von „guter und schlechter Armut“, auf die die Protestierenden aufmerksam machen wollten, außerdem gibt es nach wie vor einige Weihnachtsmärkte, wo man diesen Verkauf nicht gerne sieht (z.B. Belvedere, Altes AKH, Maria Theresienplatz). Deshalb haben sich Protestierende unter dem Namen „Occupy Christkindlmarkt“ am Samstag Nachmittag vor dem Burgtheater versammelt, um friedlich auf zwei Märkten aufzumarschieren: Dem Rathausplatz und dem Maria Theresienplatz.

Wie hat sich der Protest organisiert, wie viele Leute waren dabei und was waren die Messages?

Teilgenommen haben hauptsächlich engagierte BewohnerInnen und Menschen aus dem Umfeld des Augustin. Aber auch Medien (ORF), KünstlerInnen, soziale Initiativen und vor allem Facebook-Gruppen oder Menschen, die „über Mundpropaganda oder Status-Updates auf Facebook“ vom Protest erfahren haben, waren dabei. Bemerkenswert war, dass der Protest in relativ kurzer Zeit organisiert wurde und sich vorrangig über Netzwerkstrukturen verbreitet hat, aber auch einige Medienberichte am Tag davor(z.b. Kurier) waren hilfreich. Wieviele Leute konkret teilgenommen haben, ist schwer zu sagen, da sich am Rathausplatz spontan BesucherInnen der Aktion anschlossen („he, find‘ ich gut, da geh‘ ich mit!“) und die Demo sich dann auch ein wenig teilte. Gestartet wurde mit einer Gruppe von etwa 100-120 Leuten, später waren es ca. 200. Am frühen Samstagnachmittag ist aber noch nicht so ein Gedränge auf den Weihnachtsmärkten, weshalb der Protest sehr auffällig war. Die Messages waren vielfältig: Es ging zum einen um die Freiheit des öffentlichen Raumes, aber auch um die Kommerzialisierung des Advents und eine nur rituelle, konsumorientierte Großzügigkeit. Da war die Intention, auf generelle, systembedingte Missstände aufmerksam zu machen.

Konkretere Forderungen an die Stadtregierung waren z.B. die Errichtung von Suppenküchen auf den Christkindlmärkten.
Occupy Christkindlmarkt - Bild (C) by Judith Schossböck
Occupy Christkindlmarkt - Bild (C) by Judith Schossböck
Wie würdest Du den Protest am Samstag jemanden beschreiben, der nicht dabei war? Wie war die Stimmung, hat es Plakate gegeben, wie war die Reaktion der MarktbesucherInnen, hattet ihr Unterstützung, hat es Kontakt bzw. eine gemeinsame Sache mit den Augustin-Menschen gegeben?

Der Protest rief sehr freundlich und kommunikativ ab, es gab viele verschiedene Sprachen und Sprechchöre zu hören. Dazwischen wurden Weihnachts- und Augustinlieder gesungen. Außerdem war weniger Polizei als üblicherweise anwesend, was wohl auch zu einer friedlichen Atmosphäre beigetragen hat. Ich habe mich mit einigen Augustin-VerkäuferInnen und BesucherInnen unterhalten und über ihre Situation gesprochen. Auch der ORF führte einige Interviews durch. Schön war zu sehen, wie die VerkäuferInnen gehört wurden und Interesse an Ihren Anliegen gezeigt wurde. Die MarktbesucherInnen schlossen sich teilweise an, fragten nach dem Ziel der Aktion oder ignorierten den Protest. Natürlich gab es zahlreiche Schilder, von „Occupy Austria“ bis zu „Der Punsch ist das System – heißes Wasser plus Chemie zu Wucherpreisen“, aber auch Flyer, die den Hintergrund der Aktion aufzeigen sollten. Die Augustin-Menschen haben den Protest stark unterstützt und mitinitiiert – und besonders im Vorfeld sehr viele andere soziale Gruppen (z.b. Zwergenfreiheit.at) dafür gewonnen.

Wieso „occupy“ – wie passt der Begriff der „Occupy“-Bewegung zu diesem Protest?

Occupy ist ja mittlerweile zu einem medial stark präsenten Begriff geworden. Angeregt durch die weltweite Solidarisierung mit der Occupy-Bewegung in verschiedenen Städten springen auch viele lokale Protest-OrganisatorInnen auf den Namen auf. Damit versucht man einerseits an die bereits vorhandene mediale Aufmerksamkeit anzudocken, und Occupy eignet sich insofern dazu, als dass es sehr viele Interessen und Forderungen unter einem Label vereint. Andererseits gibt es schon starke inhaltliche Parallelen zu dem, wofür Occupy weltweit steht:

Die Wieder-Einnahme eines öffentlichen Raumes, der Kampf gegen Ignoranz gegenüber der Armut oder auch die Kritik der steigenden Abhängigkeit staatlicher Institutionen von kommerziellen Prinzipien und gewinnorientierten Strukturen.
Wie geht’s nun weiter?

Es wird weiter darum gehen, Aufmerksamkeit zu erzeugen und sichtbar zu machen: Nicht Arme, sondern Armut bekämpfen ist ein großes Anliegen der Protestierenden. Neben den konkreten Forderungen geht es darum, Bewusstsein zu schaffen und die Auseinandersetzung in den Köpfen der Bevölkerung mit der Problematik ins Rollen zu bringen. Was die Leute aufregt ist das Prinzip des „Wegsehens“, die Vertreibung der ärmsten Bevölkerung aus dem öffentlichen Raum. Außerdem könnte man sich mehr mit anderen Bewegungen, die sich ebenfalls mit Occupy identifizieren können, vernetzen und weitere Aktionen in Österreich planen. Die Facebook-Seite des Augustin (Augustin Boulevardzeitung) bietet ansonsten gute Hintergrundinfos über die Zeitung.

Danke Judith, für deine Beobachtungen!