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Er wird wohl recht haben: Es reicht nicht nur, sich zu empören, sondern sich – in Zeiten wie diesen – auch zu engagieren. Der 93-jährige politische Popstar erklärt, warum es neben einem sozialen Gleichgewicht nun vor allem um eines gehen müsse: die Umwelt.

Stéphane Hessel wurde 1917 in Berlin geboren, seit 1937 ist er französischer Staatsbürger. Ab Oktober 1945 war er Vertreter Frankreichs bei den Vereinten Natoinen in New York. 1948 Mitunterzeichner der Charta der Menschenrechte. Im Auftrag der UNO und dem französischen Außenministerium war er zudem als Diplomat unterwegs.

„Empört euch!“ (Originaltitel: „Indignez-vous!“) hat ihn in den vergangenen Monaten zum französischen Rebellen gegen die heutige Weltpolitik werden. Seine Nachfolgestreitschrit, „Engagiert euch!“, ist das Transkript eines Gesprächs mit Gilles Vanderpooten.

Unsere Welt ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Sie ist seit der Weltkrise aus den Fugen geraten, von den großen Profiteuren des internationalen Finanzsystems destabilisert. Sie muss so schnell wie möglich in eine Welt überführt werden, die gerecht ist, in der alle gleich sind und jeder frei ist.

Im Gegensatz zu „Empört euch!“ wird hier die Aufforderung zum Widerstand nicht direkt von Hessel verfasst. Das Buch ist ein Interviewtranskript eines Gesprächs zwischen Gilles Vanderpooten, einem jungen Journalisten, und Stéphane Hessel. Und nachdem mir in seiner Streitschrift zwar der Aufruf zur Empörung gefiel, mir aber die Ziele fehlten, kann er sie jetzt nennen: die Unfähigkeit der Nationen, die Umwelt endlich zu schützen, die immer weiter aufklaffende Schere zwischen Arm und Reich.

Zu Beginn des Interviews wird darauf eingegangen, dass Hessel von einigen Seiten nach der Publikation von „Indignez-vous!“ als Antisemit bezeichnet wurde. Die Gründe? Er hat darin seinen Standpunkt zum Konflikt im Nahen Osten genannt und sich zwar nicht wirklich auf eine Seite gestellt, aber zumindest erklärt, dass die Aktionen Israels Kriegsverbrechen und Verstöße gegen die Menschenrechte seien.

Und wie schon angesprochen, hat er sein Umweltbewusstsein entdeckt: er plädiert dafür, dass es neben der UN-Charta der Menschenrechte auch eine Charta für den umfassenden Umweltschutz, für eine nachhaltige Entwicklungspolitik geben und beide auf einer Ebene stehen müssten. Es sei noch nicht zu spät, und die Menschheit hat immer wieder gezeigt, wie sehr sie gravierende Ereignisse zum Anlass nahm, eine Kehrtwende einzuschlagen und schließlich daraus zu profitieren.

Es ist leichter, den Weg vorzuzeichnen, als ihn zu begründen. Besteht erst einmal Klarheit über das Ziel, kann die Strategie dorthin verständlich aufgezeigt werden.

Von den beiden Hessel’schen Streitschriften, die der Ullstein Verlag veröffentlichte, hat mir diese um einiges mehr zugesagt: hier konnte Stéphane Hessel viel mehr über seine Erfahrung erzählen, konnte schön begründen, welche Themen von immenser Bedeutung seien und warum es so wichtig sei, gerade jetzt aktiv zu werden. Ein interessantes, auch aufrüttelndes Buch, dass man wohl immer mal wieder gerne in die Hand nimmt.

Stéphane Hessel
Engagiert euch!

Ullstein, Berlin 2011
Taschenbuch, 61 Seiten
ISBN: 978-3-550-08885-8
Preis: EUR 4,20

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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