Ein besetztes Gebäude in Wien Neubau wurde von der Polizei geräumt. 26 Besetzerinnen haben die Häuser Lindengasse 60 und 62 nach Aufforderung der Exekutive ohne Widerstand verlassen. Ein Panzerfahrzeug stand bereit. Ein Hubschrauber kreiste über dem Einsatzort und hunderte Polizeibeamte und einige Beamtinnen waren zum Teil bis spät in die Nacht hinein wegen spontaner Solidaritätsdemonstrationen im Einsatz. Es war nach 22 Uhr als ich den Getreidemarkt, an dem immer noch dutzende Aktivistinnen zur Identitätsfeststellung in einem engen Polizeikessel festgehalten wurden, durch die Karlsplatzpassage verließ. Es war kalt. Die ersten Wohnungslosen breiteten ihre Isomatten und Schlafsäcke entlang der Unterführung aus. Aber der Reihe nach:

In den Nachmittagsstunden des 14. Oktober 2011 wurde das leerstehende Gebäude in der Lindengasse 60, ein Altbau im Besitz der BUWOG, von Aktivistinnen besetzt. Zur Überraschung aller verzichteten die Eigentümer auf einen sofortigen Auftrag zur Räumung. In den folgenden 25 Tagen wurde von den neuen Bewohnerinnen des Hauses eine Besetzungsinfrastruktur errichtet die über das Maß vergangener Hausbesetzungen jüngerer Geschichte hinausging. Zur „Volxküche“ und dem „KostNixLaden“ wurde die „Freie Universität Wien“ gegründet. Täglich fanden Diskussionen, Filmvorführungen und Plena statt. Zur Kommunikation nach außen wurde eine Website erstellt und am 31.10 zu einer Pressekonferenz geladen. Es gehe den Besetzerinnen nicht primär um mietfreies Wohnen. Viel mehr wolle man ein offenes Kulturzentrum, einen „dringend benötigten Freiraum“, schaffen.

Nachdem wenige Tage zuvor ein Ultimatum zur sofortigen und freiwilligen Auflösung der Besetzung unerfüllt verstrich überschlugen sich in den Mittagsstunden des 8. November die Meldungen auf Twitter. Im Sekundentakt wurde von herannahenden Polizeikonvois berichtet. Schnell war klar: es konnte sich nur um eine bevorstehende Räumung des Hauses handeln. In kürzester Zeit wurden die umliegenden Straßen großräumig abgesperrt. Kaum jemand durfte die Absperrungen passieren. Von Anrainern wurden Meldenachweise verlangt und Vertretern der Presse der Zutritt aus Sicherheitsgründen verwehrt. Ein Polizeipanzer und ein Hubschrauber begleiteten die Aktion. Dem Vernehmen nach wurde das Vordertor von Besetzenden selbst (möglicherweise unabsichtlich) den Beamten der WEGA geöffnet. In zwei Gruppen wurden nach relativ kurzer Zeit insgesamt 26 Personen aus dem Gelände begleitet.

Gegen 13.30 Uhr war die eigentliche Räumung zu Ende und die Polizeisperren wurden aufgehoben. Eine kurze Spontandemonstration wurde nach Rangeleien in der engen Neubaugasse von der Polizei eingekesselt und aufgelöst. Schnell machte der Aufruf zu einer weiteren Demonstration, am selben Abend am Urban- Loriz Platz, die Runde. Diese Startete tatsächlich recht turbulent bei der U-Bahnstation Burggasse. Fahrgäste der Wiener Linien staunten nicht schlecht als ihnen am Bahnsteig dutzende Polizisten in voller Ausrüstung, mit Helm und Schlagstock, entgegen liefen. Die Protestierenden sammelten sich immer wieder an neuen Plätzen, wurden schließlich über die gesamte Länge der Burggasse von einem selten dagewesenen Großaufgebot der Polizei verfolgt und schließlich am Getreidemarkt, unweit des Museumsquartiers zur Identitätsfeststellung festgehalten. Zahlreiche Sympathisanten sammelten sich auf den umliegenden Gehsteigen und protestierten ihrerseits lautstark gegen die laufende Polizeiaktion. Erst am späten Abend wurden die letzten Aktivistinnen von den Einsatzkräften in die Freiheit entlassen. Auch die insgesamt fünf Personen, die während der Demonstration festgenommen wurden, kamen noch in der Nacht frei.

Dieser Text erschien auch auf danielweber.at

FOTOS, VIDEOS und Berichte:

Demonstration gegen die Räumung des #Epizentrum (Polizeikessel) (Daniel Weber)
Räumung und Spontandemonstration am Mittag (Daniel Weber)
Demo gegen Räumung #Epizentrum und Polizeikessel Getreidemarkt | Wien 08.11.2011 (Martin Juen)
Räumung des „Epizentrums“ – Besetztes Haus Lindengasse 60-62 | Wien 08.11.2011 (Martin Juen)
Ende einer Hausbesetzung (Andreas Edler)
Epizentrum besetztes Haus geräumt (WienTV.org)
Zib24 Beitrag zur Kesselung der abendlichen Demonstration
ORF Wien heute zur Räumung des Hauses
„Epizentrum“ am 8. November geräumt. (nochrichten.net)

 

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Daniel Weber, geboren 1980 im weststeirischen Voitsberg, lebt seit 2001 in Wien. Der Behindertenbetreuer studiert Bildungswissenschaften und ist bei neuwal verantwortlich für das Ressort Protest-Aktion-Demonstration.