Anfang November 2011 trafen wir uns mit Josef (Beppo) Mauhart im Büro des Bildungsvolksbegehrens am Schottenring. Mauhart ist Vizepräsident des Vereines „Bildungsinitiative für die Zukunft“. Wir haben mit ihm über die Basics und Grundlagen des Bildungsvolksbegehrens gesprochen, dessen Initiator Dr. Hannes Androsch ist. Das Gespräch selbst empfand ich als sehr angenehm und willkommen. Überrascht von der Größe des Büros, den vielen Räumen und den vielen (ehrenamtlichen) MitarbeiterInnen, redeten wir über die österreichische Bildungssituation, ihre Chancen, Veränderungen und über einige der zwölf Forderungen. Der gesamte Gespräch gibt es im podwal Podcast zum Nachhören. http://neuwal.com/

Bei diesem Bildungsvolksbegehren geht es um ein faires, effizientes und weltoffenes Bildungssystem in Österreich. Das Volksbegehren, das vom 3. bis 10. November stattfindet, soll mit jeder Unterschrift Druck für eine Bildungsreform erzeugen.

neuwal Slides: Bildungsvolksbegehren in a nutshell

Das Slideset kann hier downgeloaded werden.

Das Volksbegehren fordert…

  • mittels bundes(verfassungs)gesetzlicher Regelung
  • ein faires, effizientes und weltoffenes Bildungssystem,
  • das vom Kleinkind an alle Begabungen fördert und Schwächen ausgleicht,
  • autonome Schulen unter Einbeziehung der SchulpartnerInnen und
  • ohne Parteieneinfluss,
  • eine leistungsdifferenzierte, hochwertige gemeinsame Schule
  • bis zum Ende der Schulpflicht und
  • ein Angebot von ganztägigen Bildungseinrichtungen,
  • eine Aufwertung des LehrerInnenberufs und
  • die stetige Erhöhung der staatlichen Finanzierung für Universitäten auf 2% des BIP bis 2020.

Bildungsvolksbegehren Links in a nutshell

„Der Reichtum liegt in der Qualität und in den Talenten unserer Jugend“ – Beppo Mauhart im Gespräch

„Der Reichtum liegt in der Qualität und in den Talenten unserer Jugend“ – Beppo Mauhart im Gespräch by neuwal

Dieter Zirnig (neuwal.com): Was ist das Bildungsvolksbegehren genau und wofür richtet es sich?

Beppo Mauhart (Mitinitiator Bildungsvolksbegehren): Wir gehören zu einem der reichsten Länder Europas und der Welt. Gleichzeitig sind wir zu einem Land der Bildungsarmut geworden. Seit Jahrzehnten hinken wir in der Entwicklung der Bildungserkenntnisse und -fortschritte hinten nach. Das wird durch internationale Vergleiche (PISA) erkennbar. Die Wirtschaft klagt darüber, dass sie zu wenig gut ausgebildete Lehrlinge von den Grundschulen bekommt. Wir haben jedes Jahr zwischen 8 und 10.000 junge Menschen ohne Schulabschluss. Weiters haben wir im internationalen Vergleich eine wahnsinnig schlechte soziale Durchlässigkeit, was die Hochschulbesuche betrifft.

Es wird oft zitiert, dass wir sind ein rohstoffarmes Land sind.

Der Reichtum liegt in der Qualität, in den Talenten und Fähigkeiten unserer Jugend. Wir nützen diesen Rohstoff nicht und lassen ihn teilweise verkommen.

Das hat dazugeführt, dass in erster Linie Dr. Hannes Androsch die Initiative ergriffen und versucht hat, einen möglichst breiten, gesellschaftlichen, überparteilichen, ideologische Positionen ignorierenden Konsens zu finden. Die wichtigste Forderung ist, ein anderes Bewusstsein zu schaffen. Geld darf dabei kein Killer-Argument sein: Bildung kostet viel Geld – Nicht-Bildung kostet noch mehr Geld. Im internationalen Vergleich haben wir ein durchaus ordentliches Bildungsbudget.

Wo sehen sie jetzt die größten Veränderungschancen.
Die größte Veränderungschance ergibt sich, wenn ein Großteil der Bürger_Innen aufsteht, hingeht und unterschreibt.

Wenn bewußt wird, dass die Politik sich nicht mehr darum drücken kann. Die Erfahrung ist: Wo ein politischer Wille ist, gibt es auch genug Finanzierungsmöglichkeiten.

Ich höre auch vielfach, dass einige Pädagogen immer noch schauen, was Schüler und Studenten „nicht können“. Moderne Pädagogen schauen, was Schüler und Studenten können; finden und fördern das Talent, dass sich nicht ausschließlich auf Deutsch, Mathematik, Englisch oder Latein beschränkt.

Wieso hat man sich für ein Volksbegehren entschieden

Ein Volksbegehren ist von den demokratischen Instrumenten das attraktivste um Voraussetzungen zu schaffen. Damit zwingt man praktisch die Politik, sich mit einem Thema zu befassen. Wenn wir die Forderungen des Volksbegehrens Realität werden lassen wollen, muß Bewußtsein nachhaltig geschaffen wird. Daher muß es eine starke Willensäußerung der Bürger_Innen in Österreich geben.

Wer steckt hinter der Bewegung und wie organisiert sich dieses Begehren?

Manchmal kann ich mir die Anmerkung nicht verkneifen, dass der eigentliche Initiator der Initiative nicht Dr. Androsch, sondern der Niederösterreichische Landeshauptmann Dr. Erwin Pröll ist. Er hat mit seiner Forderung auch die Zuständigkeit der Mittelschullehrer in die Obhut der Bundesländer zu transferieren, den „Tropfen ins Heferl gegeben“, der zum Überlaufen geführt hat. Daraus entwickelte sich eine eindrucksvolle, demokratische Bewegung. Beim ersten Vernetzungstreffen waren 140 Menschen, die an einem Nachmittag diese 12 Punkte erarbeitet haben. Ein breitester gesellschaftlicher Konsens nach einem für mich demokratischen Prozess: Vom Kindergarten über die Erwachsenenbildung und Universitäten hin bis zur Erwachsenenbildung.

Was möchte das Volksbegehren verändern?

Wir möchten ein unverrückbares öffentliches Bewußtsein schaffen, dass Bildung, die Grundlage unserer Zukunft ist. Wir, als Generation der Eltern und Großeltern, haben die absolute Verpflichtung, unserer Jugend Zukunft zu ermöglichen.

Beim jetzigen Bildungssystem und bei der derzeitigen Entwicklung laufen wir Gefahr, dass wir die Bildung verlieren.

Wir benötigen dringend Bewußtsein, das wir Anschluss an die internationale Entwicklung brauchen. Die Politik kann sich nicht mehr darum drücken, dass Bildung oberste Priorität auf der Liste der politischen Forderungen haben muß.

Wieso braucht es ein Bildungsvolksbegehren um überhaupt auf politischer Ebene Aufmerksamkeit zu erzeugen…

…eine sehr gute Frage. Wenn sie den längeren Zeitraum kritisch betrachten, müssen sie feststellen, dass Österreich so ziemlich das einzige Land ist und weltweit zu den ganz wenigen Ländern gehört, wo Bildungsfortschritt hartnäckigst blockiert wird.

1970 war ein ähnlicher Rückstau, wie wir ihn derzeit beobachten. Die damaligen führenden Bildungspolitiker sind an Grenzen gestoßen, die heute noch Grenzen sind: Ganztagsschule und Gesamtschule.

Seither sind 40 Jahre vergangen und es hat sich an diesen Positionen nichts verändert.
Es hat ein Vernetzungstreffen gegeben, wo in kurzer Zeit sehr viel weitergebracht worden ist. Hat es bei diesem Vernetzungstreffen auch Jugendliche bzw. direkt betroffene gegeben, Schüler, Studenten?

An diesem Vernetzungstreffen haben nahezu alle Organisationen teilgenommen, die mit Bildungsfragen befasst sind. Das ging von Jugendorganisationen über die ÖH, bis hin zu den Vertretern der LehrerInnen und Lehrern bis hin zu Universitätsprofessoren, Kammergewerkschaften. Es war ein umfassender breiter Querschnitt durch unsere gesellschaftlichen Strukturen.

Seit gut zwei Jahren gibt es die unibrennt-Bewegung, bei der nicht nur Studenten gegen die derzeitige Bildungssituation protestiert haben. Wie vergleichen sie dieses Bildungsvolksbegehren mit den Forderungen der unibrennt-Bewegung?

Das Volksbegehren schließt praktisch nahtlos an. Enttäuschend ist, dass die Hochschülerschaft alle zwei Jahre durch die Wahlen ihre Representanz ändert. Dadurch entsteht meinem Eindruck nach keine Kontinuität im Durchsetzen studentischer Fortschritte. Weiters gibt es auf der erwachsenenpolitischen Ebene keine Kräfte in der Regierung.

Hochschulpforessorin Dr. Dr. Christiane Spiel hat jüngst in einem Vortrag gesagt, sie ist erschüttert, wie wenig Betroffenheit diese Situation in der österreichischen Bevölkerung auslöst. Wir hoffen, dass es uns jetzt beim Volksbegehren so gelingt, dass eine große Mehrheit der BürgerInnen und Bürger sagt, es reicht nicht nur, wenn wir unzufrieden sind, es reicht nicht nur, wenn wir nicken wenn jemand etwas sagt, es wird eh wieder keinen Sinn haben, deswegen bleiben wir gleich zu Hause sitzen. Man muß aufstehen, hingehen und unterschreiben.

nicht-sitzenbleiben.at ist auch die URL, unter der die Informationen zum Volksbegehren abrufbar sind. Eine der Forderungen ist „Ende des Sitzenbleiben – Ende der Nachhilfe“…

An einer Bildungsveranstaltung eines internationalen Auto-Unternehmen, das in Österreich tätig ist, nahm die finnische Botschafterin in Österreich teil. Für sie war der Begriff „Nachhilfe“ völlig fremd.

In einer ordentlichen und verschränkten Ganztagsschule wird gefordert und gefördert.

Wir haben viel zu wenige Ganztagseinrichtungen, Ganztags- und Gesamtschulen und viel zu wenig Fachkräfte, die dahingehend ausgebildet sind und viel zu wenig gute Infrastruktur, die das bewältigen kann.

Sie verlangen Gleichstellungen schon im Bereich des Kindergartens mit Höheren Schulen – nicht nur im Bereich der Ausbildung…
Wir verlangen Hochschulausbildung für alle, die im pädagogischen Bereich tätig sind.
Deckt das Volksbegehren auch den Bereich der Studiengebühren ab? Wie gehen Sie mit diesem Thema um?

Wir haben das Thema Studiengebühren bewußt aus dem Forderungsprogramm gelassen. Die Gefahr besteht, das man sich an einem Detail festklammert. Zuerst muß grundlegend das System geändert werden und dann sollen sich Fachleute darüber unterhalten, was man da machen kann.

Es darf nicht sein, dass es an wirtschaftlichen Gegebenheiten scheitert, wenn ein junger Mensch nicht an die Hochschule kann.
Wie kann man das Volksbegehren unterstützen, was kann man tun?

Falls man noch nicht die Unterstützungserklärungen unterschrieben hat (die gelten bereits): Die eigentliche Eintragungswoche ist vom 3. bis 10. November 2011 am jeweiligen Gemeindeamt oder Magistrat. Es ist auch möglich, am Samstag oder Sonntag zu unterschreiben. Man kann auch sozusagen nach der Kirche das Volksbegehren unterschreiben. Es ist zweimal in der Woche am Abend bis 20 Uhr geöffnet.

Ich konnte beobachten, dass das Volksbegehren sehr gut organisiert ist. Braucht es in der heutigen Zeit sogenannte politische „Startups“, mit eigenen Themen, Punkten und einem frischen Team um die Politik anzustoßen und weiterzubringen?
Die Politik hat wahnsinnig viel an Gestaltungswillen und Gestaltungsverantwortung verloren.

Bei uns in Österreich ist das besonders im Bildungsbereich. Wenn Dr. Androsch oder ich mich um solche Dinge annehmen, dann gibt es immer den Einwand, warum müssen das die Alten machen. Dr. Androsch ist ein Beispiel, weil er immer an der aktuellen Politik mitgearbeitet hat. Nur jetzt ist ein Vakuum entstanden. Und Sorge haben, wenn wir nicht aktiver und mit mehr Mut und Verantwortung sich engagiert.

Vieles kaputt wird, was man sich in den letzten Jahren aufgebaut hat.
Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute!