Es war ein großes Tamtam. Mit einiger Verzögerung ging vergangene Woche, am Nationalfeiertag, die Social Media-Kampagne unseres Bundeskanzlers online. Das Medieninteresse war groß, der Belächelung auf Twitter und Facebook war kaum mehr zu bremsen. Und schon einen Tag nach dem Start fand man Meinungen zum ersten Social Media Tag auf derStandard.at oder der Futurezone. Wir haben uns eine Woche Zeit genommen und genauer analysiert.

Auch ich habe in einem Kommentar erklärt, dass der Bundeskanzler vielleicht noch etwas warten sollte, bevor er in die Welt von Social Media vorstößt. Schon nach dem ersten Tag war ich aber überzeugt, dass die Idee und die Umsetzung dahinter gar nicht mal so schlecht ist. Wobei natürlich immer Verbesserungspotential besteht. Im diesem Beitrag habe ich die verschiedenen Teile der Kampagne einzeln behandelt und werde zum Abschluss das Gesamtauftreten des Bundeskanzlers und seines Teams bewerten.

@teamkanzler – 7 oder 9 Menschen für den Reply-Frieden

Zahlen: 34 Tweets, 95 Following, 1.446 Follower, 40x gelistet

Man erinnert sich: Twitter wollte man eigentlich nicht so wirklich – schlussendlich startete man schließlich doch einen eigenen Account unter dem Namen @teamkanzler. Genutzt werden sollte es vor allem fürs Anteasern von neuen Stories auf Facebook, YouTube oder der Website. Nach einer Woche gibt es nun 34 Tweets, wobei die meisten Nachrichten davon Antworten auf die wohl unkritischsten Erwähnungen sind. Dass, wie man zuvor (wirklich eher holprig) erklärte, 7 (oder 9) Leute hinter den Inhalten stehen, die auf den verschiedenen Plattformen veröffentlicht werden, lässt einen natürlich über Effizienz diskutieren.

Aber seien wir mal ehrlich: Laut dem Social Media Radar gibt es in Österreich 27.498 aktive Accounts. Natürlich sollte man überlegen, wo man sein Hauptaugenmerk drauf richtet. Und auch wenn die Twitter-Nutzer glauben, mit Meldungen in ihre „Bubble“ würde man die Welt erreichen … die Reichweite eines Tweets ist relativ gering. Und auch die Halbwertszeit eines Tweets wird von so manchen Nutzern (und selbsternannten Social Media – Experten) maßlos überbewertet. Aber vielleicht wäre es empfehlenswerter gewesen, wirklich auf Twitter zu verzichten … die 34 Tweets sind nämlich bisher relativ inhaltsleer.

Gefällt mir „Bundeskanzler Werner Faymann“?

Zahlen: 3.537 Gefällt mir, 3.680 Menschen sprechen darüber

Doch wie ist es auf Facebook? Dieser Auftritt ist meiner Meinung nach sehr gut gelungen: unzählige Beiträge, Links zu YouTube, zur Website, Bilder von seiner Arbeit: hier sieht man, wie man gute PR für einen Politiker machen kann. Dass er, bis auf den Start, nicht mehr zu Wort gekommen ist und seither sein Kanzler-Team übernommen hat, lässt sich verschmerzen. Das Team wird übrigens auf der Facebook-Seite auch vorgestellt. Wie man sieht, ist Bundeskanzler Faymann auf Facebook immer noch ein Thema: es sprechen mehr Menschen darüber, als es Fans gibt … eine Seltenheit.

Ein Start ohne Probleme? In vielen Kommentaren wird bemängelt, dass man nicht auf die Pinnwand posten kann. Von wegen Kommunikation und so. Dass aber eine offene Pinnwand bedeuten würde, dass man statt 9 wahrscheinlich 50 Menschen organisieren müsste, um die Pinnwand „sauber“ zu halten. Denn die Diskussionskultur ist auf Facebook echt nicht die Beste, wie man z.B. auch während einer ATV Am Punkt-Sendung im Facebook-Kommentarchat sehen kann. Viele Menschen wollen auch in ihren Kommentaren Antworten auf Fragen erhalten … dass es dabei aber ein extra eingerichtetes Kontaktformular gibt, scheinen die Facebooknutzer jedoch nicht zu wissen.

bundeskanzler.at – Das Sammelsurium

Die Website des Bundeskanzlers ist vom Design her nicht viel anders als die des Bundeskanzleramtes (zu finden unter bka.gv.at) … fasst aber mittels Feeds die Einträge auf Facebook und jene der Website selbst zusammen und bewirbt zudem auch noch die App. Wie groß hier der Andrang ist, kann man natürlich nicht wirklich sagen … aber grundsätzlich ist der gesamte Inhalt auch auf der Facebook-Seite erhältlich. Schön, dass man auch an die Millionen Österreicher denkt, die noch keinen Facebook-Account haben. Auch hier wird Bundeskanzler Faymann von seiner besten Seite dargestellt … kommentieren kann man nicht. Lobenswert: Man benutzt den Like-Button, den man erst aktivieren muss … und so schickt der Leser nicht automatisch seine Infos an amerikanische Server.

App … weil ers kann.

Ein Bundeskanzler braucht natürlich auch eine eigene Applikation: Kanzler 2.0 gibt es sowohl für Android als auch für iOS-Betriebssysteme: Und was ist das nun? Ein Angry Birds mit dem Kanzler? Es ist genau das, was genauso auch auf Facebook und der Website zu finden ist: die Tweets, Facebook-Meldungen und Website-Einträge findet man unter „News“, Fotos unter „Mediathek“, einen 3D-Rundgang durchs Bundeskanzleramt gibt es natürlich auch und ein Quiz, bei dem ein iPad 2 verlost wird. Dass dabei nur rund 10 Fragen eingebaut wurden, verschmerzt man aber sehr schnell.

Sehr sinnvoll, und vielleicht auch in Verbindung mit help.gv.at, ist der Behördenfinder. Dort findet man – nach Alphabet geordnet – alle möglichen Behörden. Eine Ortung der eigenen Person und der Anzeige der umliegenden Behörden wäre dabei aber sehr wünschenswert. Und ich vermute, dass das auch irgendwann einmal eingebaut wird. Die App hat bisher noch relativ lange Ladezeiten, der „Zurück“-Button reagiert nur sehr schwer und ich frage mich wirklich, wofür ich die App (außer für den Behördenfinder) später noch einmal brauchen werde.

Ein Fail des Bundeskanzlers? Bisher: Mitnichten.

Man könnte sich beschweren: Twitter wird kaum bedient, auf Facebook kann man nicht selber auf die Pinnwand schreiben, die Website ist nur ein Feed, die App eher sinnfrei. Aber wenn man es genau nimmt, ist der Social Media Auftritt des Kanzlers bis jetzt (und bis auf Twitter) sehr gut gelungen. Keine Ahnung, was sich der wütende Mob erträumt hat, als man im Bundeskanzleramt ankündigte, in den sozialen Medien aktiv zu werden. Das was hier herausgekommen ist, sieht einerseits gut aus, wird gut umgesetzt und sicher noch weiter ausgebaut. Man kann nur hoffen, dass nun diese Maßnahmen nicht allzu schnell wieder einschlafen. Weitermachen, weiterhin Content liefern … und hin und wieder Mal auf die wenige konstruktive Kritik reagieren. Das würde schon reichen, um den Auftritt des Bundeskanzler als gelungen zu bewerten.

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