Was ist die Occupy-Bewegung, was steht dahinter und was sind Forderungen? Wir haben mit Thorsten Puttenat (fluegel.tv) aus Stuttgart gesprochen, um uns die derzeitige Occupy-Bewegung ganz kurz zu erklären. Ein Occupy-In-A-Nuthshell sozusagen… Die Occupy-Bewegung startete vor einigen Wochen in New York. An der Wall Street. Es geht gegen den Wahn- und Irrsinn der Banken und Finanzjongleure. Gegen diese wenigen, die ganz viel haben und für die vielen, die ganz wenig haben. Daher kommt auch der Slogan, „We are the 99 Percent“ (Amerikanischer Herbst – Der Aufschrei der 99 Prozent).

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Niemand müßte auf die Straße gehen, wenn die Politik einen anständigen Job machen würde. #occupy by neuwal

Dieter Zirnig (neuwal): Was ist die Occupy-Bewegung, für was tritt sie ein und wie ist das ganze gestartet?

Thorsten Puttenat (fluegel.tv): Die reine Occupy-Bewegung hat in New York an der Wall Street angefangen. Amerikanische Bürger versammelten sich, die dort deutlich größere Probleme als wir in Deutschland oder Österreich haben. In den USA sind viele Menschen nicht krankenversichert. Wenn etwas passiert, sind horrende Arztrechnungen zu begleichen, die durchaus nicht zu bezahlen sind. Weiters Arbeitslosigkeit… Darauf hin haben sich Leute in New York vor der Wall Street versammelt und trugen ihre Empörung direkt ins Finanzzentrum dieser Welt. Daraus hat sich dann etwas sehr vehementes entwickelt: Die Leute haben beschlossen, dass sie von dort nicht mehr weggehen, sondern Zelte bauen und haben sich auf dem Platz in der Nähe der Wall Street, der in Privathand ist, niedergelassen. Dementsprechend der Begriff „Occupy“. Okkupieren, also besetzen.

Bis diese Bewegung in den Medien sichtbar wurde, hat es eine Zeit gedauert. Vorallem die amerikanischen Medien haben diese Bewegung erstmals totgeschwiegen. Deswegen hat es gedauert, bis diese Nachrichten nach Europa gekommen sind. In New York kam es zu Konfrontationen mit der Polizei, denn die Stadtverwaltung unter Bürgermeister Bloomberg war von der Bewegung nicht sonderlich angetan. Es kam zu Konflikten und dadurch begann die Presse ihre Medienarbeit.

Letztendlich geht es um die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit. Es geht gegen den Wahn und Irrsinn der Banken und Finanzjongleure – gegen diese wenigen die ganz viel haben und für die vielen, die ganz wenig haben.

Daher kommt auch der Slogan, „We are the 99 Percent“. So verstehe ich Occupy: Es geht um eine soziale und eine monitäre Gerechtigkeit, die nicht mehr vorhanden ist, weil alles aus dem Ruder gelaufen ist.

Was sind die Forderungen in Deutschland ganz speziell bei der aktuellen Bewegung „OccupyFrankfurt“?

Ein Slogan ist eine konkrete Forderung, die sich mittlerweile so als Konsens durchgesetzt hat: „Die Zerschlagung von Großbanken“. Es wird mit Geldern und Sätzen jongliert, die eigentlich nur am Computer stehen. Es geht gar nicht mehr um echtes Geld als Gegenstand und Wert, sondern um Spekulationen. Eine weitere Dimension, die völliger Wahnsinn ist, ist, dass Banken auf die Pleite von verschiedenen Ländern spekulieren. Es gibt viele Beweggründe, warum sich Menschen der Occupy-Bewegung anschließen:

Für die einen zählen die weichen Faktoren, also Begriffe wie Solidarität und Gerechtigkeit. Und dass eben diese menschliche Wärme fehlt.

Andere wiederum konzentrieren sich auf das komplexe Finanzthema, das nicht so einfach zu begreifen ist.

Wie sehr vermischen sich bestehende Bewegungen wie bei euch Stuttgart21 und Occupy? Ist das eine „Fortsetzung“, ein komplett anderes Thema oder ist eine Vermischung erwünscht?

Hier in Stuttgart ist das ganze sehr sehr schwierig, das „Occupy“ und den zwei Jahre währenden Protest gegen Stuttgart21 unter einen Hut zu bringen. Viele Menschen ziehen zwar eine Parallele zu Stuttgart21 und Occup, denn letztendlich kann man sehr wohl so argumentieren: „Auch bei Stuttgart21 spielen Spekulationen und Geld-hin-und-herschieberei eine große Rolle“. Es gibt aber auch Leute hier in der Stadt, die das ganz explizit auseinanderhalten. Zu denen gehöre auch ich. Wenn man Occupy in Stuttgart macht, macht es keinen Sinn, wenn man nur Stuttgart21-Gegner bei einer Veranstaltung hat. Occupy betrifft alle, auch Stuttgart21-Befürworter. Und damit tut sich diese Stadt sehr schwer. Wir versuchen das derzeit in Stuttgart aufzubauen – bis hierhin läuft es nicht besonders glücklich.

Die Vernetzung findet wieder mit Hilfe Sozialer Netzwerke statt…

…Facebook und Twitter, network-99.com. Das sind die ganz normalen etablierten sozialen Netzwerke die genutzt werden um sich zu informieren, organisieren und auszutauschen.

Wie ist es bei euch in Deutschland… ist die Politik auf die Occupy-Bewegung aufgesprungen und gibt es Parteien, die diese Begrifflichkeiten bereits für sich verwenden?

Die Politik ist sehr schnell aufgesprungen. Ein wichtiger Punkt ist, dass die Medien dieses Thema sehr dankbar aufgegriffen haben. Ebenso ist die Politik sehr schnell aufgesprungen. SPD-Boss Sigmar Gabriel hat sofort seine Sympathien bekundet. Dann kam Hr. Schäuble von der CDU und einen Tag später Frau Merkel. Und alle haben sie natürlich „großes Verständnis für die Menschen gezeigt“, dass sie gegen diese Ungerechtigkeiten auf die Straße gehen. Das ist natürlich schwierig.

Niemand müßte auf die Straße gehen, wenn die Politik einen anständigen Job machen würde.

Das ist es ein sehr zweischneidiges Schwert und daher müssen wir auch aufpassen, dass man sich keinen Schulterschluss mit der Politik leistet und sagt: „Schön, schau mal, sie haben verstanden, was wir wollen, da müssen wir jetzt ja nicht auf die Straße gehen. Jetzt wird alles gut.“ Andererseits ist es wichtig, dass die Politik sagt: „Ja, wir verstehen es!“. Denn die Politik muss in der Lage sein, diesen aus dem Ruder gelaufenen Finanzwahnsinn Einhalt zu gebieten und klarere Regulierungen auf den Tisch zu werfen. Und das sind sie schuldig.

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Der Weg zur Politischen Bildung führt bei neuwal über Onlinejournalismus und neuen Formaten. Ich liebe Digital, Medien, Politik und lebe den Digital Mindshift. Am liebsten setze ich für Medienunternehmen strategisch und operativ neue Formate und digitale Produkte um. 9 Jahre Führungspositionen im Bereich Global Digital Strategy in internationalen Konzernen, sieben Jahre selbständig in den Bereichen Digitale Transformation, Digitale Strategie, Journalismus und Medien Strategien, Digitales Marketing, Innovation, Web-Technologie. Nebenbei Bike and Yoga. Making journalism and politics a better place.