Wie konnte die Politik eigentlich bisher ohne Social Media funktionieren? Das fragt sich auch Bundeskanzler Werner Faymann und stolpert von einem Fauxpas in den nächsten. Ein Kommentar, warum nicht alles glänzt, wo Social Media draufsteht.

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Social Media ist cool. Vor allem im Wahlkampf: so gut wie jede Partei versuchte 2008, die Jugend mit ihren Auftritten auf Blogs, in Twitter und Facebook auf ihre Seite zu ziehen. Die Gewinner des Wahlabends waren hingegen die beiden Parteien, die auf all das Web 2.0-Tamtam fast vollkommen verzichteten. FPÖ und BZÖ näherten sich erst im Laufe ihrer aktuellen Oppositionsrolle den Möglichkeiten des „neuen“ Internets an. Aber darum geht es hier nicht: Bundeskanzler Faymann möchte jetzt auch endlich mal cool sein, doch das leider nur mit wenig Erfolg.

„Was soll ich dir noch sagen …“

Barack Obama hat über 10,6 Millionen Follower auf Twitter und über 23 Millionen Fans auf Facebook. Das soll nur so eine Infos sein, kein Richtwert, lieber Herr Faymann. Aber ehrlich gesagt braucht eine Social Media Offensive, wie sie sie Anfang des Jahres angekündigt haben, keine acht oder neun Monate. Mit dem Resultat, dass man eine neue Seite, eine Facebook-Fanpage und ein erst nach voreiliger Absage doch ins Programm genommenes Twitterprofil startet. Wobei man natürlich betonte, dass für Twitter nicht Werner Faymann himself, sondern 7 (!) Mitarbeiter für ihn schreiben werden.

Was macht das bitteschön für ein Bild, lieber Herr Faymann? In einer Zeit des Umbruchs, einer Zeit der Gefahr und einer Zeit der Krise(n) setzen sie sieben (7!) Menschen vor Computer, um für sie PR zu machen? Und das gesamte Social Media Paket um schlappe 200.000 Euro? Ernsthaft? Mein Tipp: Lassen sie es lieber bleiben. Es wird ihnen auch niemand böse sein, wenn sie nicht jetzt, nicht sofort auf die sozialen Medien aufspringen. Nein, wirklich nicht. Auch Obama twittert nicht selber, nur ist in den USA, soweit ich weiß, die Parteienfinanzierung etwas transparenter angelegt und Wahlkämpfe nur durch Spenden finanziert … und nicht durch das gerade eben eingetriebene Steuergeld.

„… es ist doch alles schon gesagt.“

Werner Faymann sollte den sozialen Medien wohl noch etwas fernbleiben. Oder zuerst einmal das Buch „Soziale Bewegungen und Social Media“ (und darin den Starter-Kit von Luca) lesen. „Sei kritikfähig, authentisch, menschlich“ oder „Tritt als Person auf, sei transparent und ehrlich“ und (worüber ich am meisten schmunzeln musste) „Verliere dich nicht in der Planung“. Wir brauchen mit Faymann keinen zweiten Heinz-Christian Strache, der in seinen Wallpostings (und mit seinen „Fans“) immer mal wieder übers Ziel hinausschießt. Ich zumindest würde es toll finden, Herrn Faymann auf seinen Wegen zu begleiten: Ministerrat, Nationalrat, Brüssel, Strassburg oder wo auch immer unser Bundeskanzler unterwegs ist. Dies kann in Blogposts (Ja! Liebe Politiker, ja! Ein Blog!), auf Twitter und Facebook passieren. Dass ein Politiker nicht täglich 5 Tweets (und schätzungsweise 250 Replies) schreiben wird können, das müsste wohl jedem bewusst sein. Aber wenn man zumindest das Gefühl bekommt, dass Faymann die Kommunikation mittels Social Media wichtig sei, wäre man wahrscheinlich schon glücklich. Doch dieses Gefühl fehlt.

Die Arbeit mit Social Media ist nicht wirklich so schwer, wie man ihnen erzählt, Herr Faymann! Mitunter kann sie sogar auch wirklich Spaß machen und manchmal (mal mehr, mal weniger) bekommt man sogar Lob. Probieren sie es aus. Aber fühlen sie sich bitte nicht dazu gedrängt. Das sieht nur mal wieder richtig lächerlich aus und zeigt, dass sie sich mit der ganzen Sache nicht wirklich auseinandergesetzt haben. Sie wohl nicht, aber hoffentlich zumindest ihre 7 Beauftragten.

[Und währenddessen vertreibe zumindest ich mir die Zeit mit dem grandiosen Satire-Account Werner Failmann (auf Facebook und Twitter)] – Und am 26. 10. geht es dann zumindest mit neuer Website und Facebook los. Mal sehen.

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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