„Das Web 2.0 eröffnet vielfältige Möglichkeiten, gesellschaftspolitische Anliegen zu thematisieren.“ – So beginnt der Klappentext des Buches Soziale Bewegungen und Social Media. Das Handbuch legt vor, wie dies funktionieren kann: es beschreibt den Einsatz von Social Media anhand unzähliger Fallbeispiele, legt Bedienungsanleitungen bereit und wagt auch einen kleinen Blick in die Zukunft.

Das 392 Seiten starke, aufwändig gestaltete Buch ist in Wahrheit ein mutiger Versuch: Verlage haben es normalerweise nicht so gerne, wenn das komplette Buch schon vorab online zu lesen ist. Bei #sbsm fand hingegen die ganze Arbeit im WorldWideWeb statt: Artikel wurden in einem Wiki gestellt, einige Berichte schon vorab gebloggt – stets unter der Creative Commons Lizenz. Dafür muss man dem ÖGB Verlag ganz einfach ein großes Lob aussprechen: durch diese offene Entwicklung zeigt sich zumindest nun schon an den Reaktionen, dass die Idee voll aufgegangen ist.

Lobenswert ist auch die Dramaturgie des Buches: schon das erste Fallbeispiel (über den annalist-Blog) überrascht, schreckt auf und erklärt, warum der Weg ins Web 2.0 oft nicht in erster Linie ein geplanter, jedoch in vielerlei Hinsicht ein sehr sinnvoller ist. Anna Roth wird in ihrem Autorinnenportrait als „Kollateralschaden einer Terrorismus-Ermittlung“ beschrieben: Als ihr Freund, der Soziologe Andrej Holm 2007 verhaftet wurde, begann sie in ihrem Blog zu portraitieren, wie es ist, überwacht zu werden. Einerseits nutzte sie das Medium dazu, über den aktuellen Stand des Verfahrens rund um ihren Freund zu berichten, andererseits war sie zudem schnell eine Anlaufstelle für Menschen, denen ähnliche Schicksale passiert sind. Sie schaffte dadurch einen Gegenpol zu den klassischen Medien, die unkritisch von einem Erfolg der Ermittlungen zu schreiben wussten.

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Weitere Beispiele sind unter anderem auch fluegel.tv mit Moderator „Putte“ (welcher uns schon für unsere „Stuttgart Calling„-Podcasts rund um #s21 hier auf neuwal zur Verfügung stand), natürlich auch die #unibrennt-Bewegung, die schon damals (und zudem sehr professionell) Pressearbeit 2.0 bewerkstelligte und so die klassischen Medien ein kleines bisschen zu untergraben wusste. Ähnliches sieht man z.B. nun auch bei den #occupywallstreet-Protesten mit ihrem „Occupied Wall Street Journal“. Und … als Paradebeispiel für den Einsatz von Social Media zur Wahlkampfbestreitung durfte natürlich einer nicht fehlen: Barack Obama, der dadurch 2008 einen immensen Vorteil gegenüber seinem Konkurrenten vorweisen konnte.

„Sei kritikfähig, authentisch, menschlich.“

Neu in dem Metier? Die Manuals sollen dabei helfen, über die anfänglichen Ängste und Bedenken hinwegzukommen: Luca Hammer beginnt mit einem Starter-Kit. Und erklärt uns darin die wichtigsten Punkte für ein professionelles Auftreten. „Sei kritikfähig, authentisch, menschlich.“ Wie erstelle ich einen Blog? Wieso Facebook, weshalb Twitter? Fotos? Nach dieser Einführung dürfte all das kein Problem sein. Den großen Vorteil der Arbeit mit Social Media ist – ganz grundsätzlich – die Unabhängigkeit. So fordert auch Hammer, dass Meldungen bitteschön gleich raus sollen, bevor es keine frische Information mehr ist. In der Zusammenfassung findet sich der passende Satz dazu: Verliere dich nicht in der Planung.

Weitere Manuals erklären z.B. die verschiedenen Lizenzen, den Einsatz von Livestreams oder auch welche partizipative Veranstaltungen (wie z.B. BarCamps) es gibt. Für dieses Kapitel ist unter anderem auch unser Dieter mit verantwortlich: darin behandelt werden die in der Szene schon sehr bekannten Webmontage, Pecha Kuchas oder die (vor allem in der Bundeshauptstadt regelmäßigen) Twittagessen. Es wird hervorgehoben, wie wichtig diese Formen der Vernetzung sind: beim ersten Politcamp in Berlin kamen 587 Menschen zusammen. Neben Wissenschaftlern, Internetexperten und Politikern eben auch ganz herkömmliche Internetnutzer und Bürger, die somit mit großer Wahrscheinlichkeit mit Menschen in Kontakt treten können, die ihnen sonst verwehrt bleiben.

„Verliere dich nicht in der Planung.“

Der vorletzte Teil des Buches namens NoBorders befasst sich mit transnationalem Engagement bei globalen Auseinandersetzungen. Der Journalist und grüne Politiker Michel Reimon erzählt die Geschichte, wie schon um die Jahrtausendwende ein Online-Netzwerk für soziale Bewegungen gestartet wurde, rund um die Plattform indymedia.org. Diese Anlaufstelle für unabhängige Berichterstattung im Web hat eine bewegte Geschichte und geht zurück auf einen Aufstand in einer mexikanischen Provinzstadt. Heutzutage hat indymedia laut Reimon an Bedeutung verloren: ein Grund dafür ist vor allem der Bürgerjournalismus, also die Möglichkeit, via einfachster Mittel selbst zu bloggen und die Inhalte auf Social Networks zu bewerben.

Doch was ist „Soziale Bewegungen und Social Media“ nun? Ein Buch zum In-einer-Nacht-Durchlesen? Wohl kaum: die beinahe 400 Seiten haben es in sich. Sie fordern zum Gestalten auf, sie motivieren den Leser, sich selbst zu beteiligen. Der Untertitel „Handbuch für den Einsatz von Web 2.0“ beschreibt es am Besten. Social Media ist ein Werkzeug, ein Sprachrohr, eine Infrastruktur … interessant ist, was du daraus machst. Und wie so etwas aussieht, wie es funktioniert und wie es werden könnte, erzählen die 46 Autorinnen und Autoren mit überraschend konstanter Hochwertigkeit ihrer Beiträge. Die beiden Herausgeber – Hans Christian Voigt (@kellerabteil) und  Thomas Kreiml (@kreimlink) haben gezeigt, wie die mögliche Konsequenz des luther’schen Buchdrucks in der heutigen Zeit aussieht, haben nicht nur das Thema Social Media behandelt, sondern das Werk mit ihnen entstehen lassen: Und es war spannend, diesen Weg des kollaborativen Buchschreibens über Monate hinweg mitzuverfolgen und es in ein so gutes Buch resultieren zu sehen. Empfehlenswert für Menschen, die bereits jetzt schon mit Social Media agieren und durch die eingängigen Erklärungen auch für vollkommene Newcomer. Und es wäre schön, wenn dieses Buch dabei helfen könnte, eine breitere Gegenöffentlichkeit zu entwickeln.

 
Anton Pelinka: Nach der WindstilleHrsg: Hans Christian Voigt, Thomas Kreiml
Soziale Bewegungen und Social Media
Handbuch für den Einsatz von Web 2.0

ÖGB Verlag, Wien, 2011
Softcover, 396 Seiten
ISBN: 978-3-7035-1462-3
Preis: 29,90 Euro

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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