Der Amerikanische Traum ist am Ende. Die Krise hat vielleicht noch nicht die Banken, aber schlussendlich doch die Menschen erreicht. Und in der Hochburg des Neoliberalismus taucht etwas auf, das man in dieser Größenordnung kaum in den Staaten vermutete: erboste Menschen, die vom Kapitalismus nichts mehr wissen wollen. Doch, so wie es aussieht, ist das erst der Anfang.

Die Medien schwiegen. Selten habe ich es erlebt, dass die westlichen Medien in trauter Einigkeit kaum ein Wort über die Proteste an der Wall Street verloren. Die einzigen zwei Medien, wo ich mit Infos, mit Videos oder Fotos versorgt wurde, waren – wieder einmal – Twitter und Facebook. Dort konnte man Einblicke bekommen, wie die Grundrechte Amerikas von der maßlos überforderten und überraschend aggressiven Polizei mit den Füßen getreten wurden. Das hat der – den Protesten wohlgesonnene Sender MSNBC – in verstörenden Bildern eingefangen.

1.000 Menschen war am 17. September, dem Beginn der Besetzung des Zucotti Parks in Lower Manhattan, schon mit dabei. Dazu aufgerufen hat ein kanadisches Magazin namens Adbusters. Ihr Vorbild war die ägyptische Demokratiebewegung, wie auch CNN schon einen Tag davor berichtet hat. Wie auch damals bei #unibrennt in Österreich scheint es in New York keinen Anführer zu geben, keinen Chef. Im Park herrscht also scheinbar Basisdemokratie. Und: Sie haben es sich nicht nehmen lassen, selbst Medien zu entwickeln.

Neben dem unverzichtbaren Einsatz von Social Media versuchte man auch bei den Menschen auf der Straße Aufmerksamkeit zu bekommen. Das Occupied Wall Street Journal, ein 4seitiges Informationsblatt rund um die Besetzung, wurde durch Spenden finanziert und in einer Auflage von 50.000 Stück gedruckt. Zudem findet man unter We are the 99 percent eine Tumblr-Seite, wo Opfer der Krise ihre ganz persönliche Geschichte erzählen.

Forderungen? Well …

Das wohl größte Problem der Bewegung ist, dass sie sich bis jetzt noch nicht dazu durchringen konnten, Bedingungen aufzustellen. Viel mehr sieht es so aus, als wolle man mit den eigenen Schicksalen, mit dem Ausharren in der Kälte, Aufmerksamkeit erregen – die Politik solle wohl selbst entscheiden, wie sie helfen könnte. Ihr Vorwurf: dieser 1% der Amerikaner, die Reichsten des Landes, haben Einfluss auf die Politik, werden gefördert, werden in Krisenzeiten gerettet … während die restlichen 99% unter der gewinnorientierten Politik eben solcher Unternehmen, die den Reichen gehören, alles verlieren.

Eine so große heterogene Gruppe kann sich wohl auch nur schwer auf einige, wenige Forderungen einigen. Aber was man ihnen eindeutig unterstellen kann: sie befinden sich am linken Spektrum Amerikas. Von Medien schon als linke Tea Party bezeichnet, zeigt sich bei ihnen vor allem eines: sie fordern von Präsident Obama und den Entscheidungsträgern sichtbare Handlungen für die Menschen. Und heben dabei keinen Gegenkandidaten (und schon gar keinen Republikaner) als möglichen Retter empor. Es ist für sie egal, wer an der Spitze sitzt … solange die neoliberalistische Politik ein Ende nimmt. Und der Einfluss der großen Lobbys, der Reichen schließlich ein Ende hat.

Occupy World

Occupy Wall Street war, wie schon im Teaser angekündigt, nur der Anfang. Was folgte war: Occupy Chicago, Boston, Los Angeles, Toronto, Miami, San Francisco, Austin, Dallas, New Orleans und Occupy Philadelphia. Und für den 15. Oktober, den kommenden Samstag, wird wohl die ganze Welt besetzt. Die Schweizer basteln in Bern, Basel und Genf, in Deutschland und auch in Österreich gibt es in unzähligen Städten Aufrufe zum Protest. Unter dem Motto „United for #globalchange“ möchte man die Politik zum Handeln zwingen.

Unterstützung haben die Demonstranten an der Wall Street übrigens schon von prominenter Seite bekommen: Neben Schauspielern wie Roseanne Barr, Susan Sarandon oder der Regisseur Michael Moore, haben auch die beiden Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph E. Stiglitz und Paul Krugman ihre Unterstützung zugesagt. Und selbst Präsident Barack Obama hat sein Verständnis für die Frustration der Menschen ausgesprochen. Aber wie gesagt: Es geht nicht nur um die amerikanische Politik. Diese Heatmap zeigt, dass auf der ganzen Welt Aktionen geplant sind.

Was haltet ihr von #occupywallstreet? Werdet ihr bei #globalchange dabei sein? Wenn ja, in welcher Stadt?

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freier Journalist (dominikleitner.com) • Autor (Neon|Wilderness) • Lokaljournalist (MFG-Magazin) • CD-Kritiker (subtext.at • Journalismus-Student an der FHWien

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