Karim El-Gawhary sollte zumindest in Journalistenkreisen das Gesicht des heurigen Jahres sein. Seit Ende des vergangenen Jahres berichtet er für unzählige Medien (unter anderem: taz, Die Presse und ORF) aus den Geburtstätten des arabischen Frühlings. Mit seinem neuesten Buch, das er treffenderweise als Tagebuch betitelt, zeigt er eindrucksvolle Einblicke aus Tunesien, seiner Heimat Ägypten und Libyen … und zeigt zudem auf, dass der Journalist von heute nicht nur klassische Medien benutzen sollte.

Foto: Esther Saoub

2011 ist das Jahr der arabischen Revolution. Beginnend mit Tunesien, über Ägypten bis hin zum bislang letzten Sturz eines Diktators in Libyen. Die Welt südlich des Mittelmeers hat sich in den vergangenen Monaten in rasanter, eindrucksvoller Form entwickelt. Ein Mensch, der all diese Monate mit dabei war, ist Karim El-Gawhary. Er war stets (zu jeder Tages- und Nachtzeit) jener, der uns in Österreich via Live-Schaltung über die Ereignisse auf dem Laufenden hielt.

Karim El-Gawhary, geboren 1963 als Sohn einer deutschen Mutter und eines ägyptischen Vaters, studierte Islamwissenschaften und Politik an der FU Berlin. Seit 1991 ist er Nahost-Korrespondent für verschiedene deutschsprachige Zeitungen, u.a. die tageszeitung (Berlin), Die Presse (Wien) und die Sonntagszeitung (Zürich). Sein Büro befindet sich in Ägyptens Hauptstadt Kairo.

Seit 2004 leitet er das Nahostbüro des ORF in Kairo. Zuvor war er dort fünf Jahre als Vertreter des ARD-Rundfunkstudio tätig. Seit 2010 hat Karim El-Gawhary begonnen, auch mit den neuen Medien im Internet zu arbeiten. Er kommuniziert über seinen Blog „Arabesken“ auf taz.de, betreibt eine Facebook-Page mit rund 8.500 Fans und twittert zu 4.900 Follower.

Das „Tagebuch der arabischen Revolution“ ist kein eigenständiges Buch, keine Nacherzählung der Ereignisse, kein Rückblick. Dieses Buch vereint alles, was El-Gawhary während des arabischen Frühlings veröffentlicht hat. Und so mischen sich zwischen Blogbeiträgen auch mal das eine oder andere Facebookposting oder Tweets … inmitten von Texten für Die Presse und taz.de. Doch ist es da überhaupt noch nötig, sich das Buch zu kaufen? Wo doch eh schon alles irgendwo online zu finden ist? Natürlich! Weil es ein Stück moderner Journalismus ist, es aufzeigt, wie großartig die neuen Medien in Revolutionsmomenten funktionieren.

„Die Jugendlichen auf der Avenue Bourguiba in Tunis, auf dem Tahrir-Platz in Kairo und die Revolutionäre vor dem Gerichtsplatz in Bengasi, sie alle haben in einer Geschwindigkeit Geschichte geschrieben, mit der wir Journalisten nur atemlos versuchen konnten mitzuhalten.“

El-Gawharys Tagebuch beginnt mit Einträgen aus 2010, mit der Geschichte von Khaled Said, einem mutmaßlich von der ägyptischen Polizei zu Tode geprügelten jungen Mann. (Im DATUM 11/10 gibt es dazu einen ausführlichen Bericht). Und erzählt dann, seit den Beginn des tunesischen Aufschreis Ende des vergangenen Jahres in rasanter, mitreißender Form vom Arabischen Frühling. Man spürt seine Freude, seine Angst, seine Bedenken und manchmal auch seine Ratlosigkeit. Letzteres zum Beispiel bei den Berichten über die Baltagiyas, die Schlägertrupps, welche von Mubarak durch Kairo geschickt wurden.

„Diese arabische Demokratiebewegung hat genau das, was George W. Bushs Irak-Mission gegen Sadam Hussein im Namen der Demokratie vermissen ließ: Glaubwürdigkeit.“

Das Interessanteste am dem Buch sind einerseits die hautnahen Berichte „von der Front“. Hier liegt Gefühl in den Worten, hier spürt man, mit welcher Freude und zugleich mit welchem Stolz Herr El-Gawhary die rasanten Ereignisse kommentiert. Während des Lesens dachte ich mir jedoch, dass dies eine sehr einseitige, womöglich etwas naive Herangehensweise sein könnte. Doch schon im Anschluss an jedes Kapitel kam dann die kritische Rückschau. Jene Zeilen, die der Journalist geschrieben hat,  als er sich selbst erstmals mit dem Geschehenen auseinandersetzen konnte.

Ägypten. Der Umbruch seiner Heimat

Seine Seiten über den Sturz Mubaraks in Ägypten sind wohl auch die persönlichsten Zeilen des Buches. 20 Jahre lebt Karim El-Gawhary nun schon in diesem Land. Am 22. Jänner zurückgekehrt aus Tunesien, fand schon am 25. Jänner der erste „Tag des Zorns“ statt, organisiert durch Facebook und Twitter … die Geburtsstunde der lange andauernden Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz. Er verleiht dem ersten Tag des Aufstandes schon historische Bedeutung und erwartet schon jetzt, dass das das Ende von Hosni Mubarak bedeutet. Wobei er auch das mögliche iranische Szenario nicht außer Acht ließ.

Er nimmt uns mit auf die Reise, erklärt uns, wie Plünderer von der Polizei geduldet und von den Demonstranten verjagt wurden. Wie sich das Militär sehr rasch auf die Seite der Demonstrierenden stellte. Wie die Schlägertrupps losgeschickt wurden und er erzählt auch von gefolterten oder entführten Journalistenkollegen. Gänsehaut steigt schlussendlich auf, als die vermeintliche Rücktrittsrede und schließlich die still und heimliche Flucht Mubaraks zum Thema wird. Man spürt, welcher Stein auch El-Gawhary vom Herzen gefallen ist. Er, der, seit er in Ägypten lebt, keinen anderen Herrscher gesehen hat.

Arabischer Sommer, Herbst und Winter

Muammar al-Gadaffi ist übrigens am Ende des Buches noch an der Macht. Im April machte sich Karim El-Gawhary wieder auf den Weg zurück nach Kairo. Und versucht auf den letzten Seiten einen fragenden, einen kritischen Ausblick für die Zukunft der arabischen Welt zu schaffen.

„Ein Schwamm, um die Vergangenheit wegzuwischen, eine Rose, um die Gegenwart zu versüßen und ein Kuss, um die Zukunft zu grüßen.“ (arabisches Sprichwort)

Ich habe bisher selten ein Buch so rasch und voller Spannung ausgelesen, wie Karim El-Gawharys „Tagebuch der arabischen Revolution“. Es war unglaublich aufregend, die Ereignisse der vergangenen Monate noch einmal Revue passieren zu lassen, dank der unzähligen Aufzeichnungen des Journalisten. Es ist beeindruckend, in welchem Umfang und welcher Form El-Gawhary Multi-Plattform-Journalismus betrieb. Und auch wenn ich ihm jetzt mal etwas ruhigere Wochen wünsche, eine Fortsetzung des Tagebuchs wäre aufgrund all der Ereignisse beinahe schon Pflicht.

Tagebuch der arabischen Revolution
Der arabische Frühling live!
von Karim El-Gawhary

Verlag Kremayr & Scheriau
Hardcover

237 Seiten
ISBN 978-3-218-00829-7
EUR 22

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